Zinzendorff, Nikolaus von – Bei der Konfirmation.

Volk des HErrn! bring‘ dein Geschlechte
Nach dem alten Licht und Rechte
Her zum König aller Knechte,
Sprich: HErr, hier ist Dein Geschöpf!

Ehe es dem Satan diente,
Und in Fleischeslüsten grünte,
Und sich mit der Welt versühnte,
Eher hör‘ es auf zu sein!

Kommt, ihr Kinder, die wir haben
Als vielteure Gottesgaben!
Nehmt vom Schatz, dran wir uns laben,
Den euch zugedachten Teil:

Einen Teil am Liebesbande
Mit dem ew’gen Vaterlande,
Aber auch am Kreuzesstande
Und am Weltverleugnungssinn!

Wollet ihr euch binden lassen,
Und das Kreuz mit Freuden fassen,
Und die falsche Ruhe hassen?
Willst du, auserwähltes Pfand?

Ach, die ewigtreue Liebe
Schenk‘ euch ihre sel’gen Triebe,
Dass ein Jedes Glauben übe,
Bis ihr seht, was ihr geglaubt!

(1739.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Tauflied.

Geist der Wahrheit, nahe Dich,
Und besiehe dieses Kindlein,
Wie es da so stille liegt,
Eingewickelt in die Windlein;
Wie es von den armen Eltern
Dem, den ihre Seele liebt,
Williglich, wird aufgeopfert;
Wie man Dir’s für Jesum gibt!

Seine Seele in das Band
Der Lebendigen zu schlingen,
Und dem frohen Bräutigam
Es in schnellem Lauf zu bringen,
Sei nicht fern mit Deiner Salbung,
Wenn es Jesu Hand berührt,
Und mit Seiner blutigen Gnade,
Als mit einer Krone, ziert!

(Berlin, 11. April 1738.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Bei der Taufe eines Kindes.

Freundlicher Immanuel,
Des sich freuet Leib und Seel‘,
Welche Du mit Blut erkauft
Und in Deinen Tod getauft.

Schau‘, hier liegt vor Deinem Thron
Dieses Kind, ein weicher Ton,
Draus Du Dir ein liebes Bild
Gnadenvoll bereiten wilt.

Du bist auch ein Kind gewest,
Dass Du selbst erführst und sähst,
Wie dem lieben Kinderheer
Jederzeit zu Mute wär‘.

Deine Kindheit war ein Licht:
Dein holdselig Angesicht,
Dein Gehorsam, Deine Treu‘
Zeigte bald, was in Dir sei.

O so lass doch auch gescheh’n,
Dass wir an den Kindern seh’n,
Wessen man sich vor’ger Zeit
An dem Jesuskind gefreut!

Nimm hinweg den Eigensinn,
Stürz‘ auch alle Höh‘ dahin,
Die sich schon, wiewohl noch zart,
In den Kindern offenbart.

Lass die Zeit, da Du gewollt,
Dass ein Kindlein leben sollt,
Von dem heut’gen Tagesschein,
Von der Tauf‘ an Deine sein!

Gib, dass, wenn’s bei Jahren ist,
Es am Ziel der Gnadenfrist
Freudenvoll und ungekränkt
Habe, was Du ihm geschenkt!

Lass des Feindes List und Trug
Über ihm nicht Macht noch Fug;
Vor Verführung, die er schafft.
Schütze Du’s mit Geisteskraft!

Dieses ist’s, was Deiner Treu‘
Gläubig anbefohlen sei;
Es gedeih‘ zu Deinem Ruhm,
Und verbleib‘ Dein Eigentum!

(1724.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Schriftwort und Predigt.

Als unser Heiland erstanden gewesen,
Gingen zwei Freunde zusammen auf’s Land,
Welche die Bibel sehr fleißig gelesen,
Wussten auch, was in derselbigen stand:
Dennoch ging’s ihnen, wie anderen Leuten,
Welche den Sinn nicht recht wissen zu deuten.

