Gottfried Arnold – Bitten um Vollendung im Geist.

Herzog unsrer Seligkeiten!
Zeuch uns in dein Heiligtum,
Da Du uns die Statt bereiten,
Und zu deines Namens Ruhm
Als deine Erlösten siegprächtig willst führen!
Lass unsere Bitten dein Herze jetzt rühren!
Wir wollen dem Vater zum Opfer dasteh’n,
Und mit Dir durch Leiden zur Herrlichkeit geh’n.

Er hat uns zu Dir gezogen,
Und Du wieder zu Ihm hin;
Liebe hat uns überwogen,
Dass an Dir hängt Herz und Sinn.
Nun wollen wir gerne mit Dir auch abfterben
Dem ganzen natürlichen Sündenverderben;
Ac, lass in dein Sterben versetzet uns sein,
Sonst dringen wir nimmer in’s Leben hinein!

Aber hier erdenkt die Schlange
So viel Ausflucht überall;
Bald macht sie dem Willen bange,
Bald bringt uns die Luft zu Fall.
Es bleibet das Leben am Kleinsten oft kleben,
Und will sich nicht gänzlich zum Sterben ergeben;
Es schätzet die besten Absichten noch vor,
Und bauet so Höhen und Festung empor.

Drum, o Fürst des Lebens, eile,
Führ des Todes Urteil aus;
Brich entzwei des Mörders Pfeile,
Reut‘ das Unkraut völlig aus!
Ach, lass sich dein neues erstandenes Leben
In unsern erstorbenen Herzen erheben;
Erzeig‘ Dich verkläret und herrlich noch hier,
Und bringe dein neues Geschöpfe herfür!

Kehre die zerstreuten Sinnen
Aus der Vielheit in das Ein‘,
Dass sie wieder Raum gewinnen,
Nur von Dir erfüllt zu sein!
Ach wirf Du die Mächte der Finsternis nieder,
Erneure die Kräfte des Geistes uns wieder,
Dass er aus der Fülle der Gnaden sich nähr‘,
Und ritterlich gegen Versuchung sich wehr‘!

Lebe denn, und lieb‘ und labe
In der neuen Kreatur,
Lebensfürst, durch deine Gabe
Die genesene Natur!
Erwecke dein Eden uns wieder im Grunde
Der Seelen, und bringe noch näher die Stunde,
Da Du Dich in allen den Deinen verklärst,
Sie hier noch des ewigen Lebens gewährst,

Gönne uns noch Frist auf Erden,
Zeugen deiner Kraft zu sein,
Deinem Bilde gleich zu werden,
In dem Tod zu nehmen ein
Des Lebens vollkommene Freiheit und Rechte,
Als eines vollendeten Heilands Geschlechte!
Der Unglaub‘ mag denken, wir bitten zu viel,
So tust Du doch über der Bittenden Ziel!

Gottfried Arnold – Um völlige Herzensübergabe.

Jehovah! nimm all‘ meine Kräfte bin,
Weil ich von Deinem Geist gezogen bin!
Dir muss mein Herz und Sinn ergeben sein,
Sonst werd‘ ich nicht für deinen Himmel rein.

Lass wachsen in der neuen Kreatur
Mein ganz Gemüt zur göttlichen Natur,
Die nichts vom alten Sündentand der Welt,
Nein, Dich allein mit zarter Liebe hält!

Ich opfre, Herr, zu diesem Werk Dir auf
Den Sinn, das Herz und den Gedankenlauf.
O gib mir ungeteilte Liebeskraft
Für alles Neue, was dein Geist mir schafft!

Die Seele kann vom Denken niemals ruh’n,
Ihr Wille hat mit Etwas stets zu tun:
Drum sollt er stets mit ungeteiltem Mut
Einsenken sich in Dich, Du höchstes Gut.

O wurzle tief, du neues Leben, ein,
Und lass dein Wachstum nie gehindert sein!
Der neue Mensch lebt von der Liebe nur,
Wenn er, o Jesu, nachgeht deiner Spur.

Dann wird geheim dein Reichtum ihm vertraut,
Dann wird er still zum Tempel aufgebaut,
Darin der Schöpfer sein Geschöpf umfäht,
und sich verklärt mit Huld und Majestät.

