Hardenberg, Georg Philipp Friedrich Freiherr von (Novalis) – Hymne.

Wenige wissen
Das Geheimnis der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Rätsel;
Aber wer jemals
Von heißen geliebten Lippen
Atem des Lebens zog,
Wem heilige Glut
In zitternde Wellen das Herz schmolz,
Wem das Auge aufging,
Dass er des Himmels
Unergründliche Tiefe maß,
Wird essen von seinem Leibe
Und trinken von seinem Blute
Ewiglich.
Wer hat des irdischen Leibes
Hohen Sinn erraten?
Wer kann sagen,
Dass er das Blut versteht?
Einst ist alles Leib
Ein Leib,
In himmlischem Blute
Schwimmt das selige Paar. —

O! dass das Weltmeer
Schon errötete,
Und in duftiges Fleisch
Aufquolle der Fels!
Nie endet das süße Mahl,
Nie sättigt die Liebe sich;
Nicht innig, nicht eigen genug
Kann sie haben den Geliebten.
Von immer zärteren Lippen
Verwandelt wird das Genossene
Inniglicher und näher.
Heißere Wollust
Durchbebt die Seele,
Durstiger und hungriger
Wird das Herz:
Und so währet der Liebe Genuss
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Hätten die Nuchternen
Einmal gekostet,
Alles verließen sie,
Und setzten sich zu uns
An den Tisch der Sehnsucht,
Der nie leer wird.
Sie erkennten der Liebe
Unendliche Fülle
Und priesen die Nahrung
Von Leib und Blut.

Hardenberg, Georg Philipp Friedrich Freiherr von (Novalis) – Seligkeit in Jesu.

Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nie vergisst:
Weiß ich nichts von Leide,
Fühle nichts, als Andacht, Lieb und Freude.

2. Wenn ich ihn nur habe,
Lass‘ ich alles gern,
Folg‘ an meinem Wanderstabe
Treugesinnt nur meinem Herrn;
Lasse still die Andern
Breite, lichte, volle Straßen wandern.

3. Wenn ich ihn nur habe,
Schlaf‘ ich fröhlich ein,
Ewig wird zu süßer Labe
Seines Herzens Flut mir sein,
Die mit sanftem Zwingen
Alles wird erweichen und durchdringen.

4. Wenn ich ihn nur habe,
Hab‘ ich auch die Welt;
Selig, wie ein Himmelsknabe,
Der der Jungfrau Schleier hält.
Hingesenkt im Schauen
Kann mir vor dem Irdischen nicht grauen.

5. Wo ich ihn nur habe,
Ist mein Vaterland;
Und es fällt mir jede Gabe
Wie ein Erbteil in die Hard:
Längst vermisste Brüder
Find‘ ich nun in seinen Jüngern wieder.

Hardenberg, Georg Philipp Friedrich Freiherr von – Was wär ich ohne dich gewesen?

1. Was wär ich ohne dich gewesen?
Was würd ich ohne dich noch sein?
Zu Furcht und Ängsten auserlesen,
Stand ich in weiter Welt allein;
Nichts wüßt ich sicher, was ich liebte,
Die Zukunft war ein dunkler Schlund;
Und wenn mein Herz sich tief betrübte,
Wem tät ich meine Sorge kund?

2. Hast aber du dich kund gegeben,
Ist ein Gemüt erst dein gewiss:
Wie schnell verzehrt dein Licht und Leben
Dann jede öde Finsternis!
Mit dir bin ich auf’s Neu‘ geboren,
Die Welt wird mir verklärt durch dich;
Das Paradies, das wir verloren,
Blüht herrlich wieder auf für mich.

3. Ja, du mein Heiland, mein Befreier,
Du Menschensohn voll Lieb und Macht,
Du hast ein allbelebend Feuer
In meinem Innern angefacht:
Durch dich seh‘ ich den Himmel offen,
Als meiner Seele Vaterland;
Ich kann nun glauben, freudig hoffen,
Und fühle mich mit Gott verwandt.

4. O gehet aus auf allen Wegen,
Und ruft die Irrenden herein;
Streckt Allen eure Hand entgegen,
Und ladet froh sie zu uns ein!
Der Himmel ist bei uns auf Erden,
Das kündigt ihnen freudig an
Und wenn sie unsers Glaubens werden,
Ist er auch ihnen aufgetan.

Hardenberg, Georg Philipp Friedrich Freiherr von – Wenn alle untreu werden

Wenn alle untreu werden,
So bleib ich Dir doch treu,
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei.
Für mich umfing Dich Leiden
Und bittrer Todesschmerz;
Drum geb ich Dir mit Freuden
Auf ewig dieses Herz!

Oft möcht ich bitter weinen,
Daß Du gestorben bist,
Und mancher von den Deinen
Dich lebenslang vergißt.
Von Liebe nur durchdrungen,
Hast Du so viel gethan;
Und doch bist Du verklungen,
Und keiner denkt daran.

Du stehst voll treuer Liebe
Noch immer jedem bei;
Wenn keiner treu Dir bliebe,
So bleibst Du dennoch treu.
Die treuste Liebe sieget;
Am Ende fühlt man sie,
Weint bitterlich und schmieget
Sich kindlich an Dein Knie.

Ich habe Dich empfunden;
O lasse nicht von mir!
Laß innig mich verbunden
Auf ewig sein mit Dir!
Einst schauen meine Brüder
Auch wieder himmelwärts,
Und sinken liebend nieder,
Und fallen Dir an’s Herz.

Schaff – Deutsches Gesangbuch