Aber wer wird sie entschuldigen können?
Steht nicht in allen Kapiteln der Schrift,
Dass vom Messias das Kreuz nicht zu trennen,
Und Ihn auch dann noch das Sterben hier trifft?
Wenn ihnen Solches nicht wissend gewesen:
Saget, wie mussten sie haben gelesen?

Kann als Entschuldigung man es gestatten,
Dass sich die Zunft der Gelehrten hernach,
Welche die Bibel nun ebenfalls hatten,
Über der Deutung die Köpfe zerbrach,
Bis sich die hundert und etliche Sekten
Allesamt hinter die Bibel versteckten?

Wenn nur zu Christo ein fleißig Studieren,
Ein theologisches Schließen hinführt:
Möchte man Hoffnung und Liebe verlieren,
Weil ja nur Wenig‘ so hoch sind studiert;
Und dann: so führet zum himmlischen Stege
Jegliche Schule besondere Wege!

Doch was sagt Paulus? Das lässet sich hören:
„Mir gab kein Mensch es für meine Person,
Sondern ich ließ mich von Jesu belehren,
Hörte nur Seinen ernst lockenden Ton!“
Ob er gleich zählt zum studiereten Orden,
Ist er durch Jesum zum Mann erst geworden!

Wollten die Menschen, ach, wollten sie hören,
Jesus verschweiget nicht Einem das Wort;
Jesus ist kommen, die Menschen zu lehren,
Jesus besuchet den schlechtesten Ort,
Jesus begehret nicht blinde Verehrer,
Aber verständige, willige Hörer.

Seht! wie die Jünger bei Jesu gelernet,
Wie Er gesprochen zu ihrem Gemüt,
Wie von der Schrift Er sie niemals entfernet,
Sondern sie stets mit der Bibel beschied!
Gnügte sie Ihm, dem unsterblichen Meister,
Wahrlich, dann gilt sie für fündige Geister!

Lasst uns die alten Exempel besehen,
Was zu Aposteln die Fischer gemacht:
Das muss bei allen Gelehrten geschehen,
Wollen sie dienen der himmlischen Macht.
Uns hat, so haben die Jünger bekennet,
Über dem Lehren das Herze gebrennet!

Hohes Geheimnis, vortreffliche Schule,
Enthusiasmus voll hoher Vernunft!
Denn es wirft einen Professor vom Stuhle,
Aber bringt Toren zu göttlicher Zunft;
Wem nicht das Herze beim Lehren entglommen,
Der hat ohnfehlbar nichts Rechtes vernommen!

Redner! ach lasset das nichtige Plaudern,
Wisst ihr die Straße, beschreibt ihr den Weg:
Wie, dass die Hörer so jämmerlich zaudern,
Nur zu verlassen den schädlichen Steg!
Zeigt ihr den Leuten ihr wahres Verderben,
Sind sie denn Narren, mit Vorsatz zu sterben?

Nein! spricht der Ewige, täten die Lehrer,
Was Ich befohlen, und sagten es hin,
O so bekehrten sich ihre Verehrer;
Aber wo fehlt es? Am richtigen Sinn!
Was wird von Einem wohl gründlich’s gelehret,
Der es selbst noch nicht von Jesu gehöret?

Seelen, gebt Achtung in jeglicher Predigt,
Erst: wie der Lehrer die Rede gemeint;
Du er die Sache vom Zweifel erledigt,
Ob sein Gebäude gegründet erscheint;
Ob ihr das habet, worauf er gezielet,
Und was ihr endlich im Herzen gefühlet!

Habt ihr daneben ein redliches Wollen,
Seid ihr begierig, die Leute zu sein,
Die nach der Bibel die Christen sein sollen,
Und es dringt dennoch die Predigt nicht ein:
Nun dann, so denk‘ ich mit heiligem Schauder:
Ach, sie bestand nur in leerem Geplauder!