Da bieten sich die Lebensfrüchte dar,
Da wird der Geist des ew’gen Guts gewahr;
Jemehr er gibt, jemehr wird ihm geschenkt,
Und all sein Trieb wird himmelwärts gelenkt.

Zeuch uns nach Dir, o Herr der Herrlichkeit!
Sieh‘, unsre Seelen stehen Dir bereit;
Nimm jeden neuen Lebenskeim in Schutz,
Dass er bewahrt sei vor des Argen Trutz!

Schließ‘ auf uns deines Jesu-Namens Grund,
Wo ew’ges Ja ausgeht vom ew’gen Bund!
Du offne Lieb‘, uneingeschränkte Treu‘,
Mach‘ dein Versprechen jeden Tag uns neu!

Schaff‘ Alles in uns neu, du Lebenswort!
Halt‘ offen die einmal gesprengte Pfort
Jerusalems, dass die erkaufte Zahl
In jenen Mauern halt dein Abendmahl!

Dringt nicht der Ruf aus deinem Tempel vor:
„Ich komme bald! o halt‘ dein Herz empor!
Bewahr dein Kleid, samt Herz und Sinnen rein,
Und eil‘ unendlich in mein Herz hinein!“

Ja, komm‘, Herr Jesu, nimm uns stets zu,
Und lass uns sonst, in keinen Dingen Ruh‘!
Zeuch uns nach Dir, so laufen wir mit Dir,
Und steh’n einst dort in unbefleckter Zier!

Gottfried Arnold – Weltentsagung

Alsbald ich mich in meinem Sinn
Dem Heiland ganz gelassen,
Und mich in aller Stille hin
Gesetzt, sein Herz zu fassen
In rechter Abgeschiedenheit,
Von Ehrgeiz, Fleisch, Vernunft befreit:
Da wollt‘ mich alles schlagen,
Und aus der Welt verjagen.

Des alten Adams alt Geschlecht,
Von Missgunst angetrieben,
Verfolgte mich durch scheinbar Recht:
„Du bist ja,“ hieß es, „blieben
Bei unserm Teil so lange Zeit;
Wer macht sich nun so ungescheit,
Als Sünder uns zu meiden?
Hier hast du Ehr und Freuden!“

Mir aber lag tief eingeprägt
Das Siegel jener Liebe,
So Jesu Leben in sich hegt
Mit brennendstarkem Triebe;
Daher mir weder Furcht noch Lust
Den festen Sinn verwandeln musst‘;
Er stund, vom Schild bewehret,
Vom Geist zum Schwert gelehret.

Und ob’s gleich kostet manchen Schlag,
Viel Striemen und viel Wunden,
Weil mir die Last der Feinde lag
Wie auf den Hals gebunden:
Doch schmerzten mich die Wunden nicht,
Ich trug sie um des Liebsten Licht,
Der selbst Sein teures Leben
Um mich dahingegeben.

Auch hoffe ich, soll noch wohl der Tag,
Der große Tag erscheinen,
Dass ich so Manchen sehen mag,
Herr, stehen bei den Deinen,
Nachdem sie wohl gebeuget sein,
Und was sie mir gemacht für Pein,
Demütiglich bekennen,
Mich aber selig nennen.

Doch ist dies nicht der größte Streit,
Der hier wird beigeleget;
Der ärgste Feind, den man zur Zeit
Im Busen selber heget,
Ist der Begierde Macht und List,
Die kaum zu überwinden ist,
Nach langem, blut’gem Kämpfen
Die Kräfte ganz zu dämpfen.

Der unbezwung’ne Siegesschild,
Vor dem die Feinde beben,
Das Wort, das uns’re Herzen stillt,
Ist Christi Glaubensleben;
Das straft und bringt so lang durchhin,
Bis dass der Feind, vom Geistessinn
Getrieben und geschieden,
Den Sieger lässt zufrieden.

Gottfried Arnold – Sieg der Liebe Christi.

Nun erfahr‘ ich auch
Bei der Liebe Brauch,
Die ich, Jesu, in Dir finde,
Dass sie Alles überwinde!
Diesen Gottesrat
Lehret mich die Tat.

Vormals quälte mich
Schwer und jämmerlich
Eignes Wollen, Rennen, laufen,
Wo die Furcht, der Schmerz mit Haufen
Mich, und was ich tat,
Tödlich niedertrat.

