Spitta, Carl Johann Philipp – Wie ist der Abend so traulich

Wie ist der Abend so traulich,
Wie lächelnd der Tag verschied;
Wie singen so herzlich erbaulich
Die Vögel ihr Abendlied!

Die Blumen müssen wohl schweigen,
Kein Ton ist Blumen bescheert,
Doch, stille Beter, neigen
Sie all das Haupt zur Erd‘.

Wohin ich geh und schaue,
Ist Abendandacht. Im Strom
Spiegelt sich auch der blaue,
Prächtige Himmelsdom.

Und alles betet lebendig
Um eine selige Ruh‘,
Und alles mahnt mich inständig:
O Menschenkind, bete auch du!

Spitta, Carl Johann Philipp – Im Osten flammt empor der goldne Morgen

Im Osten flammt empor der goldne Morgen,
Und alles, was die finstre Nacht verborgen,
Wird offenbar, erhellt vom Sonnenlicht;
Und all die Wälder, all die Höhn und Tiefen,
Die eingehüllt im Nebelbette schliefen,
Stehn glänzend vor der Sonne Angesicht.

Leucht in mein Herz und gib mir Licht und Wonne,
Mein Jesu, meines dunklen Herzens Sonne,
Erwecke drin den hellen Tagesschein,
O offenbar mir die vielen Falten
Des Herzens, das nach dir sich muß gestalten
Und in dein heilig Bild verkläret sein.

In deinem Lichte laß mich heute wandeln,
In deiner Liebeswärme laß mich handeln,
Wie eine neu belebte Kreatur,
Die auch durch eine neue Lebensweise
Den Schöpfer ihres neuen Lebens preise,
Und leb zu seinem Lob und Ruhme nur.

Ich bitte nicht: Nimm weg des Tages Plagen!
Nein, um die Liebe bitt ich, sie zu tragen,
Und um den Glauben, daß mir alles frommt,
Daß alles sich zu meinem Heil muß wenden,
Weil alles mir aus deinen lieben Händen
Und deinem segensreichen Herzen kommt.

Ich bitte nicht: Gib mir viel äußre Stille!
Nein, Herr, auch hier geschehe ganz dein Wille;
Doch bitt ich: Gib ein kindlich stilles Herz!
Zieht mich die Erde in ihr irdsches Treiben,
So laß mein Herz doch stets dein eigen bleiben,
Zieh’s von der Erde zu dir himmelwärts.

Ich bitte nicht: O ende du recht frühe
Des Erdenlebens Angst und Not und Mühe!
Nein, sei mein Frieden in derErdennot.
Ich bitte nicht: Laß bald dein Reich mich erben!
Nein, eh ich sterb, laß mich der Sünde sterben,
Und werde du recht meiner Sünde Tod.

Du rechte Morgensonne meines Lebens,
O leuchte mir denn heute nicht vergebens,
Sei du mein Licht, wenn ich im Dunkel steh,
Umleuchte mich mit Glanz und Heil und Wonne,
Daß ich mit Freuden in die Abendsonne
Am Ende meiner Erdenwallfahrt seh.

Spitta, Carl Johann Philipp – Bei dir, Jesu, will ich bleiben

1.Bei dir, Jesu, will ich bleiben,
stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben,
will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben,
meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben
zu­strömt Kraft und Lebenssaft.

2.Könnt ich’s irgend besser haben
als bei dir, der allezeit
soviel tausend Gnadengaben
für mich Armen hat bereit?
Könnt ich je getroster werden
als bei dir, Herr Jesu Christ,
dem im Himmel und auf Erden
alle Macht gegeben ist?

3.Wo ist solch ein Herr zu finden,
der, was Jesus tat, mir tut,
mich erkauft von Tod und Sünden
mit dem eignen teuren Blut?
Sollt ich dem nicht angehören,
der sein Leben für mich gab?
Sollt ich ihm nicht Treue schwören,
Treue bis in Tod und Grab?

4.Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich
so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich
mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig,
auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig,
der sich lebend zu dir hält.

5.Bleib mir nah auf dieser Erden,
bleib auch, wenn mein Tag sich neigt,
wenn es nun will Abend werden
und die Nacht herniedersteigt.
Lege segnend dann die Hände
mir aufs müde, schwache Haupt;
sprich: >Mein Kind, hier geht’s zu Ende;
aber dort lebt, wer hier glaubt.<

6.Bleib mir dann zur Seite stehen,
graut mir vor dem kalten Tod
als dem kühlen, scharfen Wehen
vor dem Himmelsmorgenrot.
Wird mein Auge dunkler, trüber,
dann erleuchte meinen Geist,
dass ich fröhlich zieh hin­über,
wie man nach der Heimat reist.