Tönet hingegen die göttliche Stimme,
Tönt sie durch einen geheiligten Mund,
Schreckt uns die Gottheit mit feurigem Grimme,
Oder es lockt uns ihr lieblicher Bund:
Dann ist kein redliches Herze vorhanden,
Wo nicht ein Brennen und Glühen entstanden.

Das kann die Lehrer das Predigen lehren,
Hier hat ein Laie die richtige Spur.
Hört er, und kann doch nichts Nützliches hören,
Such‘ er’s bei sich und dem Prediger nur;
Hört er was Rechtes, so wird er geschrecket,
Oder zum Leben lebendig erwecket.

Lass die Vernunft nun die Kräfte verbinden;
Hat sie was Klüg’res zu Wege gebracht?
Kann sie die Menschen im Herzen entzünden,
Wie oft die Einfalt die Probe gemacht?
Reden, wo redliche Seelen Nichts fühlen,
Sind ein pur lauter Komödien-Spielen!

(Am Ostermontage 1726.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Der ewiggleiche Predigtstoff.

Wenn man ein armes Herze sieht,
Das sich um’s Seligsein bemüht:
Was fiel‘ uns ihm zu sagen ein,
Als von des Lammes Todespein?
Man hat’s, man zeugt, und wider diesen Schmerz
Verpanzert sich kein Herz, wär’s Stahl und Erz!

Du Kirche Gottes! unser Bund
Beruht auf diesem Felsengrund:
Die blutige Gnade ist’s allein,
Durch die wir so verbunden sein.
Das bleibt der Text, sowohl im eig’nen Haus,
Als wenn wir zu den Heiden zieh’n hinaus.

(um 1745.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Gottes Wort.

Hört ihr‘s, ihr Wächter auf Zions Tor!
Ruft, dass es schallet in Adler Ohr:
Christus ist die Ursach‘ von allen Dingen,
Christus alleine kann wiederbringen
Das, was verlor’n.

In unsrer Bibel ist um und um
Christus der Lehre Hauptpunkt und Summ‘,
In der alt- und neuen. Geist Jesu! drücke
Diese darinnen verfassten Stücke
In aller Herz:

Dass unsre Lehre nur Christus sei;
Dass Gott nur Gnade in Ihm verleih‘;
Dass Er unser Heilsgrund, und allem Samen
Gott nur in Ihm und in Seinem Namen
Zu pred’gen sei;

Dass außer Christo kein Gnadenwort:
Von Ihm fing’s an und in Ihm geht’s fort;
Dass Sein Blut die Sünde allein versühnet,
Und des Gesetzes Werk Nichts verdienet
Zur Seligkeit;

Wie das der Gnade ihr rechter Gang,
Dass man Erkenntnis der Sünd‘ empfang‘
Aus dem Tode Jesu: das ist’s Geheimnis.
Wovon man nun ohne Zeitversäumnis
Posaunen soll.

Und wer es höret, der merke drauf,
Und denke an den kostbaren Kauf,
Da durch einen Menschen die Seelen alle
Wurden erlöset vom Sündenfalle
Durch Seinen Tod.

(1740; auf Dr. Werenfels in Basel gedichtet.)

Zinzendorff, Nikolaus von – Aufrichtige Erklärung, wie es ihm um’s Herz ist.

Du unser auserwähltes Haupt,
An welches unsre Seelen glaubt!
Lass uns in Deiner Nägel Mal
Erblicken unsre Gnadenwahl,
Und durch der aufgespalt’nen Seite Schrein
Führ‘ unsre Seelen aus und durch und ein.

Dies ist das wundervolle Ding:
Erst dünkt’s für Kinder zu gering,
Und dann zerglaubt ein Mann sich dran,
Und stirbt wohl, eh‘ er’s glauben kann.
Daran erkennt man hier das kleine Heer,
Und davon singt man noch am gläsern Meer.

