Arnold, Gottfried – Alles im Einen.

O wer Alles hätt‘ verloren,
Auch sich selbst, und allezeit
Nur das Eine hätt‘ erkoren,
Welches Geist und Herz erfreut!

O wer Alles hätt‘ vergessen,
Und nichts wüsst‘, als Gott allein,
Dessen Güte unermessen
Macht das Herz still, ruhig, rein!

O wer Alles könnte lassen,
Dass er, frei vom Eiteln all,
Wanderte die Friedensstraßen
Durch dies tränenvolle Tal!

O wer Allem wär‘ entnommen,
Was uns lockt mit eitlem Glanz,
Und hält ab zu Gott zu kommen,
In dem alle Güt‘ ist ganz!

O dass wir Gott möchten finden
In uns durch der Liebe Licht,
Und uns ewig Ihm verbinden!
Alles and’re sättigt nicht.

O dass jeder Blick der Seelen
Stets nur ging‘ auf Gott den Herrn!
Alle Sorg‘ und alles Quälen
Träte dem Gewissen fern.

O du Abgrund aller Güte,
Zeuch durch’s Kreuz in Dich hinein,
Geist und Sinnen und Gemüte,
Ewig mit Dir Eins zu sein!

Arnold, Gottfried – Abschied von der Welt.

Entfernet euch, ihr matten Kräfte,
Von Allem, was noch irdisch heißt;
Wirf hin, die zeitlichen Geschäfte,
Mein g’nug geplagter, müder Geist!
Nun gute Nacht!
Es ist vollbracht;
Ich fang ein ander Wesen an,
Das sich mit Nichts vermengen kann.

Ihr Berg‘ und Thäler, helft mir singen,
Besingen meines Jesu Preis,
Der unter so geringen Dingen
Mich noch so treu zu schätzen weiß!
Habt gute Nacht!
Ich hab’s bedacht:
Es ist nun endlich hohe Zeit,
Zu fliehen die Vergänglichkeit.

Ihr seyd ja wohl, ihr grünen Auen,
Im Sommer lieblich anzuseh’n;
Doch wird man auch an euch bald schauen,
Wie alle Schönheit muß vergeh’n.
Drum gute Nacht!
Doch nimm in Acht,
Mein Herz: du liebest von Natur,
Ach, allzuviel die Kreatur.

Hast bu bisher noch was geliebet,
Das Kräfte dir und Zeit verzehrt,
So sey denn auch nicht mehr betrübet,
Wenn sein Genuß dir wird verwehrt.
Gib gute Nacht!
Dein Heiland wacht,
Und will daß Sein Erkaufter bleib‘
Ihm treu, und keusch an Seel‘ und Leib.

Hinweg, du schnöde Eigenliebe!
Laß künftig meine Seele leer!
Ich folge Christi Liebestriebe;
Nur ihm gebühret Ruhm und Ehr.
Nun, gute Nacht,
Du Stolz und Pracht!
Euch stoß‘ ich aus dem Herzen aus,
Sonst wird es nimmer Jesu Haus.

Herr, mach‘ mich los von allen Banden,
Reiß auch das feinste Netz entzwei;
Mach‘ aller Feinde Rath zu Schanden,
Daß ich dein treuer Jünger sey!
Hab‘ gute Nacht,
Du List und Macht,
Die mich so oft betrogen hat!
Ich flieh‘ in Christi freie Stadt!

Wie süß ist doch ein freier Wandel,
In reiner Abgeschiedenheit,
Wenn nun des Weltgeists irrer Handel
Uns keine Plage mehr bereit’t!
Ja, gute Nacht,
Du finstre Macht!
Mein Jesus nimmt nun Herz und Sinn
Auf ewig sich zu eigen hin!

Verbirg mich, gib mir deinen Frieden,
Und halte mich in deinem Schooß,
Daß ich von Allem abgeschieden,
In Dir, Herr, lebe kummerlos!
Welt, gute Nacht!
Die Liebe macht,
Daß ich mich selbst vergessen kann,
Und sehne mich nur himmelan.

Arnold, Gottfried – Um die Kräfte des Namens Jesu.

