Albert Zeller – Warum zagst du Menschenkind?

Warum zagst du Menschenkind?
Warum dieses tiefe Bangen?
Mitten in dem Tode sind
Wir von Leben noch umfangen:
Ist denn auch ein Ungefähr,
Wo der Herr nicht selber wär?

Tod und Leben sind nicht Zwei;
Sterben ist dein ganzes Leben;
Siehst du gleich in bunter Reih
Anders es vorüber schweben;
Und allein der letzte Tod
Endet auch die letzte Not.

Welch ein Trost ist dir bereit
In des letzten Kampfes Nöten,
Wenn dein Mund Erbarmung schreit!
Gott allein vermag zu töten;
Keine andre Kreatur,
Er, dein Schöpfer, kann es nur.

Gottes Odem, Erdenstaub,
Wunderbar in Eins verschlungen,
Liebe Seele hoff und glaub!
Jetzo heißts nur losgerungen,
Staub zu Staub und Geist zu Geist,
Wenn das enge Band zerreißt!

Muss es denn gestorben sei
Von der Hand der Liebe sterben
Nenn ich in der höchsten Pein
Keinen Fluch und kein Verderben;
Blick ihr fest ins Angesicht,
Bis dein Herz und Auge bricht!

Wüsstest du und fühltest du,
Wie die treuste Liebe liebet,
O! wie gern gingst du zur Ruh,
Wenn sie dich genug geübet;
Schliefest still und zweifellos
Ein in deines Vaters Schoß.

Ja so ists! und, der es sagt,
Er hat selbst, wie du, gerungen;
Hat, wie du, geseufzt, gezagt,
Von des Todes Macht bezwungen,
Und geschmeckt die Bitterkeit
Bis zur Gottverlassenheit.

Er, dem Erd und Himmel dient,
Hat aus Liebe dies erduldet,
Und erbarmend ausgesühnt,
Was du armer Mensch verschuldet:
Und es schirmt der Gnade Schild
Selbst im Tod sein Ebenbild.

Du in ihm, und er in dir,
Welche Macht kann da dich schrecken?
Nun so darfst du für und für
Dich mit seiner Allmacht decken:
Erd und Himmel wird vergehn,
Deinen Heiland wirst du sehn.

Albert Zeller – Wohin ich greif und hasche

Wohin ich greif und hasche,
Treff ich auf Sterblichkeit;
Du gibst mir Schmuck für Asche
Und Freudenöl für Leid
Du machst den Mund voll Lachen,
Der erst voll Weinen war,
Und nimmst in allen Sachen
Mein Allerbestes wahr.

Manch Unheil zog hernieder
Und manche Wetternacht;
Doch immer hat mir wieder
Der helle Tag gelacht;
Wie eine frische Blume
Erschien die Welt aufs Neu,
Und sprach von deinem Ruhme
Und deiner ewgen Treu.

Als ich an Babels Bächen
Still unter Weiden saß,
Vor Gram nicht konnte sprechen,
Mein Leid mit Tränen nass,
Da gabst du mir die Harfe
Zum Trost in meine Hand:
Weg floss der Schmerz, der scharfe,
Hernieder in den Sand.

Von Zion will ich singen
Au all mein Leben lang;
Nach Zion soll sich schwingen
Mein Herz und Harfenklang!
Gern will ich länger weilen
In meiner Fremdlingschaft,
Willst du mir fort erteilen
So frische Glaubenskraft.

O süßer Gottesfrieden,
Im Werk die Sabbatruh,
Bleibst du mir nur hienieden,
So schreit ich rüstig zu.
Ich will der vorgen Zeiten
Seit allzeit eingebenk,
So wird mich auch begleiten
Das himmlische Geschenk.

Ist mir schon hier geschehen,
So wie ich hab geglaubt,
Und über mein Verstehen
Erstattet, was geraubt,
Was wird mir da erst werden,
Wenn ich vollendet bin,
Und du mich von der Erden
In Liebe nimmst dahin!

Albert Zeller – Du hast mein sterbliches Gebein

Du hast mein sterbliches Gebein
Mit deiner Kraft verklärt,
Und mir in deiner Todespein
Unsterblichkeit gewährt.

Ich sterbe täglich; doch was ists,
Wenn mein Gewand vergeht,
Wenn es im Namen meines Christs
Doch also um mich steht?

Gelebt hab ich von deiner Treu,
Gesehn von deinem Licht;
Es strahlet mir ja bald aufs Neu
Von deinem Angesicht.