Da ward’s anders bald!
Deine Liebsgestalt,
Die in mir wird ausgeboren,
Ist mir nun zum Sieg erkoren,
Dass ich freudenvoll
Wirke, was ich soll.

Gott ist selbst in mir
Meine Kraft und Zier;
Wer kann Ihm sich widersetzen
Ohne tödliches Verletzen?
Weder Höll‘ noch Tod
Bringt mich mehr in Not.

Liebe, die Gott kennt,
Und nach Ihm nur brennt,
Lässt mich nicht von Ihm zerteilet,
Dass die Furcht mich übereilet.
Nein, ich bin in Dir,
Jesu, Du in mir!

Hat vereinte Kraft
Nicht stets Sieg geschafft?
Wird ein Bräutigam nicht sein Leben
für die Braut aus Eifer geben,
Wenn der Liebe Band
Stärkt die tapf’re Hand?

Wirkt des Fleisches Trieb
Solche starke Lieb‘:
O was kann die Liebe zwingen,
Die den Geist in Gott kann bringen?
Alles weicht und flieht,
Wo Dein Lieben glüht!

Und ob mich wohl lang,
Wenn dem Herzen bang,
Tod und Hölle unterdrücken,
Dass kein Leben zu erblicken:
Liegt im Todesschlund
Doch ein Lebensgrund!

Wenn nach langem Streit
Nun der Sieg bereit,
Wird sich Jesus Christ mir geben
Als des neuen Menschen Leben,
Den des Vaters Rat
Uns verkläret hat.

Diese Lieb‘ nimmt zu
In gar stiller Ruh,
Nährt die Seel mit hohen Kräften,
Als der reinen Menschheit Säften.
Dieses Lebensbrot
Weiß von keinem Tod.

Wenn des Vaters Stärk‘
Und das Liebeswerk
Seines Sohns in uns sich einet,
Und im Geist als Eins erscheinet:
Dann ist lauter Sieg,
Nach vollbrachtem Krieg.

Wer will dem entgeh’n,
Und dem widersteh’n,
Was in Gottes Macht geschiehet,
Unverweslichkeit anziehet?
Fliehe nur bei Zeit,
Was die Liebe scheut!

Liebe wird sich einst,
Herr, wann Du erscheinst,
Als Besiegerin der Höllen
Herrlich vor dein Antlitz stellen.
Dir sei Preis und Stärk‘
Um Dein Liebeswerk!

Gottfried Arnold – Um Unsträflichkeit in der Liebe.

Mein König, schreib mir dein Gesetz
In’s Herz, dass es den Geist ergötz;
Dein königlicher Trieb
Zünd‘ mir das sanfte Feuer an,
Und führ‘ mich auf der Lebensbahn
Durch engelgleiche Lieb‘!

Die Liebe kommt vom Himmel her,
Sie schwebet aus der Engel Heer
Auf dieses Erdenrund.
Doch fasset dieses Kleinod nicht,
Wem nicht des Herrn lebend’ges Licht
Für Wesen machet kund.

Dann wird erweicht der harte Sinn,
Er schmilzt wie Wachs im Feuer hin,
Verlernt all eig’ne Kunst;
Die Demutsflügel fallen hin,
Es dringt ein freier Liebessinn
Durch allen Hochmutsdunst.

Da lacht das frohe Angesicht;
Der Augen unverfälschtes Licht,
Es leuchtet vor Begier,
Dem Himmelsfreunde Guts zu tun;
Die Liebe will im Dienst nicht ruh’n;
Die Flamme bricht herfür.

Dann steht in Gottes Lieblichkeit
Zur Lieb‘ ein Gottesmensch bereit,
Besiegend den Verdruss
Den Wollust, Neid, Verdacht und Streit,
Geiz, Hoffart und die Eigenheit
So kläglich leiden muss.

Es spielt der Unschuld Lauterkeit,
Wenn in getreuem Liebesstreit
Die reinen Geister steh’n,
Und ledig von Parteilichkeit,
Von Meinungen und Zank befreit,
Mit Gott auf’s Eine geh’n.

Bei solcher Eintracht gleichem Lauf
Hält sie ein falscher Trieb nicht auf,
Die Lust bleibt ungestört;
Und was entflammt vom Himmelshauch,
Das findet seinen Ursprung auch
Da, wo es hingehört.