Wie herrlich ist des großen Namens Pracht,
Den Dir, o Herr, der Vater hat gegeben,
Als Du das Werk des Heils zu Stand gebracht!
Mir ist er Geist, Kraft, Seligkeit und Leben,
Sein bloßes Wort, kein Schall, vom Wind geweht,
Kein Buchstab, nur in Büchern eingeschrieben,
Davon man oft nur allzu flüchtig red’t; –
O nein! mir ist das Wesen selbst geblieben.

O Name du, der über alles ist!
Dich bet‘ ich an, Dir beug‘ ich Knie und Sinnen,
Dich ehrt und liebt mein Alles, Jesus Christ,
In Dir kann ich das höchste Gut gewinnen!

Du bist in mir ein ausgegoßnes Oel;
Des Geistes ganze Füde bat dein Wesen
Zum Priesterthum für die erstorb’ne Seel‘
Als König und Propheten auserlesen,
Und ganz gesalbt mit Freuden ohne Ziel,
Nicht tropfenweis, wie deine Reichsgenossen.
Drum hast Du, Haupt, auf deinen Leib so viel
Von dieser Kraft der Salbung ausgegossen,
Daß jedes Glied, in dem die Gabe bleibt,
Nicht mehr bedarf, daß es ein Andrer lehret,
Weil selbst dein Geist uns stets zur Quelle treibt,
Und zieht, und lehrt, und warnt, und Böses wehret.

Wie aber nun uns lehrt dein Geist und Sinn,
So ist es wahr, und nimmermehr erlogen;
Und wer Dir folgt, hat Alles zum Gewinn
Unmittelbar aus Deinem Quell gesogen.

Ach sanftes Oel, leucht‘ hell, und lindre mir
Und heile zu der Seele tiefen Schaden
Der Sünd und Schand‘! Es sind g’nug Wunden hier,
Und Dich, den Arzt, darf ja der Kranke laden!
Belebe mich mit deiner Menschheit Kraft,
Als reinem Oel; laß deine Salbung fließen,
Die milde, feine, stille Sinnen macht;
las mich im Geist Dein ewiglich genießen!

Arnold, Gottfried – An den heiligen Geist.

Süßer Tröster, liebster Gast,
Unsrer Seelen einzig Leben!
Sanfte Kühlung, süße Rast,
Die uns Trost in Noth kann geben;
Selges Licht, erfüll‘ die Sinnen
Derer, die dein Lob beginnen!

Ohne deine Majestät
Ist im Leben nichts, denn Sünde;
Wasch‘ mich, wenn ich zu Dir tret‘,
Und benetz‘ die dürren Gründe;
Heile mir die wunden Glieder,
Wärme das Erstarrte wieder!

Arnold, Gottfried – Das gütige Wort Gottes.

Ist dieß nicht meines Hirten Wort,
Der immerdar so gerne
Anklopft vor meines Herzens Pfort‘,
Und nicht nur steht von ferne?
Ja, ja, Er ist’s! Sein Gnadenlicht,
Das mir im Dunkeln stets anbricht,
Zeugt von dem Morgensterne.

Zuvor war mir der Unterscheid
Der rechten Stimm‘ Verborgen;
Des falschen Lichtes Trüglichkeit
Erweckte mir viel Sorgen.
Die Schlang‘ in englischer Gestalt
Macht, daß mein Aug zurückeprallt
Vorm Sonnenstrahl am Morgen.

Zuweilen hat Kleinmüthigkeit
Und Schrecken mich betrogen,
Bald Zweifel, Furcht und schwerer Streit
Den Glauben überwogen,
So daß mein Freund gar leise nur
Kund geben konnte seine Spur,
Und schien mir ganz entzogen.

Nun aber kenn‘ ich ganz genau
Des Liebsten eig’ne Reden,
Weil ich Ihn selber zu mir schau‘
Unmittelbar hintreten,
Wo ich Ihn ohn Mittel vör‘,
Und als ein Schaf den Hirten ehr‘
Mit Lieben, Folgen, Beten.