So lange eine Menschheit ist,
So lange Jesus bleibt der Christ,
So bleibet dies das A und O
Vom ganzen Evangelio,
Und dass es Gotteskraft und Weisheit ist,
Das wisst ihr Alle, die ihr Wahrheit wisst.

Mein Heiland! wär‘ ich armes Kind,
Das sich um Deine Füße wind’t,
Das Dich, Du liebster Seelenmann,
Nicht eine Stunde missen kann,
Und das Dich über sich und Alles liebt,
In Deiner Sprache etwas mehr geübt!

Doch, lass die Lippen trocken sein:
Des Geistes Hauch darf nur hinein,
Der von dem Thron der Majestät
In Donnern und Posaunen geht.
Und eine Kohle vom Altar gebraucht:
Dann rühren sich die Lippen, dass es raucht!

So zeug‘ ich denn! wer hört mir zu?
Wer hat im Herzen keine Ruh‘?
Wer weiß, wie tief die Sünde frisst,
Und dass er Nichts als Sünde ist,
Und weiß sich keinen Rat, wo ein noch aus:
Der höre zu! denn da wird Etwas draus.

Wer aber von der Mutter her
Vielleicht noch unbescholten wär‘,
Und wüsste kaum, was Fleisch und Blut,
Was Geiz sei oder hoher Mut,
Und sich in Allem selber helfen kann:
Der ist ein blinder und ein tauber Mann.

Ein heiliger und reiner Geist,
Und was man einen Heil’gen heißt,
Ist vor dem HErrn der Kreatur
Und vor dem Meister der Natur
Von keinem Andern Zeuge, als ein Blatt,
Das auch sein Wesen von dem Schöpfer hat.

Auch ist ein Rat der Ewigkeit
Viel älter, als die graue Zeit,
Und wer den Ratschluss meistern will,
Muss Satan sein, sonst schweigt er still:
Ein Töpfer macht aus Leimen allerlei,
Und das ist’s, was er machet, dass es sei.

Das Leben ist von oben her,
Der Tod ist auch nicht ohngefähr;
Dazu verdammet das Gericht,
Das Herze Gottes aber nicht.
Wer Gottes Wesen weiß, weiß Seinen Tod,
Wer’s Herze kennt, der ist aus aller Not.

Wir sehen wohl die Geister nicht,
Die erst die Sünde angericht’t;
Doch sehe sich nur Jedermann,
Der bei sich selbst ist, selber an:
Wenn keine Sünde in der Menschheit wär‘:
Wo hätten ich und du die Sünde her?

Wie weislich ist der Rat bestellt,
Der Rat der Wächter aller Welt! 1(Dan. 4, 11.)
Das Meiste ist nicht offenbar,
Doch was man weiß, ist sonnenklar.
Die Torheit fragt den HErrn: Was machest Du? –
Die Weisheit glaubt, und denkt: Du Liebe, Du!

Gelobet sei das Lebensbuch,
Vordem verhüllt in Mosis Tuch,
Mit sieben Siegeln zugemacht,
Bis man das Lamm herzugebracht,
Das Lamm, den weltbekannten Sünderfreund,
Der selbstgewachs’nen Tugend höchsten Feind!

Das Wort, das, an das Kreuz gemalt,
In blutigem Flammenfeuer strahlt,
Das heißt: „Hier hängt Immanuel,
Verflucht für dich, o Menschenseel‘! 2(Gal. 3, 11.)
Darüber stutzt und fluchet die Natur;
Doch Gott beteuert es mit einem Schwur:

„So wahr ich lebe!“ spricht der Mann,
Der Nichts als Amen sagen kann,
Und der unfehlbar Wort und Tat
Im Augenblick beisammen hat,
Und was er will, das lässt Er sich nicht reu’n:
Mein Sohn, mein Sohn soll Hoherpriester sein!“ 3(Ps.110, 3.)