Spitta, Carl Johann Philipp – Die Fülle Christi

Wer gibt Leben, das genüget?
Wer gibt Freud‘ in Traurigkeit,
und mit allem, was Gott füget,
völlige Zufriedenheit?
Wer gibt kindliches Vertrauen,
legt uns in des Vaters Schoß,
macht uns eitler Sorgen los,
läßt uns Gottes Wunder schauen?
Freu dich, dein Jesus Christ
solcher Gnaden Geber ist.

Wer gibt Sinn der Gotteskinder;
Demut, die ihr Nichts erwägt;
Sanftmut, die den Pfeil des Spottes
ungereizt zur Seite legt;
Liebe, die kein Opfer scheut,
der das Geben Seligkeit,
die zu allem Dienst bereit,
mit dem Fröhlichen sich freuet?
Danke Gott, dein Jesus Christ
solcher Gnaden Geber ist.

O du einer, der du allen
alles gibst und alles bist,
weil nach Gottes Wohlgefallen
alle Fülle in dir ist!
Alle hast du eingeladen,
alle sollen zu dir nahn,
allen hast du aufgetan
solche Fülle deiner Gnaden!
Selig, wer es recht genießt,
was du gibst und was du bist.

Spitta, Carl Johann Philipp – Es kennt der Herr die Seinen

1.Es kennt der Herr die Seinen
und hat sie stets gekannt,
die Großen und die Kleinen
in jedem Volk und Land.
Er lässt sie nicht verderben,
er führt sie aus und ein;
im Leben und im Sterben
sind sie und bleiben sein.

2.Er kennet seine Scharen
am Glauben, der nicht schaut
und doch dem Unsichtbaren,
als sah er ihn, vertraut;
der aus dem Wort gezeuget
und durch das Wort sich nährt
und vor dem Wort sich beuget
und mit dem Wort sich wehrt.

3.Er kennt sie als die Seinen
an ihrer Hoffnung Mut,
die fröhlich auf dem einen,
dass er der Herr ist, ruht,
in seiner Wahrheit Glänze
sich sonnet, frei und kühn,
die wundersame Pflanze,
die immerdar ist grün.

4.Er kennt sie an der Liebe,
die seiner Liebe Frucht
und die mit lauterm Triebe
ihm zu gefallen sucht;
die ändern so begegnet,
wie er das Herz bewegt,
die segnet, wie er segnet,
und trägt, wie er sie trägt.

5.So hilf uns, Herr, zum Glauben
und halt uns fest dabei;
lass nichts die Hoffnung rauben;
die Liebe herzlich sei!
Und wird der Tag erscheinen,
da dich die Welt wird sehn,
so lass uns als die Deinen
zu deiner Rechten stehn!

Spitta, Carl Johann Philipp – Freuet euch der schönen Erde

Freuet euch der schönen Erde,
denn sie ist wohl wert der Freud;
o was hat für Herrlichkeiten
unser Gott da ausgestreut!

Und doch ist sie seiner Füße
reichgeschmückter Schemel nur,
ist nur eine schönbegabte,
wunderreiche Kreatur.

Freuet euch an Mond und Sonne
und den Sternen allzumal,
wie sie wandeln, wie sie leuchten
über unserm Erdental!

Und doch sind sie nur Geschöpfe
von des höchsten Gottes Hand,
hingesät auf seines Thrones
weites, glänzendes Gewand.

Wenn am Schemel seiner Füße
und am Thron schon solcher Schein;
o was muß an seinem Herzen
erst für Glanz und Wonne sein!

Spitta, Carl Johann Philipp – Gemeinschaft

Du Band, du festes Liebesband,
Du hast, seit Jesus uns gefunden,
Uns an ein solches Joch gebunden,
Das wir als sanft und gut erkannt.

Er hat uns seine Flamm‘ entzündet,
Nun sind wir inniglich gefüget
Und in der Fügung höchst vergnüget,
Daß wir in ihm wie einer sind.

Du Schöpfer der Verbundenheit,
Du hast dem Segen und dem Leben
Für allemal Befehl gegeben,
Zu ruhen auf der Einigkeit.

Erhalt‘ uns unverrückt dabei
Und laß sich den Gemeinschaftssagen
So unter uns zu Tage legen,
Daß jeder davon Zeuge sei.

Spitta, Carl Johann Philipp – Ich steh in meines Herren Hand

1.Ich steh in meines Herren Hand
und will drin stehen bleiben;
nicht Erdennot, nicht Erdentand
soll mich daraus vertreiben.
Und wenn zerfällt die ganze Welt,
wer sich an ihm und wen er hält,
wird wohl behalten bleiben.

2.Er ist ein Fels, ein sichrer Hort,
und Wunder sollen schauen,
die sich auf sein wahrhaftig Wort
verlassen und ihm trauen.
Er hat’s gesagt, und darauf wagt
mein Herz es froh und unverzagt
und lässt sich gar nicht grauen.