Und welche Kreatur kann auch
Mir solche Stimme schenken,
Die durch des Geistes Liebeshauch
Mir einkommt im Gedenken:
Wenn sich in meines Herzens Pfort‘
Eröffnet das wortlose Wort,
Den Sinn auf Ihn zu lenken?

Geist, Wahrheit, Kraft, Heil, Wesen ist,
Ja, Licht und ew’ges Leben,
Was dieß dein Wort, Herr Jesu Christ,
Den Schafen pflegt zu geben.
Das fühl ich wohl, drum ist mein Will‘
Bei deiner Lehre wach und still,
Daß er mög‘ in Dir weben.

Dieß ist das Zeichen und das Pfand,
Daran ich Dich erblicke,
So oft ich aus dem dunkeln Land
Die Augen aufwärts schicke.
Da läst’st Du Dich im Geiste seh’n,
Und mit Dir wie ein Mensch umgehn,
Daß sich mein Herz erquicke.

Herr, Du hast nirgends was gespart,
Mir wohlzuthun im Leben;
Seitdem ich Dir verbunden ward,
Hast Du Dich mir gegeben,
Versagest mir auch ferner nicht,
Was mir zum Seligseyn gebricht, –
Drum will ich Dich erheben!

Arnold, Gottfried – Untrüglichkeit des Wortes Gottes.

Frag deinen Gott, hör‘, was Er zeuget,
In seinem Wort, weil hier sein Geist
Nie seinen Willen dir verschweiget,
Wenn du ihn nicht von selber weißt.
Dämpf nicht des Geistes Unterricht,
Frag‘ deinen Gott, da hol Bericht!

Frag‘ deinen Gott, laß Ihn dich führen,
So wird die Morgenroth‘ aufgeh’n;
Du wirst ihr Leuchten reichlich spüren,
Und bald im Tageslichte steh’n.
Drum frage deinen Willen nicht;
Frag‘ deinen Gott, da hol Bericht!

Des höchsten Ausspruch kann nicht trügen,
Nichts Dunkles ist im Sonnenlicht!
Die Kreaturen können lügen,
Und lügt dein Herz oft selber nicht?
Was suchst du in und außer dir?
Frag‘ deinen Gott, sein Wort ist hier!

Wohl! wenn dein Wille mit dem Worte
Des Einzigweisen stimmet ein:
So kann in keinem Stand noch Orte
Sein Wille dir zuwider seyn!
Der Vater ist des Kindes Hort,
Das mit Ihm Eins wird durch sein Wort.

Gottfried Arnold – Heiligster Jesus

Heiligster Jesus, Heiligungsquelle,
Mehr als Krystall rein, klar und helle,
Du laut’rer Strom der Heiligkeit!
Aller Glanz der Cherubinen,
Die Heiligkeit der Seraphinen
Ist gegen Dich nur Dunkelheit.
Ein Vorbild bist Du mir,
Ach, bilde mich nach Dir,
Du mein Alles!
Jesus, hilf Du!
Hilf mir dazu,
Daß ich auch heilig sei, wie Du.

2. O stiller Jesus! wie Dein Wille
Dem Willen Deines Vaters stille
Und bis zum Tod gehorsam war,
Also mach‘ auch gleichermaßen
Mein Herz und Willen Dir gelassen,
Ach, stille meinen Willen gar!
Mach mich Dir gleich gesinnt,
Wie ein gehorsam Kind,
Stille, stille.
Jesus, hilf Du!
Hilf mir dazu,
Daß ich fein stille sei, wie Du.

3. Wachsamer Jesus! ohne Schlummer,
In großer Arbeit, Müh‘ und Kummer
Bist Du gewesen Tag und Nacht;
Du mußtest täglich viel ausstehen,
Des Nachts lagst Du vor Gott mit Flehen,
Und hast gebetet und gewacht.
Gib mir auch Wachsamkeit,
Daß ich zu Dir allzeit
Mach‘ und bete.
Jesus, hilf Du!
Hilf mir dazu,
Das ich stets wachsam sei, wie Du.