O Vater aller Lichter Du!
Gib diese allgemeine Ruh‘
Doch Allen insgemein!
Noch seh’n wir nicht die Seligkeit,
Darinnen durch dein Liebsgeleit
Die Deinen werden sein.

Was störet uns noch diesen Trost?
Was hindert für ein harter Frost
Der Knospen offne Blüt‘?
Wann bricht der grüne Frühling an,
Da alles auf der Liebe Bahn
Zur ew’gen Freude zieht?

Das Vorspiel muss gespielet sein
Der Liebe, die vollkommen rein
In jener Welt regiert.
O selig, wenn ein starker Zug,
Befreit von Welt und Heucheltrug,
Zu diesem Schmucke führt!

O lieb‘, ich kenne deine Gab‘;
O Gott, schick mir dein Feu’r herab
Durch deinen Liebesgeist,
Und lass mich brennen für und für
Zum Opfer, das, geheiligt Dir,
Nur deinen Willen preist!

Mein Name soll nur Liebe sein;
Ihr Sinne lernet stimmen ein,
Du Mund, bekenn‘ nur Lieb‘!
Ihr Hände, wirkt in Liebe nur!
Ihr Füße, folgt der Liebesspur! –
Dann herrscht des Königs Trieb!

Gottfried Arnold – Um ein ganzes Herz.

Ewige Weisheit, Jesu Christ,
Du, in dem mein Leben ist!
Hast Du schon vor Zeiten nicht
Mich gezogen in dein Licht?

Ist die starke Liebeshand
Nicht mein sicheres Unterpfand?
Hatt‘ ich nicht den Siegelring,
Als ich deinen Geist empfing?

Hast Du mich nicht schon geliebt,
Ob ich Dich gleich oft betrübt?
Gingest Du in meiner Schmach
Mir nicht als ein Hirte nach?

Denn mein Wille lenket sich
Oft von Dir, oft gegen Dich,
Da er sollt‘ in Dich allein
Kindlich eingekehret sein.

Ach, o ziehe meinen Sinn
Gänzlich in den deinen hin,
Dass ich Dich in Freud‘ und Weh?
Völlig eingedrückt mir seh‘!

Ich will einzig in dein Herz,
Sonst nicht auf noch niederwärts;
Ohne Dich will ich nicht sein,
Außer Dir nenn ich nichts mein.

O dass nie ein Augenblick
Mich aus der Gemeinschaft rück‘,
Nichts zu wollen, nichts zu tun,
Als, du lieb‘, in Dir zu ruhn!

Drück stets tiefer, rein und mild
Mir in’s Herz dein heilig Bild;
Tod und Leben mach‘ mich gleich
Deinem Bild und Himmelreich!

Herr! wer will dann scheiden mich
Von der lieb‘, die ewiglich
Als ein Siegel in mir steht,
Und aus Gott in Gott eingeht?

Gottfried Arnold – An die reinigende Gottesweisheit.

Herr deiner Himmel, Gott der neuen Erden!
Du hast uns aus der Sklaverei geführt,
Ins rechte Vaterland versetzt zu werden,
Von welchem man schon hier den Vorblick spürt;
Du hast die Heiden ausgetrieben zwar;
Dein Eigentum wird nun von Götzen rein,
Die lange g’nug uns hielten in der Pein,
Und neuer Lüste wird das Herz gewahr.

Was aber hilft dein Pflanzen und Begießen,
Wenn heimlich noch der Feind einschleichen kann,
Wenn wir von seiner Brut noch etwas wissen,
Und sein Gedankenmeer noch brandet an?
Benimm uns doch auch diese schwere Last!
Zerschlag‘, zertritt, zerreiß und brenne aus!
Lass nah und fern nichts stehen um dein Haus,
Als was Du selbst darein gepflanzet hast!

Erhöh‘ den Mut, verstärk‘ des Geistes Glieder,
Und gib ihm Waffen deiner Ritterschaft;
Bring: Alles, was verloren war, herwieder,
Erwecke deines Eifers höchste Kraft!
Auf starken Kampf folgt rechter Siegespreis;
Wer glaubt wohl, dass der Feind sei abgetan,
Wo er nach seinen Willen wüten kann?
Drum schaff‘, dass man von deinen Taten weiß!