Du lebst und Alle froh mit dir,
Die dir gestorben sind;
Was soll denn noch das Trauern hier,
Wenns endet so geschwind?

Dein Leib war uns das Himmelsbrot,
Dein Blut der Lebensquell;
Wie hielte uns da noch ein Tod,
Und käm er aus der Höll?

So legt den Leib zu seiner Ruh,
Den Staub zu seinem Staub!
Die Seele fliegt dem Himmel zu,
Und weiß von keinem Raub.

Indessen tragen wir das Joch
Und schauen fröhlich drein:
Wills Gott, wir könnten heute noch
Im Paradiese sein!

Albert Zeller – O hätt ich nur die rechte Liebe

O hätt ich nur die rechte Liebe,
Die nichts, als ihren Jesum wüsste;
Die es von Grund der Seele triebe,
Dass sie den Sohn des Heiles küsste!

Dass ich an seinem Herzen ruhte,
Am Herzen voller Gnad und Milde,
Gereiniget mit seinem Blute,
Verklärt von seinem heilgen Bilde!

Dass ich in seiner Treue stünde,
Die nur des Vaters Willen kannte,
Und auch von der geringsten Sünde
Sich weg in hohem Zürnen wandte!

O könnt ich glauben, könnt ich beten,
Wie ers getan in Geist und Wahrheit,
So kindlich vor den Vater treten,
Und dauen seine Gnad und Klarheit!

Könnt ich so heldenmütig streiten,
Den Reiz der Welt so überwinden,
Und meines Gottes Lieblichkeiten
In jeder Lilie wieder finden!

O dass ich Alle so umfasste
Mit solchen reichen Liebeskräften,
Und für den Schlimmsten, der mich haste,
Mich ließ ans Kreuz mit Freuden heften!

Das wär ein selig Leben, Sterben;
Ein Vorschmack von des Himmels Frieden:
Was wollt ich weiter noch erwerben
Auf meinem Gang zu ihn hienieden?

Und hat er Weniger verheißen,
Will er uns denn nicht Alles geben?
Mit Himmelskost den Pilgrim speisen,
Und mit dem Safte seiner Reben?

Wenn wir an ihm wie Zweige hangen,
Am Baume seines reinen Lebens,
Und keine andre Lust verlangen,
Dann bitten wir ja nicht vergebens!

Und was der Vater ihm verliehen,
Das schenkt er uns aus seiner Fülle:
Denn Alle will er zu sich ziehen
Aus dieses Staubes niedrer Hülle.

Albert Zeller – Die Sonne sinket in das Meer hinab

Die Sonne sinket in das Meer hinab,
Ein großes Leben in ein großes Grab.
Was meinem Aug in Schatten nun vergeht,
Das ist ein Glanz, der jenseits aufersteht.
So ist der Mensch, sein kommen und sein Gehn,
Sein Leben, Sterben und sein Auferstehn:
Fest stehet er in sonnenheller Pracht,
Noch einen Augenblick und es ist Nacht!
Oft wird es Nacht am Tage im ihn her,
Die Finsternis ergießt sich wie ein Meer,
Der Sturm hat seine Fahne ausgerollt,
Der Abgrund steigt zum Himmel auf und grollt.
Das ist die Nacht, wo Jeder wirken kann,
Der seinem Schicksal stehet als ein Mann;
Die Nacht, in der ein Jeder zeigen mag,
Was er geworden ist am lichten Tag.

Da zittre nicht, du schwankes Menschenberg,
Schlag immer fest und ruhig himmelwärts!
Und bricht das Schiff, so breche nicht der Mut!
Gott ist der Herr des Sturms und der Flut:
Wenn wir nicht fest in ihm gegründet sind,
Sind wir ein glimmend Licht in Sturm und Wind;
Doch siehet uns sein Auge gnädig an,
Ist eine Welt uns freudig untertan;
Und ist der Schiffbruch unser Tod,
Wir kennen ihn und sein Gebot:
In Nacht und Kämpfen untergeht
Der Glanz, der jenseits aufersteht!

Albert Zeller – Was willst du mir am frühen Morgen sagen

Was willst du mir am frühen Morgen sagen,
Du mein geliebter jugendlicher Fluss,
Mit deiner klaren Wellen muntrem Jagen,
Mit deiner Freude schäumendem Erguss?
Als wir uns gestern in den Felsen trafen,
Sprang ich mit dir bis zu der tiefen Nacht:
Der müde Wandrer musste ruhn und schlafen,
Du aber hast gejubelt und gelacht.

