Aemilia Juliana, Gräfin zu Schwarzburg-Rudolstadt – Herr! mein Gott! lehre mich

Herr! mein Gott! lehre mich
stets meine Tage zählen,
auf dass ich werde klug,
und hüte mich vor Fehlen:
ein Stück ist wieder heut
von meinem Leben hin
und deinem Richterstuhl
ein guts ich näher bin.

Da ich von Wort und Werk,
von meinem ganzen Leben,
ja von Gedanken auch
dir Rechenschaft soll geben:
hilf, dass ich meiner Seel,
zu einer guten Ruh,
ich hier dir erst mit Reu‘
durch Christum Rechnung tu.

Komm, meine Seele, komm,
wir wollen uns selbst richten,
auf unser heut‘ges Tun
genau denken und dichten:
schon deiner selber nicht:
ach! untersuch mit Fleiß,
und denke, dass es Gott
und dein Gewissen weiß.

Fang von dem Morgen an,
vom Tage bis zu Nachte,
und nacheinander doch
dies Folgende betrachte:
Ob du hast mit Gebet
gefangen an den Tag?
Gelobet deinen Gott
bei jedem Glockenschlag?

Ob du gedanket heut
für Christi Tod und Leiden,
an Heilgen Geist gedacht,
und deine Tauf, mit Freud‘n?
Gott über all’s geliebt,
den Nächsten gleich als dich,
gewesen treu und fromm,
und niemand ärgerlich?

Ob du kein faul Geschwätz,
kein Fluchen angefangen?
wo du gewesen bist?
mit wem du umgegangen?
Ob du geliebt, gehört
gelesen Gottes Wort,
dich danach hast gericht,
stets und an allem Ort?

Ob, als vor Gottes Aug,
im Glauben du gewandelt,
mit Fleiß und Willen Gott
zuwider nie gehandelt?
Ob du auch wiederholt
den vor‘gen Sündenwust,
und dich ergötzet hab
die alte Sündenlust?

Ob du hast ohne Dank
die Gottesgab empfangen,
dem Geiz und eitler Ehr
unbillig angehangen;
die dir Gott vorgesetzt,
geliebet und geehrt;
ihr und des Nächsten Fehl
zum Besten habst gekehrt?

Ob deinem Nächsten du
in etwas je geschadet,
mit seinem Gut und Blut
dich sündlich nie beladet,
habst seinen Nutz gesucht,
ihn fälschlich nie gericht’m
dem Armen wohl getan,
niemand verlassen nicht?

Ob du bist keusch gewest
in Wort, Gedank’n und Werken,
im Ess‘n und Trinken dich
stets mäßig lassen merken,
demütig dich bezeigt,
geduldig in dem Leid,
gesuchet Gottes Ehr,
geliebt Gerechtigkeit?

Ob du dich Gott gelass’n,
mit ihm gewest zufrieden,
nicht missbraucht Gottes Güt,
Zeit, Glück und Gab hienieden;
in Summa: so gelebt,
dass du dabei gewollt,
dass dein Gott dich so find,
wenn er itzt kommen sollt?

Die Prüfung ist geschehn,
und leider! so befunden,
es sei der große Gott
beleidigt machen Stunden,
viel Zeit sei missgebraucht,
gedacht sehr wenig heut
an Gott, sein Wort, Tod, End,
Gericht und Ewigkeit.

Es kann die Sünde hier
nicht werden all gezählet;
denn wer kann wissen doch,
wie oft und viel er fehlet?
Die Seel, Leib, Aug, Ohr, Mund,
Hand, Fuß voll Sünde steckt,
und mir, wenn ichs bedenk,
das Herz im Leib erschreckt.

Nun nimmer nimmer tun1aber nur alsdenn, wenn das Nimmertun eine Frucht des Glaubens an Christum ist,
das ist die größte Buße;
dem ich gesündigt hab,
dem Fall ich itzt zu Fuße;
ich schlage nun in mich,
glaub an Gott mit Begier:
Gott sei mir Sünder doch
durch Christum gnädig hier!

Sieh, ich getröste mich
bloß deines Gnadenthrones,
und wasch mich aus dem Strom
des Blutes deines Sohnes;
mit dem, was er gebüßt,
ich hier zu diesem Mal
dir meine Rechnung tu,
und meine Schuld bezahl.

Mein Jesu, lass mich nicht,
ich hüll mich in dein Leiden;
die Sünde, die uns scheid’t,
lass nie uns wieder scheiden:
durch deines Geistes Kraft
sag ich nun bis ins Grab
Gott alle Folge zu,
und allen Sünden ab.

Lehr mich, mein Gott, nur tun
nach deinem Wohlgefallen,
und nimmer wissentlich
in eine Sünde fallen:
Regier und führe mich,
dass stets im Glück und Not,
ich besser fürchte dich,
und halte dein Gebot.

Nun Jesu Blut hat mir
die Sünde ganz durchstrichen,
mit meinem lieben Gott
auf ewig mich verglichen,
die Rechnung abgelegt
für mich so köstlich gut;
wie wird der Schlaf heut sein
so sanft auf Jesu Blut!

Mein Herz ist mir nun leicht;
ich lebe oder sterbe,
durch Jesum ich gewiss
das Himmelreich ererbe:
Vor Christi Richterstuhl
ob ich werd offenbar,
so fürcht ich mich nunmehr,
durch Christi Blut, kein Haar.

Aemilia Juliana, Gräfin zu Schwarzburg-Rudolstadt – Gott sei Lob! der Tag ist kommen,

Gott sei Lob! der Tag ist kommen,
da ich Jesu werd‘ vertraut,
da ich aller Schuld entnommen
werd‘ in Gottes Huld geschaut.
Gott sei Lob! dass mir bereit
ist des Lammes Hochzeit heut,
da mir Gott zum ewgen Leben
will den ganzen Jesum geben.

Gott! ich komm bei frühem Morgen
zu dir, als dein liebes Kind,
leg in deine Vatersorgen
mich mit Leib und Seel geschwind:
Abba! Vater! sorg für mich,
dass ich ja heut würdiglich,
als dein Gast, bei dir erscheine,
und mit Jesu mich vereine.

Christe! du Lamm Gottes! höre,
weil du trägest meine Sünd‘,
als mein Schatz und Hirt, bekehre
deine Braut, dein Schäflein find‘t;
deiner Güte ich vertrau,
führe mich auf grüner au,
speise mich, mir stets zu Gute,
heute mit deinem Leib und Blute.

Heil’ger Geist! den ich umfasse,
bleibe heut und stets bei mir,
mich mit Beistand nicht verlasse,
sondern hilf, dass selig hier,
mir zum Nutze, Gott zum Preis,
ich genieß die Himmelsspeis,
dass ich dadurch christlich lebe,
freudig meinen Geist aufgebe.

Nun, ich lieg dir, Gott! zu Füßen,
Gottes Liebe schmücke mich!
Meines Jesu Blutvergießen
mache würdig mich durch sich!
Hilf mir drauf du Vaterherz!
hilf mir, Jesu Tod und Schmerz!
hilf mir, Tröster! heut auf Erden,
dass ich möge selig werden.