Er kommt, der Sohn, Er sagt uns an,
Wie’s mit dem Priesteramt getan:
„Der Vater hat den Erben lieb;
Und dazu kommt ein neuer Trieb,
Dass Ich den ew’gen Rat durch’s Recht erfüll‘,
Und für der Menschen Leben sterben will.“

Die Worte sind unleugbar da;
Die Tat war diesen Worten nah,
Und von der Prob‘: ob’s Wahrheit ist,
Was man im Buch geschrieben liest,
Bezeugt der große Gnadenbundesmann,
Dass sie ein Jeder selber machen kann.

Man macht sie dann auf solche Art,
Dass sich im Herzen offenbart,
Ob Jesus Christus, Gottes Lamm,
Wahrhaftig starb am Kreuzesstamm.
Die Art der Probe teilt sich überaus,
Die Probe aber läuft auf Eins hinaus.

Wenn Einer in dem Glanz des Lichts
Sich sieht, und sieht, er tauge Nichts,
Und geht und greift die Sache an,
Und tut nicht, was er sonst getan,
Er müht sich selber viel und mancherlei:
Der lernet nie, was ein Erlöser sei.

Wenn aber ein verlornes Kind
Vom Tod erwacht, sich krümmt und wind’t,
Und sieht das Bös als böse an,
Und glaubet, dass es sonst Nichts kann,
Verzagt an sich, es geht ihm aber nah‘:
Kaum sieht sich’s um, so steht der Heiland da:

„Wie geht dir’s?“ „O es geht nicht gut!
Ich liege hier in meinem Blut!“
Da spricht der Seelenfreund: „Mein Sohn!
Nimm hin die Absolution,
Und sieh‘ Mich an und glaub‘, und stehe auf,
Und freue dich, und zieh‘ dich an und lauf!“

Die Seel‘ empfäht den neuen Geist,
Sie glaubt und tut, was Jesus heißt;
Sie sieht das Lamm mit Augen an,
Die Gott alleine geben kann,
Steht auf, bekommt ein unsichtbar Gewand,
Und ist auf einmal mit dem Lamm bekannt.

Die Sünderscham und Gotteskraft,
Die machen gleich Genossenschaft,
Und schließen sich in’s Herz hinein,
Und wollen nicht getrennet sein;
Da geht kein guter Wille mehr zurück,
Denn ihre Arbeit ist ein ew’ges Glück!

Erst heißt der Freund die Seele ruh’n,
Dann essen, und hernach was tun;
So übt Er ihre Glaubenskraft
In einer treuen Ritterschaft;
Sie tut’s, und wenn sie dann ihr Werk getan,
Denkt sie gemeiniglich nicht weiter dran.

Und würde sie ja irgendwo
Der eignen Gnadenarbeit froh:
So kommt die heil’ge Scham herbei,
Und zeiget ihr so Mancherlei,
Dass sie Gott dankt, wenn sie sich selbst vergisst,
Und denkt an Nichts, als dass ein Heiland ist.

Und allenthalben steht der Sinn
Der Gläubigen zur Gnade hin,
Und sinnet wie er Nacht und Tag
Dem Bräutigam gefallen mag,
Der ihn vom ew’gen Tode losgemacht,
Und unverdient zu Kron‘ und Thron gebracht.

O Herr Jesu! wenn Dein Zeugenheer
Nicht eine Donnerwolke wär‘.
So könnte man es noch versteh’n,
Dass Viele sie nicht hör’n und seh’n;
Doch was ist’s endlich Wunder? Ach, es sind
Die Menschen von Natur getäubt und blind!

Darum befiehlt uns Jesus nun,
Der Blinden Augen aufzutun,
Und wenn wir rufen, ist Er da,
Und ruft den Tauben: „Hephatha!“
So wird das Evangelium gehört,
So wird das Auge auf das Lamm gekehrt.

Da bin ich auch Dein Untertan,
Und melde meine Gaben an,
Die Du mir Armen mitgeteilt,
Seitdem Dein Pfeil mein Herz ereilt.
Nun säh‘ ich gern ein gutes Teil der Welt
Gerettet und zur Rechten hingestellt.