Noch liegt die Nacht im stillen Tannengrunde,
Mein Vogel singt sein helles Morgenlied;
Da schallt dein Ruf schon rauschend in die Runde,
Wie schon das Licht auf deinem Spiegel zieht.
So eilt der Geist dem künft’gen Tag entgegen,
Umfangen noch von Nacht und Dämmerung,
Und hebt sich hoch mit kühnen Flügelschlägen
Zum Quell des Lichts in seiner Ahnung Schwung.

Woher wir kommen und wohin wir gehen,
Wir wissens nicht, macht es nicht offenbar
In seines Geistes wunderbarem Wehen,
Er, der da sein wird, ist und immer war.
Geheimnisvoll ergießet sich das Leben
Aus tiefem Born unendlich durch die Welt;
Und Well auf Welle wird in leichtem Schweben
Der kaum ergossnen fliegend zugesellt.

Hin eilt die Flut, und wie sie voll von Segen
Der Zeiten und des Raumes Fülle tränkt,
So wird mit leisen und gewaltgen Schlägen
Auch alles Dasein tief in sie versenkt.
Gestalten nahen und Gestalten fliehen,
Und ein Geschlecht ums andre geht zur Ruh;
Was hold und gut und köstlich ist gediehen,
Es ist dahin in kaum erblicktem Nu.

Und über all der tausendfachen Wandlung
Schwebt Gottes Geist in hoher Schöpferkraft,
Und seine Tat ists, seines Willens Handlung,
Die Erd und Himmel stündlich neu erschafft.
Ein Tag verkündet strahlend es dem andern,
Alnächtlich geht das Wunder durch die Welt,
Und alle Pfade, die wir mögen wandern,
Sie sind von seinem ewgen Licht erhellt.

Und Alles preist den Schöpfer der Geschlechter,
Vor dems kein Erstes und kein Letztes gibt,
Der als ein treuer Vater, ein gerechter,
Den Jüngsten wie den Erstgebornen liebt:
Was nach einander rätselhaft entstehet
Und nach einander wird dem Tod zum Raub,
Für ihn, dem nichts Erschaffenes entgehet,
Ist Alles Blüte, Frucht und grünes Laub.

Er pflücket sie und ordnet sie zusammen
In ein verschlungnes wundervolles Eins;
Und wann sie kamen und woher sie stammen,
Es fehlet ihrer aller dennoch keins;
Nur immer voller wird der Kranz gewunden,
Dem nichts zu früh und nichts zu spät entsprießt;
Doch hat kein sterblich Auge noch gefunden,
Wie er sich einstens überherrlich schließt.

Albert Zeller – Klag deine Not

Klag deine Not
Dem lieben Gott,
Wenn Alle dich verlassen,
Und Keiner hört,
Was dich verzehrt,
Und deinen Schmerz kann fassen!

Eh dus gesagt,
Eh dus geklagt,
Hat er es schon erfahren:
Mehr als die Hut
Der Mutter tut,
Will er dein Haupt bewahren.

Er hat die Welt
Auf Lieb gestellt;
So fasst er auch die Seinen;
Nach Nacht und Leid
Und Traurigkeit
Muss dir sein Antlitz scheinen.

Sein ist die Zeit,
Die Ewigkeit,
Dein Leben und dein Sterben;
Und wir sind hier
Zu seiner Zier,
Und seines Reiches Erben.

So herrlich denkt,
Der uns geschenkt
In seinem Sohne Alles,
Und nicht gedacht
In Vatermacht
Des tiefen Sündenfalles.

Von Anbeginn
War das sein Sinn,
Und dennoch kannst du zagen?
So hier, wie dort
Gilt nur sein Wort,
Und darauf sollst dus wagen!

Was dein, ist sein,
Was sein, ist dein:
O Meeresstrom von Liebe!
Wie da auch nur
Noch eine Spur
Von Not und Jammer bliebe!

Albert Zeller – Geh, vertrau nur Gott dem Herrn!

Geh, vertrau nur Gott dem Herrn!
Folg ihm kindlich, folg ihm gern!
Will dein Herz in Jammer brechen,
Tritt zu seines Lebens Bächen!
Einen Trunk aus dieser Flut!
Alles, Alles ist dann gut.