Willst Du, o Weisheit, auf dein Werk nicht schauen?
Soll nicht dein Grund und Boden sicher sein?
Fang‘ an den Baum der Sinnen abzuhauen,
Das Labyrinth der Lust zu reißen ein!
Zerbrich den tiefverworr’nen Geist der Zeit,
Die lauter falsche Bilder uns eindrückt,
Und immer neue Brut ins Herze schickt,
Womit man doch nicht kommt zur Herrlichkeit!

Brich aus mit reichen Lieb‘- und Friedensgüssen,
Und schwemm‘ des Giftes Unflat von uns hin!
Lass neue Gottheitskräfte in mich fließen,
Bis ich Dir ein fruchtbarer Garten bin,
Wo ewig Andres nichts mehr finde Platz,
Als nur Du selbst, dein Wort und deine Frucht!
So wie sein Geist des Wachstums Ende sucht,
Musst Du mir immer sein, mein höchster Schatz!

Gottfried Arnold – Um volle Jesusähnlichkeit.

Heiligster Jesu, Heiligungsquelle,
Mehr als Kristall rein, klar und helle,
Du lautrer Strom der Heiligkeit!
Aller Glanz der Cherubinen,
Die Heiligkeit der Seraphinen,
Ist gegen Dir nur Dunkelheit.
Ein Vorbild bist Du mir;
Ach bilde mich nach Dir,
Du mein Alles!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich mag heilig sein, wie Du!

O stiller Jesu, wie dein Wille,
Dem Willen deines Vaters stille
Und bis zum Tod gehorsam war:
Also mach‘ auch gleichermaßen,
Mein Herz und Willen Dir gelassen;
Ach stille meinen Willen gar!
Mach‘ mich Dir gleichgesinnt,
Wie ein gehorsam Kind,
Stille, stille!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich fein stille sei, wie Du!

Wachsamer Jesu! ohne Schlummer,
In großer Arbeit, Müh und Kummer
Bist Du gewesen Tag und Nacht;
Du musstest täglich viel ausstehen,
Des Nachts lagst Du vor Gott mit Flehen,
Und hast gebetet und gewacht.
Gib mir auch Wachsamkeit,
Dass ich zu Dir allzeit
Wach‘ und bete!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich stets wachsam sei, wie Du!

Du, sanfter Jesu, warst unschuldig,
Und littest alle Schmach geduldig,
Vergabst und ließ’st nicht Rachgier aus;
Niemand kann deine Sanftmut messen,
Bei der kein Eifer Dich gefressen,
Als der um deines Vaters Haus.
Mein Heiland, ach Verleih
Mir Sanftmut, und dabei
Rechten Eifer!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich sanftmütig sei, wie Du!

Gütiger Jesu! ach wie gnädig,
Wie liebreich, freundlich und guttätig
Bist Du doch gegen Freund und Feind
Dein Sonnenglanz, der scheinet Allen,
Dein Regen muss auf alle fallen,
Da sie Dir gleich undankbar sein.
Mein Gott, ach lehre mich,
Damit hierinnen ich
Dir nacharte!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich auch gütig sei, wie Du!

Erkiester1Erwählter Jesu, Ehrenkönig!
Du suchtest deiner Ehren wenig,
Und wurdest niedrig und gering;
Du gingest ganz vertieft auf Erden,
In Demut und in Knechtsgebärden,
Erhubst Dich selbst in keinem Ding.
Herr, solche Demut lehr‘
Auch mich je mehr und mehr
Stetig üben!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich demütig sei, wie Du!

Mein keuscher Jesu, als dein Wesen
War züchtig, keusch und auserlesen,
Von tugendvoller Sittsamkeit;
Gedanken, Reden, Glieder, Sinnen,
Gebärden, Kleider und Beginnen
War voller laut’rer Züchtigkeit.
O mein Immanuel,
Mach‘ mir Geist, Leib und Seel
Keusch und züchtig!
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
So keusch und rein zu sein, wie Du!

Mäßiger Jesu! deine Weise
Im Trinken und Genuss der Speise
Lehrt uns die rechte Mäßigkeit;
Den Durst und Hunger Dir zu stillen,
War, statt der Kost, des Vaters Willen
Und Werk vollenden Dir bereit.
Herr, hilf mir meinen Leib
Recht zäumen, dass ich bleib‘
Dir stets nüchtern
Jesu, ei nu,
Hilf mir dazu,
Dass ich so mäßig sei, wie Du!

