Rist, Johann – Ermuntre dich, mein schwacher Geist

Ermuntre dich, mein schwacher Geist,
Und trage groß Verlangen,
Ein kleines Kind, das Vater heißt,
Mit Freuden zu empfangen.
Dies ist die Nacht, darin es kam
Und menschlich Wesen an sich nahm,
Dadurch die Welt mit Treuen
Als seine Braut zu freien.

2. Willkommen, süßer Bräutigam,
Du König aller Ehren,
Willkommen, Jesu, Gottes Lamm.
Ich will dein Lob vermehren,
Ich will dir all mein lebenlang
Von Herzen sagen Preis und Dank,
Daß du, da wir verloren,
Für uns bist Mensch geboren.

3. O großer Gott, wie konnt es sein,
Dein Himmelreich zu lassen,
Zu springen in die Welt hinein,
Da nichts denn Neid und Hassen?
Wie konntest du die große Macht,
Dein Königreich, die Freudenpracht,
Ja dein erwünschtes Leben
Für solche Feind hingeben?

4. Ist doch, Herr Jesu, deine Braut
Ganz arm und voller Schanden,
Noch hast du sie dir selbst vertraut
Am Kreuz in Todesbanden;
Liegt sie doch, da sie dich verließ,
In Fluch und Tod und Finsternis,
Noch darfst du ihretwegen
Dein Zepter von dir legen.

5. Du Fürst und Herrscher dieser Welt,
Du Friedenswiederbringer,
Du kluger Rat und tapfrer Held,
Du starker Höllenzwinger,
Wie ist es möglich, daß du dich
Erniedrigest so jämmerlich,
Als wärest du im Orden
Der Bettler Mensch geworden?

6. O großes Werk, o Wundernacht,
Dergleichen nie gefunden,
Du hast den Heiland hergebracht,
Der alles überwunden,
Du hast gebracht den starken Mann,
Der Feuer und Wolken zwingen kann,
Vor dem die Himmel zittern
Und alle Berg erschüttern.

7. Brich an, du schönes Morgenlicht,
Und laß den Himmel tagen;
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht,
Weil dir die Engel sagen,
Daß dieses schwache Knäbelein
Soll unser Trost und Freude sein,
Dazu den Satan zwingen
Und letztlich Friede bringen.

8. O liebes Kind, o süßer Knab,
Holdselig von Gebärden,
Mein Bruder, den ich lieber hab
Als alle Schätz auf Erden,
Komm, Schönster, in mein Herz hinein,
Komm eilend, laß die Krippe sein;
Komm, komm, ich will bei Zeiten
Dein Lager dir bereiten.

9. Sag an, mein Herzensbräutigam,
Mein Hoffnung, Freud und Leben,
Mein edler Zweig aus Jakobs Stamm,
Was soll ich dir doch geben?
Ach nimm von mir Leib, Seel und Geist,
Ja alles, was Mensch ist und heißt,
Ich will mich ganz verschreiben,
Dir ewig treu zu bleiben.

10. Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ,
Sei dir von mir gesungen,
Daß du mein Bruder worden bist
Und hast die Welt bezwungen;
Hilf, daß ich deine Gütigkeit
Stets preis in dieser Gnadenzeit
Und mög hernach dort oben
In Ewigkeit dich loben.

Rist, Johann – Brich an, du schönes Morgenlicht

1. Brich an, du schönes Morgenlicht
und laß den Himmel tagen!
Du Hirtenvolk, erschrecke nicht
weil dir die Engel sagen,
daß diese schwache Knäbelein
soll unser Trost und Freude sein,
dazu den Satan zwingen
und letztlich Frieden bringen.

2. Willkommen, süßer Bräutigam,
du König alle Ehren!
Willkommen, Jesu, Gottes Lamm,
ich will dein Lohn vermehren;
ich will dir all mein Leben lang
von Herzen sagen Preis und Dank,
daß du, da wir verloren,
für uns bist Mensch geboren.

3. Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ,
sei dir, von mir gesungen,
daß du mein Bruder worden bist
und hast die Welt bezwungen;
hilf, daß ich deine Gütigkeit
stets preis in dieser Gnadenzeit
und mög hernach dort oben
in Ewigkeit dich loben.

Rist, Johann – Auf, auf, ihr Reichsgenossen

Auf, auf, ihr Reichsgenossen,
Eur König kommt heran!
Empfahet unverdrossen
Den großen Wundermann.
Ihr Christen, geht herfür,
Laßt uns vor allen Dingen
Ihm Hosianna singen
Mit heiliger Begier.

2. Auf, ihr betrübten Herzen,
Der König ist gar nah!
Hinweg, all‘ Angst und Schmerzen,
Der Helfer ist schon da!
Seht, wie so mancher Ort
Hochtröstlich ist zu nennen,
Da wir ihn finden können
Im Nachtmahl, Tauf‘ und Wort.

3. Auf, auf, ihr Vielgeplagten,
Der König ist nicht fern!
Seid fröhlich, ihr Verzagten!
Dort kommt der Morgenstern.
Der Herr will in der Not
Mit reichem Trost euch speisen;
Er will euch Hilf‘ erweisen,
Ja dämpfen gar den Tod.

4. Nun hört, ihr frechen Sünder,
Der König merket drauf,
Wenn ihr verlorne Kinder
Im vollen Lasterlauf
Auf Arges seid bedacht,
Ja thut es ohne Sorgen;
Gar nichts ist ihm verborgen,
Er giebt auf alles acht.

