Johann Adam Lehmus – Psalm 139.

Johann Adam Lehmus – Psalm 139.

Herr, allwissend und allsehend,

Deiner Welt unendlich nah!

Vor Dir bin ich stehend, gebend

Sitz ich wo, so bist Du da.

All‘ mein Denken, all mein Sorgen,

So geheim, so schwach es sei,

Steht vor Dir entdeckt und frei;

Nichts ist deinem Blick verborgen.

Du bist ringsher stets um mich,

Waltend, nah und väterlich.

 

  1. Jeden Weg, den ich nur mache,

Jedes Wort, das aus mir fließt,

Wo ich fürchte, hoffe, lache,

Eine Thrän‘ das Aug‘ vergießt;

Wo ich, voll erhitzten Blutes,

Will, was ich nicht wollen soll;

Wo ich guter Triebe voll,

Dankbar, eifrig, frohen Muthes

Deinem Tempel walle zu

Alles das durchschauest Du!

 

  1. Ja, Du schaffst, was ich beginne,

Und Du gibst mir’s an die Hand.

Wo ich etwas Guts ersinne,

Ists gewiß nicht mein Verstand.

Was ich heut und morgen richte,

Es sei wichtig oder klein,

Leitest Du, Herr, weislich ein;

Meinen Rath machst Du zunichte,

Daß ich weiche nicht von Dir,

Hältst Du deine Hand ob mir.

 

  1. Deine Weisheit zu ergründen

Reicht mein blöder Witz nicht hin;

Deines Waltens Spur zu finden,

Ist zu hoch für meinen Sinn.

Deine Nähe, deine Ferne,

Deine Größe, die die Welt

Denkt, schafft, trägt, bewegt, erhält,

Ist, je mehr ich forsch‘ und lerne,

Einem armen Erdenkloß

Viel zu mächtig, viel zu groß.

 

  1. Führ‘ ich durch des Himmels Breiten

Auf der Sterne fernster Bahn,

Zög‘ ich durch der Länder Weiten,

Wie ein Mensch nur eilen kann,

Flög‘ ich mit des Adlers Flügeln

Dort hin, wo das Licht verglüht,

Dort hin, wo der Morgen glüht,

Zu den goldbeglänzten Hügeln,

Stieg‘ ich gar der Hölle zu

Und dem Grab auch da bist Du!

 

  1. Ging‘ ich zu den öden Heiden,

In die Wüsten, über’s Meer,

Du, Herr, würdest mich begleiten,

Zögest neben mir daher.

Spräch‘ ich: Dunkel soll mich decken!

Ist die Nacht vor Dir nicht Tag?

Wer vor deinem Auge mag

Sich in Finsterniß verstecken?

Meines Herzens tiefster Grund,

Meine Nieren sind dir kund.

 

  1. Als mein Geist noch nicht gewesen,

Als ich gab noch keinen Ton,

Hat dein Herz mich schon erlesen,

Mich dein Aug‘ gesehen schon.

Mein Gebein, Dir unverborgen,

Da ich tief im Finstern lag,

Wo kein Aug‘ hinschauen mag,

Wolltest heimlich Du besorgen.

Künstlich hast du mich gemacht,

Treulich hast Du mich bedacht.

 

  1. Als ich lag im Mutterleibe,

Zogest Du mich in die Welt;

Hast, daß ich auf Erden bleibe,

Herberg‘ liebend mir bestellt.

Alle meine Lebenstage

Bis zur letztem finstern Nacht

Hast Du, Herr, schon längst durchdacht,

Alle Lust und alle Plage,

Jeder Schickung Ort und Zeit

Bis zum Ziel der Ewigkeit.

 

  1. Deine Werke, Herr, sind wichtig!

Jedes, dem dein Machtwort rief.

Deiner Weisheit Gang ist richtig,

Reich und scharf, genau und tief!

O wie zärtliche Gedanken,

liebend, schonend, väterlich,

Wendest Du, mein Gott, auf mich,

Ohne Maß und ohne Schranken!

Dieß erwäg‘ ich in der Nacht,

Denk es, wenn der Tag erwacht.

 

  1. Deine Feinde, Gott der Götter,

Die Dich und dein Werk nicht seh’n,

Lasse die verstockten Spötter

Bald, o Herr, zu Grunde geh’n!

Wenn sie deine Huld nicht spüren,

Wenn, von Treu und Demuth los,

Nur an Stolz und Bosheit groß,

Sie dein armes Volk verführen

Herr, dann treibe sie dahin,

Wie ich ihnen feindlich bin!

 

  1. Gott, Du kennest mich von innen,

Ach, erforsche mächtig mich!

Prüfe all‘ mein Thun und Sinnen,

Ob ich fürcht und liebe Dich?

Findest Du so manche Blöße,

und mich nicht getreu genug,

Noch nicht frei von Selbstbetrug,

Noch in Selbstsucht blind und böse:

O dann leite mich noch heut‘

Auf den Weg der Seligkeit!

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