Nun, liebster Jesu, liebstes Leben,
Mach‘ mich in Allem Dir ergeben,
Und deinem heil‘gen Vorbild gleich!
Dein Geist und Kraft mich ganz durchdringe,
Dass ich viel Glaubensfrüchte bringe,
Und tüchtig werd‘ zu deinem Reich!
Ach zeuch mich ganz zu Dir,
Behalt‘ mich für und für,
Treuer Heiland!
Jesu, ei nu,
Lass mich wie Du,
Und wo Du bist, einst finden Ruh!

Gottfried Arnold – Um die göttliche Natur.

Ach Vater, schenk‘ um Jesu willen
Uns deine Weisheit von dem Thron,
Und lass das Leben uns erfüllen
Durch deinen eingebornen Sohn!
Gedenk‘ an deine teuren Reden,
Da Du Ihn uns versprochen hast
Als Priester, König und Propheten,
Für alle Not und Sündenlast!

Du hast Ihn in die Welt gesendet
Mit Wundern, die der Glaube preist;
Sein Wert ist äußerlich vollendet,
Und er verkläret in dem Geist.
Wir glauben alles Tun und Leiden,
Wodurch er uns erworben hat,
Uns zu bereiten für die Freuden
Der ewig schönen Friedensstadt.

Doch eben darum sucht der Glaube
Im Geiste sie Erfüllungskraft,
Dass nichts die Lebensfrucht ihm raube,
Die erst uns volle Ruhe schafft.
Soll unser Herz den Heiland ehren,
So muss Er in uns selbst eingeh’n,
Und Sünde, Höll und Tod zerstören;
Dann ist die Rettung ganz gescheh’n.

Drum, Vater, fleh’n wir um dies Leben,
Das in dem Sohn der Liebe ist:
Du wollst uns Ihn als Weisheit geben,
Darin Du selbst verkläret bist,
Gerechtigkeit und heil‘ge Fülle
und ewige Erlösungskraft!
Denn dies ist Dein vollkommener Wille,
Der unsre Wiederbringung schafft.

Gib Ihn nach deinem neuen Bunde
Als ew’ges Leben, Licht und Wort,
Als Heil im tiefsten Seelengrunde,
Als Weg, als Wahrheit und als Hort!
Weh‘ uns mit seinem Geist und Odem
Lebendig und erquickend an,
Dass unsres Herzens dürrer Boden,
Ihm wieder lieblich grünen kann!

Ist Er nicht gestern, heut und eben
Derselbe auch in Ewigkeit?
Ja, wie Er einst war Abrams Leben,
So muss Er’s uns auch werden heut!
Jetzt ist die selige Zeit gekommen,
Gott, zu verklären deinen Sohn!
Die Klarheit, die Ihn aufgenommen,
Erleucht‘ uns auch auf Erden schon!

Sind wir verordnet, gleich zu werden
Dem Bilde seiner Herrlichkeit:
So sei sein Blut und Geist auf Erden
Auch zur Erneu‘rung uns bereit!
Hier schon wollst Du uns neu gebären,
Einprägen uns dein Gottesbild,
Die Sanftmut uns und Demut lehren,
Bis Christi Leben uns erfüllt.

Wir wenden uns zu seinen Wunden,
Daraus das Blut des Bundes floss,
Bis unser Fleisch den Tod gefunden,
Und unser Geist von Ketten los.
Wir opfern uns, mit Ihm zu sterben,
Mit Ihm gekreuziget zu sein,
Dass wir sein himmlisch Leben erben,
Und hier schon geben himmelein.

Dein Will‘, o Gott, sei unsre Speise!
Das Himmelsbrot werd‘ uns geschenkt
Nach Vatersinn und Kindesweise,
Bis keine Schuld uns weiter kränkt.
Eröffne uns den Born der Gnaden,
Das liebevolle Jesusherz!
Heil aus der Seele tiefsten Schaden,
Nimm weg den langen Sündenschmerz!

