Joachim Neander – Der am Morgen Singende

O aller-höchster Menschen-Hüter!
Du unbegreifflich höchstes Gut,
Ich will dir opffern Hertz und Muth;
Stimt an mit mir, gedenckt der Güter,
All ihr Gemüther.

HErr, deiner Krafft ich nur zuschreibe,
Dass ich noch Othem schöpffen kan,
Du nimmst dich gnädig meiner an,
Du Vatter-Hertz, mich nicht vertreibe,
Heut bey mir bleibe.

Israels GOTT, da ist mein Wille,
Der sich dir willig untergiebt,
Dich über ALLES gerne liebt,
Das ist mein Wunsch, in früher Stille,
O Gnaden-Fülle!

Dein Angesicht mich heilig leite,
Dein Auge kräfftig auff mich seh‘,
Ich reise, geh‘ sitz oder steh‘,
Mich zu der Ewigkeit begleite,
HErr, mich bereite.

Lass Seel und Leib, so du gegeben,
Stäts seyn in deiner Furcht bereit,
Als Waffen der Gerechtigkeit,
Auch in dem Tod dir anzukleben,
O Seelen-Leben!

Gesegne mich auff meinen Wegen,
Mein Thun und Lassen lencke du,
In Unruh bleibe meine Ruh‘,
Biss ich zuletzt mich werde legen,
In Fried und Segen.

Des Seligen Herren
Joachim Neanders
Berühmten Reformirten Predigers zu Bremen,
Geistreiche
Glaub- Liebes
und
Bundes-Lieder.

Gedruckt in Amsterdam, zu finden
Bey Samuel Schoonwald,
Buch-händler in der Kalberstrasse. 1725

Joachim Neander – Der erwachende Christ

Zu deinem Felss und grossem Retter,
Hinauff! hinauff! O träge Zeel!
Dem starcken Feindes Untertretter,
dich früh mit danckbarkeit befehl.

Mein höchstes Guth, allein zu lieben,
Mein treuer Beystand, Zebaoth,
Ich will in deinem Lob mich üben,
O du versöhnter Sünders-GOtt!

Nur dir, mein HErr, hab‘ ich zu dancken,
Dass ich diss Tages-Licht anseh‘;
Mein Gott, mein Gott, lass mich nit wancken,
In Seelen Aengsten bey mir steh‘,

Was ich gedenck und heimlich mache,
Das weist du wol und kennest mich;
Ich bin bey dir, wann ich erwache,
Du bist bey mir, ich kenne Dich.

Ich schloss die matten Augen-Lieder
Für deinem Angesichte zu;
Nun öffnest du sie selber wieder,
Du, meiner Seelen stille Ruh.

Wach‘ auff mein Hertz, wacht auff ihr Sinnen!
Seyd munter, lebhafft, fanget an
Ein neues Lied früh zu beginnen,
Lobsinget dem, der ALLES kan.

Des Seligen Herren
Joachim Neanders
Berühmten Reformirten Predigers zu Bremen,
Geistreiche
Glaub- Liebes
und
Bundes-Lieder.

Gedruckt in Amsterdam, zu finden
Bey Samuel Schoonwald,
Buch-händler in der Kalberstrasse. 1725

Joachim Neander – Grund der Seeligkeit

Ich bin dein GOtt, dein höchstes Gut,
Ich bin mit dir versöhnet;
Es hat gekostet theures Blut,
So offt durch Sünd verhöhnet;
Gottlose mach Ich HErr gerecht,
Und der da war dess Teuffels Knecht,
Wird mein Kind und mein Erbe.

//Der Bund-Genoss.//

Ach HErr, ich bin viel zu gering
So grosser Vatter-Treue;
Der als ein GOttes Hasser gieng
Zu lästern ohne Reue;
Was bin ich HErr? was ist mein Haus?
Du köntest mich wol stossen aus
Mit deinem Fuss der Rache.

//Der Bundes-GOtt.//

Nein, nein; mein freyer Gnaden-Bund,
Ein Bund von Fried und Güte,
Ein Bürge, der im Mittel stund,
Mach’t, dass ich dich behüte.
Ein GOtt dess Sünders ich nun bin;
Doch must du haben CHristi Sinn,
Und nicht in Sünden bleiben.

//Der Bund-Genoss.//

So schaff‘ in mir ein reines Hertz,
Du Schöpffer aller Dinge;
Zerknirsche mich durch Reu und Schmertz,
Den alten Adam zwinge,
Ich kan ja gar nichts ohne dich,
O GOtt dess Bundes stärcke mich,
Von Rath und That groszmächtig!

//Der Bundes-GOtt.//

Ich habe schon an dich gedacht
Durch ewiges Erbarmen;
Dein JEsus hat es fest gemacht;
Lauff, lauff, zu seinen Armen!
Zur Weissheit und Gerechtigkeit,
Zur Heiligung ist Er bereit,
Erlösung ist er worden.

Des Seligen Herren
Joachim Neanders
Berühmten Reformirten Predigers zu Bremen,
Geistreiche
Glaub- Liebes
und
Bundes-Lieder.

Gedruckt in Amsterdam, zu finden
Bey Samuel Schoonwald,
Buch-händler in der Kalberstrasse. 1725