3.Und was er mit mir machen will,
ist alles mir gelegen;
ich halte ihm im Glauben still
und hoff auf seinen Segen.
Denn was er tut, ist immer gut,
und wer von ihm behütet ruht,
ist sicher allerwegen.

4.Ja, wenn’s am schlimmsten mit mir steht,
freu ich mich seiner Pflege;
ich weiß: die Wege, die er geht,
sind lauter Wunderwege.
Was böse scheint, ist gut gemeint;
er ist doch nimmermehr mein Feind
und gibt nur Liebesschläge.

5.Und meines Glaubens Unterpfand
ist, was er selbst verheißen:
dass nichts mich seiner starken Hand
soll je und je entreißen.
Was er verspricht, das bricht er nicht;
er bleibet meine Zuversicht.
Ich will ihn ewig preisen.

Spitta, Carl Johann Philipp – Ich und mein Haus, wir sind bereit

1.Ich und mein Haus, wir sind bereit,
dir, Herr, die ganze Lebenszeit
mit Seel und Leib zu dienen.
Du sollst der Herr im Hause sein,
gib deinen Segen nur darein,
dass wir dir willig dienen.
Eine kleine,
fromme, reine
Hausgemeinde
mach aus allen;
dir nur soll sie wohlgefallen

2.Es wirke durch dein kräftig Wort
dein guter Geist stets fort und fort
an unser aller Seelen;
es leucht uns wie das Sonnenlicht,
damit’s am rechten Lichte nicht
im Hause möge fehlen. Reiche gleiche
Seelenspeise
auch zur Reise
durch dies Leben
uns, die wir uns dir ergeben.

3.Gieß deinen Frieden auf das Haus
und alle, die drin wohnen, aus;
im Glauben uns verbinde.
Lass uns in Liebe allezeit
zum Dulden, Tragen sein bereit,
voll Demut, sanft und linde.
Liebe übe jede Seele;
keinem fehle,
dran man kennet
den, der sich den Deinen nennet.

4.Lass unser Haus gegründet sein
auf deine Gnade ganz allein
und deine große Güte.
Auch lass uns in der Nächte Graun
auf deine treue Hilfe schaun
mit kindlichem Gemüte,
selig, fröhlich, selbst mit Schmerzen
in dem Herzen
dir uns lassen
und dann in Geduld uns fassen.

5.Gibst du uns irdisch Glück ins Haus,
so schließ den Stolz, die Weltlust aus,
des Reichtums böse Gäste.
Denn wenn das Herz an Demut leer
und voll von eitler Weltlust wär,
so fehlte uns das Beste:
jene schöne,
tiefe, stille
Gnadenfülle,
die mit Schätzen
einer Welt nicht zu ersetzen.

6.Und endlich flehn wir allermeist,
dass in dem Haus kein andrer Geist
als nur dein Geist regiere.
Der ist’s, der alles wohl bestellt,
der gute Zucht und Ordnung hält,
der alles liebreich ziere.
Sende, spende
ihn uns allen,
bis wir wallen
heim und oben
dich in deinem Hause loben.

Spitta, Carl Johann Philipp – O selig Haus, wo man dich aufgenommen

O selig Haus, wo man dich aufgenommen,
Du wahrer Seelenfreund, Herr Jesu Christ;
Wo unter allen Gästen, die da kommen,
Du der gefeiertste und liebste bist;
Wo aller Herzen dir entgegenschlagen
Und aller Augen freudig auf dich sehn;
Wo aller Lippen dein Gebot erfragen
Und alle deines Winks gewärtig stehn!

2. O selig Haus, wo Mann und Weib in einer,
deiner Liebe eines Geistes sind,
Als beide eines Heils gewürdigt, keiner
Im Glaubensgrunde anders ist gesinnt;
Wo beide unzertrennbar an dir hangen
In Lieb‘ und Leid, Gemach und Ungemach,
Und nur bei dir zu bleiben stets verlangen
An jedem guten wie am bösen Tag!

3. O selig Haus, wo man die lieben Kleinen
Mit Händen des Gebets ans Herz dir legt,
Du Freund der Kinder, der sie als die Seinen
Mit mehr als Mutterliebe hegt und pflegt;
Wo sie zu deinen Füßen gern sich sammeln
Und horchen deiner süßen Rede zu
Und lernen früh dein Lob mit Freuden stammeln,
Sich deiner freun, du lieber Heiland, du!

5. O selig Haus, wo du die Freude teilest,
Wo man bei keiner Freude dein vergißt!
O selig Haus, wo du die Wunden heilest
Und aller Arzt und aller Tröster bist,
Bis jeder einst sein Tagewerk vollendet,
Und bis sie endlich alle ziehen aus
Dahin, woher der Vater dich gesendet,
Ins große, freie, schöne Vaterhaus!