Ernst Wilhelm v. Wobeser und Heinrich v. Bruiningk – Du meines Lebens Leben

Du meines Lebens Leben,
Du meines Todes Tod,
Für mich dahingegeben
In tiefste Seelennot,
In Marter, Angst und Sterben,
Aus heißer Liebsbegier,
Das Heil mir zu erwerben:
Nimm tausend Dank dafür!

2. Ich will nun mit dir gehen
Den Weg nach Golgatha;
Lass mich im Geiste sehen,
Was da für mich geschah!
Mit innig zartem Sehnen
Begleitet dich mein Herz,
Und meine Augen tränen
Beim Blick auf deinen Schmerz.

3. Erst komm‘ ich zu der Stätte,
Wo Jesus für mich rang,
Wo Blutschweiß beim Gebete
Ihm aus den Adern drang.
Ach, diese blut’gen Tropfen,
Die Seele, todbetrübt,
Und seines Herzens Klopfen Sohn,
Sagt mir, dass er mich liebt!

4. Da seh‘ ich, dass ich Armer
Des Fluches würdig bin;
Da gibt sich mein Erbarmer
Für mich zum Opfer hin.
Hier flossen seine Klagen,
Sein tränendes Gebet,
Dass ich nicht muss verzagen,
Wann’s einst zum Sterben geht.

5. Mein Heiland wird verraten,
Geführt zu Spott und Qual;
Ach, meine Missetaten,
Die brachten allzumal
Ihn vors Gericht der Heiden
Und in der Feinde Hand;
Ich war’s, ich sollte leiden,
Was da mein Bürg‘ empfand!

6. Seht, welch ein Mensch! Er stehet
Geduldig wie ein Lamm;
Und nun wird er erhöhet,
Ein Fluch, am Kreuzesstamm,
Vollendet da sein Büßen,
Der Welt, auch mir zu gut;
Aus Händen, Seit‘ und Füßen
Strömt sein Versöhnungsblut.

7. Du flehst am Kreuz für Feinde;
Mein Jesu, wer war ich?
Du denkst an deine Freunde;
Gedenk, Herr, auch an mich!
Du machst den Schächer selig,
Verheißest ihm dein Reich;
Das macht mich Sünder fröhlich,
Mich, der dem Schächer gleich.

8. Du klagst voll Angst im Herzen:
„ Mein Gott verlässet mich! “
Du dürstest in den Schmerzen,
Und niemand labet dich.
Nun soll dein Leid sich enden;
Du rufst: Es ist vollbracht!
Empfiehlst des Vaters Händen
Den Geist. Es war vollbracht!

9. Ich seh ‚ mit Lieb‘ und Beugen
Des Heilands letzten Blick,
Ich seh‘ sein Haupt sich neigen;
Das war mein ew’ges Glück.
Mein Bürge stirbt, ich lebe,
So todeswert ich bin;
Er gibt sich mir, ich gebe
Mich ihm zu eigen hin.

10. O du, an den ich glaube,
Und den mein Geist umfasst,
Der du im Todesstaube
Für mich gelegen hast!
Auf dein Verdienst und Leiden
Vertrau‘ ich ganz allein;
Darauf will ich einst scheiden
Und ewig bei dir sein.

11. Erhalt mir deinen Frieden
Und deines Heils Genuss,
Solang‘ ich noch hienieden
In Schwachheit wallen muss,
Bis endlich dir zu Ehren,
Der mich mit Gott versöhnt,
Dort in den obern Chören
Mein Hallelujah tönt!