5. Seid fromm, ihr Untertanen,
Der König ist gerecht,
Laßt uns den Weg ihm bahnen
Und machen alles schlicht.
Fürwahr, er meint es gut;
Drum laßet uns die Plagen,
Die er uns schickt, ertragen
Mit unerschrocknem Mut.

6. Und wenngleich Krieg und Flammen
Uns alles rauben hin,
Geduld, weil ihm zusammen
Gehört doch der Gewinn.
Wenngleich ein früher Tod
Uns, die uns lieb, genommen,
Wohlan so sind sie kommen
Ins Leben aus der Not.

7. Frischauf in Gott, ihr Armen,
Der König sorgt für euch!
Er will durch sein Erbarmen
Euch machen groß und reich.
Der an ein Tier gedacht,
Der wird auch euch ernähren;
Was Menschen nur begehren,
Das steht in seiner Macht.

8. Hat endlich uns betroffen
Viel Kreuz, läßt er doch nicht
Die, welch auf ihn stets hoffen
Mit rechter Zuversicht.
Von Gott kommt alles her,
Der läßet auch im Sterben
Die Seinen nicht verderben,
Sein Hand ist nicht zu schwer.

9. Frisch auf, ihr Hochbetrübten,
Der König kommt mit Macht,
An uns, sein Herzgeliebten,
Hat er schon längst gedacht.
Nun wird kein Angst und Pein
Noch Zorn hinfort uns schaden,
Dieweil uns Gott aus Gnaden
Läßt seine Kinder sein.

10. So lauft mit schnellen Schritten,
Den König zu besehn,
Dieweil der kommt geritten,
Stark, herrlich, sanft und schön;
Nun tretet all heran,
Den Heiland zu begrüßen,
Der alles Kreuz versüßen
Und uns erlösen kann.

11. Der König will bedenken
Die, so er herzlich liebt,
Mit köstlichen Geschenken,
Als der sich selbst uns giebt
Durch seine Gnad und Wort;
Ja, König, hoch erhoben,
Wir alle wollen loben
Dich freudig hier und dort.

12. Nun, Herr, du gibst uns reichlich,
Wirst selbst doch arm und schwach;
Du liebest unvergleichlich,
Du jagst den Sündern nach.
Drum woll’n wir insgemein
Die Stimmen hoch erschwingen,
Dir Hosianna singen
Und ewig dankbar sein.

Johann Rist – Biographie

Johann Rist, geboren 1607 zu Pinneberg, dem heutigen Ottensen bei Hamburg, wo sein Vater Prediger war, zeichnete sich schon als Gymnasiast zu Bremen als Dichter aus. Nachdem er das Gymnasium verlassen hatte, studierte er auf den Universitäten zu Rinteln, Rostock, Leipzig, Utrecht und Leyden Theologie, trieb nebenher aber auch Mathematik, Chemie, Medizin und außerdem mit besonderer Vorliebe Poesie, so dass er nach vollendeten Studien mit dem Rufe eines großen Gelehrten und Dichters in seine Heimat zurückkehrte. Hier wurde er im Jahre 1635 als Prediger in dem holsteinischen Flecken Wedel an der Elbe in der nächsten Nähe von Hamburg angestellt und verwaltete dieses Amt bis an sein Ende mit großer Treue und entschiedenem Eifer. Neben seinem geistlichen Amte war das Dichten seine Hauptbeschäftigung, und sehr bald wurde sein Name allgemein bekannt und berühmt, so dass er mit den höchsten und gebildetsten Personen in lebhaftem Briefwechsel stand. Auch wurden ihm geistliche und weltliche Ehren in reichem Maße zuteil. Im Jahre 1644 wurde er Kaiserlicher Hof- und Pfalzgraf und gekrönter Dichter und bald darauf noch in demselben Jahre Herzoglich mecklenburgischer Kirchenrat. Endlich im Jahre 1653 erhob ihn der Kaiser Ferdinand III. auch noch in den Adelstand. Auch stiftete er selbst im Jahre 1660, freilich nur aus Eitelkeit und um seinen Namen noch berühmter zu machen, mit etwa vierzig Freunden einen besondern Dichterorden, den Elbschwanorden; doch gehörten dazu meist nur mittelmäßige Dichter, so dass er wenig leistete und bald nach Rists Tode, der 1667 erfolgte, wieder einging.

Es ist nicht zu leugnen, dass Rist ein großes dichterisches Talent besaß, daneben aber auch in seiner Eitelkeit oft genug sich überschätzte. Sein Vorbild war Opitz, geboren 1597, gestorben 1639, das Haupt der ersten schlesischen Dichterschule, dem er auf der einen Seite zwar die reine Reim- und Strophenbildung, sowie den leichten und fließenden Ausdruck verdankte, auf der andern Seite aber auch das gleichsam fabrikmäßige Arbeiten von allerlei Gelegenheitsgedichten, wodurch er seine Dichtergabe verwässerte und eine große Anzahl bloßer Reimereien in schönen Worten ohne Gehalt lieferte. Gleichwohl war er bei seinen Zeitgenossen hochgefeiert und nächst Opitz der fruchtbarste und berühmteste Dichter seiner Zeit. Er hat überhaupt gegen 700 Lieder hinterlassen, von denen etwa 230 in kirchlichen Gebrauch übergingen. Die besten stammen aus den Jahren 1637-1644 und zeugen als edle Früchte der Trübsal von frommer Innigkeit und gläubiger Hingabe in Gottes Willen.