Wo dich rings ein Abgrund schreckt,
Der zu deinem Fuß sich streckt:
Zwischen Höhen, zwischen Schlünden,
Weiß er einen Steg zu gründen,
Tritt aus einer Felsenwand,
Führet dich in ebnes Land.

Alles ist in seinem Rat
Weisheit, Liebe, Will und Tat;
Alles hat er vorgesehen,
Alles ist bei ihm gegeben;
Denn das Maß für seine Zeit
Ist ja nur die Ewigkeit.

Darum stille, still im Schmerz!
Er legt dir die Hand aufs Herz,
Und sein Beben und sein Schlagen,
Seine Seufzer, seine Klagen
Deckt er sanft mit seiner Ruh
In den höchsten Nöten zu.

O mein Heiland, o mein Gott!
Ward mein Glaube je zum Spott?
Bitter muss ich mich ja grämen,
Bitter muss ich mich ja schämen:
Fort und fort geht deine Huld,
Fort und fort wächst meine Schuld.

Neues Leben, neuer Mut
Schwellet Sinne, Herz und Blut,
Und mit Danken und mit Loben
Schwing ich wieder mich nach oben,
Wie ein Adler frisch und jung
Durch die Morgendämmerung.

Albert Zeller – Wie sicher wird der wohnen

Wie sicher wird der wohnen,
Der Gott, den Höchsten, liebt!
Der Herr wird ob ihm thronen;
Und ihre Fülle gibt
Die Erd aus ihren Tiefen,
Weit über Feld und Au;
Die edlen Früchte triefen
Von süßem Himmelstau.

Ein lichter Blumengarten
Umgrünet ihn das Land;
Rings milder Berge Warten
Mit dunkelm Waldesrand.
An allen Ort und Enden
Ein fröhliches Gedeihn;
Aus allen Elementen
Des Höchsten Wiederschein.

Ob seinen Häupten schließet
Der Himmel sich zum Dom:
Vor seinen Augen fließet
Der Quell in klarem Strom;
Und auf den Wassern schweben
Sieht er den Geist des Herrn;
Ein wundervolles Weben
Von Wolke, Licht und Stern.

Wie sich die Zukunft türme
Und wie die Sachen gehn,
Und wenn die rauen Stürme
Schon über Stoppeln wehn;
Er wird die Harfe schlagen
In alter Freudigkeit,
Wie in der Jugend Tagen,
Wie in der Maienzeit.

Ruhn auch die fleiß’gen Hände
Zuweilen von dem Pflug,
Zum Leben und zur Spende
Bleibt immer noch genug;
Geborgen sind die Garben,
Geschirmt die edle Frucht,
Und Keinen lässt er darben,
Der Hilfe bei ihm sucht.

Was sollt er ängstlich zittern,
Wenn rings die Erde bebt,
Als wollte sie zersplittern,
Sich aus den Angeln hebt?
Er kennt den großen Meister,
Der seine Welt erschuf,
Dem Erd- und Himmelsgeister
Gehorchen auf den Ruf.

Am Vaterherz geborgen
Verschmerzt er jede Not,
Und gilts heut oder morgen
Auch selbst den bittern Tod,
In immer tiefern Wunden,
Im allerherbsten Streit:
Wer so mit ihm verbunden,
Der hat zu ihm nicht weit.

Albert Zeller – Gib dich dahin

Gib dich dahin
In Gottes Sinn,
Lass Alles andre schwinden;
Schreit immer zu
In dieser Ruh,
Dann wirst du überwinden!

Sei sanft und still,
Hör, was Er will,
Fall ihm nicht in die Rede:
So wird dein Mut
Gar frisch und gut,
Und aus ist Kampf und Fehde.

Die Welt, so schön,
Sie muss vergehn,
Ich kann sie drum nicht schelten;
Was soll denn sie
Die Sorg und Müh
Und unsre Not entgelten?

Sie hält auch Freud
Genug bereit,
Den Wandrer zu erquicken;
Nur musst du dich
Auch sänftiglich
In ihre Dornen schicken!

Das Ungemach
Hält frisch und wach,
Das Heil nicht zu versäumen;
Das eitle Herz
Ohn Sorg und Schmerz
Würd es gar bald verträumen.

So geht die Zeit
Zur Ewigkeit
Gehorsam in die Lehre,
Und Alles führt,
Wie sichs gebührt,
Zu Gottes Preis und Ehre.