Matthias Claudius – Bei ihrem Grabe

Diese Leiche hüte Gott!
Wir vertrauen sie der Erde,
daß sie hier von aller Not
Ruh‘, und wieder Erde werde.

Da liegt sie, die Augen zu
Unterm Kranz, im Sterbekleide! …
Lieg und schlaf in Frieden du,
Unsre Lieb‘ und unsre Freude!

Gras und Blumen gehn herfür,
Alle Samenkörner treiben,
Treiben – und sie wird auch hier
In der Gruft nicht immer bleiben.

Ausgesät nur, ausgesät
Wurden alle die, die starben;
Wind- und Regenzeit vergeht,
Und es kommt ein Tag der Garben.

Alle Mängel abgetan
Wird sie denn in bessern Kränzen
Still einhergehn, und fortan
Unverweslich sein und glänzen.

Matthias Claudius – Fuchs und Pferd

Einst wurden Fuchs und Pferd,
Warum, das weiß ich nicht, auch hat es mich verdrossen,
Denn mir sind beide Tiere wert,
In einen Käficht eingeschlossen.
Das Pferd fing weidlich an zu treten
Für Ungeduld, und trat
Den armen Reinke Fuchs. der nichts an Füßen hat.
„Das nun hätt ich mir wohl verbeten,
Tret‘ Er mich nicht, Herr Pferd! ich will ihn auch nicht treten.“

Matthias Claudius – Der Mann im Lehnstuhl.

Saß einst in einem Lehnstuhl still
Ein viel gelehrter Mann,
Und um ihn trieben Knaben Spiel
Und sahn ihn gar nicht an.

Sie spielten aber Steckenpferd,
Und ritten hin und her:
Hopp, hopp! und peitschten unerhört,
Und trieben’s Wesen sehr.

Der Alte dacht‘ in seinem Sinn:
„Die Knaben machen’s kraus;
Muß sehen lassen wer ich bin.“
Und damit kramt‘ er aus;

Und macht ein gestreng Gesicht,
Und sagte weise Lehr‘.
Sie spielten fort, als ob da nicht
Mann, Lehr‘ noch Lehnstuhl wär‘.

Da kam die Laus und überlief
Die Lung‘ und Leber ihm.
Er sprang vom Lehnstuhl auf und rief
Und schalt mit Ungestüm:

„Mit dem verwünschten Steckenpferd!
Was doch die Unart tut!
Still‘ da! ihr Jungens, still‘, und hört!
Denn meine Lehr‘ ist gut.“

„Kann sein,“ sprach einer, „weiß es nit,
Geht aber uns nicht an.
Da ist ein Pferd, komm reite mit,
Dann bist du unser Mann.“

Claudius, Matthias – Nach der Krankheit

Ich lag und schlief, da fiel ein böses Fieber
Im Schlaf auf mich daher,
Und stach mir in der Brust und nach dem Rücken über,
Und wütete fast sehr.

Es sprachen Trost, die um mein Bette saßen,
Lieb Weibel grämte sich,
Ging auf und ab, wollt‘ sich nicht trösten lassen,
Und weinte bitterlich.

Da kam Freund Hain: „Lieb Weib, mußt nicht so grämen,
Ich bring‘ ihn sanft zur Ruh'“;
Und trat ans Bett, mich in den Arm zu nehmen,
Und lächelte dazu.

Sei mir willkommen, sei gesegnet, Lieber!
Weil du so lächelst; doch
Doch, guter Hain, hör‘ an, darfst du vorüber,
So geh und laß mich noch!

„Bist bange, Asmus? – Darf vorübergehen
Auf dein Gebet und Wort.
Leb also wohl, und bis auf Wiedersehen!“
Und damit ging er fort.

Und ich genas! Wie sollt‘ ich Gott nicht loben!
Die Erde ist doch schön,
Ist herrlich doch wie seine Himmel oben,
Und lustig drauf zu gehn!

Will mich denn freun noch, wenn auch Lebensmühe
Mein wartet, will mich freun!
Und wenn du wiederkömmst, spät oder frühe,
So lächle wieder, Hain!

Claudius, Matthias – Ein Lied für Schwindsüchtige

Weh‘ mir! Es sitzt mir in der Brust,
Und drückt und nagt mich sehr,
Mein Leben ist mir keine Lust
Und keine Freude mehr.

Ich bin mir selber nicht mehr gleich,
Bin recht ein Bild der Not,
Bin Haut und Knochen, blaß und bleich,
Und huste mich fast tot.

Die Luft, drein herrlich von Natur
Gott seinen Segen senkt,
Und daraus alle Kreatur
In Heil und Leben tränkt;

Die ist für mich nicht frei, nicht Heil.
Mein Atem geht schwer ein;
Ich muß um mein bescheiden Teil
Mich martern und kastein.

Und doch labt’s und erquickt’s mich nicht,
Macht’s mir nicht frischen Sinn.
Die Blume, die der Wurm zersticht,
Welkt jämmerlich dahin!