Komm selbst, o Sohn, im Geist erscheine,
Vollende dein erhab‘nes Werk!
Uns anzuheften Dir alleine,
Sei deiner Gnade Augenmerk!
Lass uns in deinem Herzen wohnen,
Und bleib‘ in uns als Sonne steh’n!
Und keiner Sünde wollst Du schonen,
Bis wir uns ganz erlöset seh’n!

Führ‘ durch das Blut des ew’gen Bundes
Die Seelen der Erlösten hin,
Und mit dem Odem Deines Mundes
Belebe Herzen, Mut und Sinn,
Dass wir mit Freuden Dir nachgeben,
Und bleiben von der Erd‘ erkauft!
Lass unser Herz im Himmel stehen,
Mit Feuer und mit Geist getauft!

Komm, heil’ger Geist, lass Dich hernieder
In unsern armen Herzensgrund!
Bring‘ uns zu Gottes Einfalt wieder,
Erfüll‘ in uns den neuen Bund;
Erweck der ersten Liebe Leben,
Hauch uns mit deinem Odem an,
Dass dein Geschöpf Dir Ehre geben
Und göttlich in Dir leben kann!

Dreiein’ger Gott, du Licht und Leben,
Das treu für uns bemühet ist:
Du wollst uns Dir, und Dich uns geben!
Ach zeige Dich uns, wie Du bist!
Vater, zeuch uns recht von Neuem!
O Wort, sprich uns Erlösung ein!
O Geist, lass uns dein Licht gedeihen!
Liebe, lass uns selig sein!

Arnold, Gottfried – Das Reich Gottes.

Des Herrn Reich kommt nicht mit Gepräng‘,
Mit Hochmut, Stolz und Prahlen,
Mit Phantasie und Weltgedräng‘
Und großen Rechenzahlen;
Es hilft uns nichts der Außenschein,
Das Leben muss was Andres sein.

So viel der Einfalt heller Blitz
Erhellt von Finsternissen,
So viel ein Mensch aus Menschenwitz
Und Unruh‘ ist gerissen:
So viel hat er schon in der Zeit
Des Reiches Gottes Ewigkeit.

Wie Viel am Ende dort einmal
Sich darin werden finden,
Und wie sich dort die volle Zahl
Im Frieden wird verbinden:
Was geht’s dich an? – Lass Grübeln sein,
Und sieh‘, dass Du selbst kommst hinein!

Das Reich ist jetzt, und soll auch dann
Vor Vielen sein verborgen!
Ach frage nicht: ob? wie? und wann?
Lern‘ um das Leben sorgen,
Doch nicht mit äuß’rer Phantasie,
Sonst lässet dich die Lüge nie!

Wer Das inwendig hat gefasst,
Der mag nicht länger denken
An Fleischeslust und Mammonslast,
Er sucht sich nur zu senken
In seines Gottes Wort und Rat,
Und wählt den Schein nicht für die Tat.

Die äußern Sinne sind voll Trug,
Sie können nicht vergnügen;
Sie haben nimmermehr genug
Und wollen immer lügen.
In Gott allein ist Ewigkeit
Und Licht ohn‘ alle Dunkelheit.

Der Tand gefällt dem Kindersinn;
Willst du dich männlich tragen,
So achte das nicht für Gewinn,
Wonach die Kinder fragen;
fühl erst der Ewigkeiten Fried‘,
Und singe dann mit uns dies Lied:

O heilig und unendlich Licht,
Voll Gnade, Huld und Frieden!
Gib uns der Wahrheit klar Gesicht,
Wie Du es uns beschieden,
Dass wir nicht unsre Dunkelheit
Anseh’n als deine Heiligkeit!

Mach‘ unsre Seelen hell und weit,
Dass wir uns selbst vergessen
Ob deiner Länge, Tief‘ und Breit
Und Höh‘, die unermessen!
Du bist’s, von dem das Leben quillt,
Das laut’re Geister selig füllt!

In Dir ist Allgenugsamkeit,
In Dir ist wahre Liebe;
In dieser Welt ist lauter Streit
Und blinde, falsche Triebe,
Daraus nur Ekel kommt und Tod,
Doch keine Fülle, die uns not.

Dein ewig Einssein ist’s, das Dich
Von Allem unterscheidet,
Weil sonst nichts unveränderlich,
Weil Alles Unruh‘ leidet.
Du, Herr, nur bist’s, der alles ist,
Du bleibest ewig, wie Du bist!