Wenn mich der Hausherr Boten schickt,
So halt ich mich für höchst beglückt;
O unser allgemeines Haupt!
Gib, dass man meiner Botschaft glaubt!
Mein Rufen dring‘ in Ohr‘ und Herzen ein,
Und wenn ich auf Dich weise, so erschein?!

(Gedichtet im Februar, gedruckt am Thomastage [21. Decbr.] 1734 zu Tübingen.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Schriftwort und Predigt.

Als unser Heiland erstanden gewesen,
Gingen zwei Freunde zusammen auf’s Land,
Welche die Bibel sehr fleißig gelesen,
Wussten auch, was in derselbigen stand:
Dennoch ging’s ihnen, wie anderen Leuten,
Welche den Sinn nicht recht wissen zu deuten.

Aber wer wird sie entschuldigen können?
Steht nicht in allen Kapiteln der Schrift,
Dass vom Messias das Kreuz nicht zu trennen,
Und Ihn auch dann noch das Sterben hier trifft?
Wenn ihnen Solches nicht wissend gewesen:
Saget, wie mussten sie haben gelesen?

Kann als Entschuldigung man es gestatten,
Dass sich die Zunft der Gelehrten hernach,
Welche die Bibel nun ebenfalls hatten,
Über der Deutung die Köpfe zerbrach,
Bis sich die hundert und etliche Sekten
Allesamt hinter die Bibel versteckten?

Wenn nur zu Christo ein fleißig Studieren,
Ein theologisches Schließen hinführt:
Möchte man Hoffnung und Liebe verlieren,
Weil ja nur Wenig‘ so hoch sind studiert;
Und dann: so führet zum himmlischen Stege
Jegliche Schule besondere Wege!

Doch was sagt Paulus? Das lässet sich hören:
„Mir gab kein Mensch es für meine Person,
Sondern ich ließ mich von Jesu belehren,
Hörte nur Seinen ernst lockenden Ton!“
Ob er gleich zählt zum studiereten Orden,
Ist er durch Jesum zum Mann erst geworden!

Wollten die Menschen, ach, wollten sie hören,
Jesus verschweiget nicht Einem das Wort;
Jesus ist kommen, die Menschen zu lehren,
Jesus besuchet den schlechtesten Ort,
Jesus begehret nicht blinde Verehrer,
Aber verständige, willige Hörer.

Seht! wie die Jünger bei Jesu gelernet,
Wie Er gesprochen zu ihrem Gemüt,
Wie von der Schrift Er sie niemals entfernet,
Sondern sie stets mit der Bibel beschied!
Gnügte sie Ihm, dem unsterblichen Meister,
Wahrlich, dann gilt sie für fündige Geister!

Lasst uns die alten Exempel besehen,
Was zu Aposteln die Fischer gemacht:
Das muss bei allen Gelehrten geschehen,
Wollen sie dienen der himmlischen Macht.
Uns hat, so haben die Jünger bekennet,
Über dem Lehren das Herze gebrennet!

Hohes Geheimnis, vortreffliche Schule,
Enthusiasmus voll hoher Vernunft!
Denn es wirft einen Professor vom Stuhle,
Aber bringt Toren zu göttlicher Zunft;
Wem nicht das Herze beim Lehren entglommen,
Der hat ohnfehlbar nichts Rechtes vernommen!

Redner! ach lasset das nichtige Plaudern,
Wisst ihr die Straße, beschreibt ihr den Weg:
Wie, dass die Hörer so jämmerlich zaudern,
Nur zu verlassen den schädlichen Steg!
Zeigt ihr den Leuten ihr wahres Verderben,
Sind sie denn Narren, mit Vorsatz zu sterben?

Nein! spricht der Ewige, täten die Lehrer,
Was Ich befohlen, und sagten es hin,
O so bekehrten sich ihre Verehrer;
Aber wo fehlt es? Am richtigen Sinn!
Was wird von Einem wohl gründlich’s gelehret,
Der es selbst noch nicht von Jesu gehöret?