Auch Schlaf, der alle glücklich macht,
Will nicht mein Freund mehr sein,
Und lässet mich die ganze Nacht
Mit meiner Not allein.

Die Ärzte tun zwar ihre Pflicht,
Und fuschern drum und dran;
Allein sie haben leider nicht
Das, was mir helfen kann.

Mein‘ Hülf‘ allein bleibt Sarg und Grab.
O sängen an der Tür
Sie schon, und senkten mich hinab!
Wie leicht und wohl wär’s mir!

O sängen doch an meiner Tür
Sie laut: „Ich hab‘ mein Sach'“
Und trügen mich, und folgten mir
In langer Reihe nach,

Rund um die Kirch‘ ans Grab heran,
Und senkten mich hinein! –
Ich läg‘ und hätte Ruhe dann,
Und fühlte keine Pein.

Doch ich will leiden, bis Gott ruft,
Gern leiden bis ans Ziel.
Nur deinen Trost! und etwas Luft
Du hast der Luft so viel.

Claudius, Matthias – Die Mutter bei der Wiege

Schlaf, süßer Knabe, süß und mild!
Du deines Vaters Ebenbild!
Das bist du; zwar dein Vater spricht,
Du habest seine Nase nicht.

Nur eben itzo war er hier
Und sah dir ins Gesicht,
Und sprach: Viel hat er zwar von mir,
Doch meine Nase nicht.

Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein,
Doch muß es seine Nase sein,
Denn wenn’s nicht seine Nase wär‘,
Wo hätt’st du denn die Nase her?

Schlaf, Knabe, was dein Vater spricht,
Spricht er wohl nur im Scherz;
Hab‘ immer seine Nase nicht,
Und habe nur sein Herz!

Claudius, Matthias – Ein Wiegenlied, bei Mondschein zu singen.

So schlafe nuh, du Kleine!
Was weinest du?
Sanft ist im Mondenscheine
Und süß die Ruh‘.

Auch kommt der Schlaf geschwinder,
Und sonder Müh‘,
Der Mond freut sich der Kinder,
Und liebet sie,

Er liebt zwar auch die Knaben,
Doch Mädchen mehr,
Gießt freundlich schöne Gaben
Von oben her.

Auf sie aus, wenn sie saugen,
Recht wunderbar,
Schenkt ihnen blaue Augen
Und blondes Haar.

Alt ist er wie ein Rabe,
Sieht manches Land,
Mein Vater hat als Knabe
Ihn schon gekannt.

Und bald nach ihren Wochen
Hat Mutter ‚mal
Mit ihm von mir gesprochen:
Sie saß im Tal.

In einer Abendstunde,
Den Busen bloß,
Ich lag mit offnem Munde
In ihrem Schoß.

Sie sah mich an, für Freude
Ein Tränchen lief,
Der Mond beschien uns beide,
Ich lag und schlief.

Da sprach sie: „Mond, oh! scheine,
Ich hab‘ sie lieb,
Schein‘ Glück für meine Kleine!“
Ihr Auge blieb

Noch lang am Monde kleben,
Und flehte mehr.
Der Mond fing an zu beben,
Als hörte er.

Und denkt nun immer wieder
An diesem Blick,
Und scheint von hoch hernieder
Mir lauter Glück.

Er schien mir unterm Kranze
Ins Brautgesicht,
Und bei dem Ehrentanze;
Du warst noch nicht.

Claudius, Matthias – Frau Rebekka

Wo war ich doch vor dreißig Jahr,
Als deine Mutter dich gebar?
Wär ich doch dagewesen! –
Gelauert hätt‘ ich an der Tür
Auf dein Geschrei, und für und für
Gebetet und gelesen.

Und kam’s Geschrei – nun marsch hinein:
„Du kleines liebes Mägdelein,
Mein Reis’gefährt, willkommen!“
Und hätte dich denn weich und warm
Mit Leib und Seel‘ in meinen Arm
Zum erstenmal genommen …
Du frommes liebes Mägdelein,
Ich hab‘ dich sonst noch nicht gesehn,
Willkommen, bis willkommen!

Wie bist du lieber Reis’gefährt
In deinen Windeln mir so wert!
O werde nicht geringer!
Du, Mutter, lehr‘ das Mägdlein wohl!
Und wenn ich wieder kommen soll,
So pfeif nur auf dem Finger.

Claudius, Matthias – Der Bauer nach geendigtem Prozeß

Gottlob, daß ich ein Bauer bin,
Und nicht ein Advokat,
Der alle Tage seinen Sinn
Auf Zank und Streiten hat.

Und wenn er noch so ehrlich ist,
Wie sie nicht alle sind,
Fahr‘ ich doch lieber meinen Mist
In Regen und in Wind.

Denn davon wächst die Saat herfür,
Ohn‘ Hülfe des Gerichts,
Aus nichts wird etwas denn bei mir,
Bei ihm aus etwas nichts.

Gottlob, daß ich ein Bauer bin,
Und nicht ein Advokat!
und fahr‘ ich wieder zu ihm hin,
So breche mir das Rad!