Seelen, gebt Achtung in jeglicher Predigt,
Erst: wie der Lehrer die Rede gemeint;
Du er die Sache vom Zweifel erledigt,
Ob sein Gebäude gegründet erscheint;
Ob ihr das habet, worauf er gezielet,
Und was ihr endlich im Herzen gefühlet!

Habt ihr daneben ein redliches Wollen,
Seid ihr begierig, die Leute zu sein,
Die nach der Bibel die Christen sein sollen,
Und es dringt dennoch die Predigt nicht ein:
Nun dann, so denk‘ ich mit heiligem Schauder:
Ach, sie bestand nur in leerem Geplauder!

Tönet hingegen die göttliche Stimme,
Tönt sie durch einen geheiligten Mund,
Schreckt uns die Gottheit mit feurigem Grimme,
Oder es lockt uns ihr lieblicher Bund:
Dann ist kein redliches Herze vorhanden,
Wo nicht ein Brennen und Glühen entstanden.

Das kann die Lehrer das Predigen lehren,
Hier hat ein Laie die richtige Spur.
Hört er, und kann doch nichts Nützliches hören,
Such‘ er’s bei sich und dem Prediger nur;
Hört er was Rechtes, so wird er geschrecket,
Oder zum Leben lebendig erwecket.

Lass die Vernunft nun die Kräfte verbinden;
Hat sie was Klüg’res zu Wege gebracht?
Kann sie die Menschen im Herzen entzünden,
Wie oft die Einfalt die Probe gemacht?
Reden, wo redliche Seelen Nichts fühlen,
Sind ein pur lauter Komödien-Spielen!

(Am Ostermontage 1726.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Der ewiggleiche Predigtstoff.

Wenn man ein armes Herze sieht,
Das sich um’s Seligsein bemüht:
Was fiel‘ uns ihm zu sagen ein,
Als von des Lammes Todespein?
Man hat’s, man zeugt, und wider diesen Schmerz
Verpanzert sich kein Herz, wär’s Stahl und Erz!

Du Kirche Gottes! unser Bund
Beruht auf diesem Felsengrund:
Die blutige Gnade ist’s allein,
Durch die wir so verbunden sein.
Das bleibt der Text, sowohl im eig’nen Haus,
Als wenn wir zu den Heiden zieh’n hinaus.

(um 1745.)

Zinzendorf, Nikolaus von – Gottes Wort.

Hört ihr’s, ihr Wächter auf Zions Tor!
Ruft, dass es schallet in Adler Ohr:
Christus ist die Ursach‘ von allen Dingen,
Christus alleine kann wiederbringen
Das, was verlor’n.

In unsrer Bibel ist um und um
Christus der Lehre Hauptpunkt und Summ‘,
In der alt- und neuen. Geist Jesu! drücke
Diese darinnen verfassten Stücke
In aller Herz:

Dass unsre Lehre nur Christus sei;
Dass Gott nur Gnade in Ihm verleih‘;
Dass Er unser Heilsgrund, und allem Samen
Gott nur in Ihm und in Seinem Namen
Zu pred’gen sei;

Dass außer Christo kein Gnadenwort:
Von Ihm fing’s an und in Ihm geht’s fort;
Dass Sein Blut die Sünde allein versühnet,
Und des Gesetzes Werk Nichts verdienet
Zur Seligkeit;

Wie das der Gnade ihr rechter Gang,
Dass man Erkenntnis der Sünd‘ empfang‘
Aus dem Tode Jesu: das ist’s Geheimnis.
Wovon man nun ohne Zeitversäumnis
Posaunen soll.

Und wer es höret, der merke drauf,
Und denke an den kostbaren Kauf,
Da durch einen Menschen die Seelen alle
Wurden erlöset vom Sündenfalle
Durch Seinen Tod.

(1740; auf Dr. Werenfels in Basel gedichtet.)