4. Gütigster Jesus! ach wie gnädig,
Wie liebreich, freundlich und gutthätig
Bist Du doch gegen Freund und Feind!
Dein Sonnenglanz, der scheinet Allen,
Dein Regen muß auf Alle fallen,
Ob sie Dir gleich undankbar sind.
Mein Gott, ach lehre mich,
Damit hierinnen ich
Dir nacharte!
Jesus hilf Du!
Hilf mir dazu,
Daß ich auch gütig sei, wie Du.

5. Du sanfter Jesus, warst unschuldig,
Und littest alle Schmach geduldig,
Vergabst und ließ’st nicht Rachgier aus;
Niemand kann Deine Sanftmuth messen,
Bei der kein Eifer Dich gefressen,
Als der um Deines Vaters Haus.
Mein Heiland, ach, verleih‘
Mir Sanftmuth und dabei
Guten Eifer.
Jesus, hilf Du!
Hilf mir dazu,
Daß ich sanftmüthig sei, wie Du.

6. Würdigster Jesus, Ehrenkönig!
Du suchtest Deine Ehre wenig,
Und wurdest niedrig und gering;
Du wandeltst ganz vertieft auf Erden
In Demuth und in Knechtsgebärden,
Erhubst Dich selbst in keinem Ding.
Herr, solche Demuth lehr‘
Mich auch, je mehr und mehr
Stetig üben!
Jesus hilf Du!
Hilf mir dazu,
Daß ich demüthig sei, wie Du.

7. O keuscher Jesus, all‘ Dein Wesen
War züchtig, keusch und auserlesen,
Voll ungefärbter Sittsamkeit;
Gedanken, Reden, Glieder, Sinnen,
Gebärden, Kleidung und Beginnen
War voller lautrer Züchtigkeit.
O, mein Immanuel!
Mach‘ mir Geist, Leib und Seel
Keusch und züchtig
Jesus, hilf Du!
Hilf mir dazu,
So keusch und rein zu sein, wie Du.

8. Mäßiger Jesus, deine Weise
Im Trinken und Genuß der Speise
Lehrt uns die rechte Mäßigkeit.
Den Durst und Hunger Dir zu stillen,
War, statt der Kost, des Vaters Willen
Und Werk vollenden, Dir bereit‘.
Herr, hilf mir, meinen Leib
Stets zähmen, daß ich bleib‘
Dir stets nüchtern.
Jesus, hilf Du!
Hilf mir dazu,
Daß ich stets nüchtern sei, wie Du.

9. Nun, liebster Jesus, liebstes Leben!
Mach‘ mich in Allem Dir ergeben,
Und deinem heil‘gen Vorbild gleich.
Dein Geist und Kraft mich ganz durchdringe,
Daß ich viel Glaubensfrüchte bringe,
Und tüchtig werd‘ zu deinem Reich.
Ach, zeuch mich ganz zu Dir,
Behalt mich für und für,
Treuer Heiland!
Jesus, hilf Du,
Laß mich, wie Du,
Und wo Du bist, einst finden Ruh‘.

Arnold, Gottfried – Vergiss mein nicht

1. Vergiß mein nicht, dass ich dein nicht vergesse
und meiner Pflicht, die ich, o Wurzel Jesse,
dir schuldig bin. Erinnre stets mein Herz
der unzählbaren Gunst und Lieblichkeiten,
die du mir ungesucht hast wollen zubereiten.
Du wirst, was mir hinfort gebricht,
vergessen nicht.

2. Verlier mich nicht, mein Hirt, aus deinen Armen,
aus deinem Schoß und herzlichen Erbarmen,
von deiner Weide honigsüßen Kost,
aus deinen Führen, Locken, Warnen, Sorgen,
das ich bei dir genieß vom Abend bis am Morgen.
Solang dein Stab sein Amt verricht,
verlier mich nicht.

3. Verlass mich nicht, mein Herr und bester Lehrer
bei der Gefahr so vieler Friedensstörer,
o wache selbst und lass dein Liebspanier
mich ringsherum mit tausend Schilden decken,
daß keines Feindes Macht und Heer mich kann erschrecken.
Dein Auge, das auf mich gericht‘,
verlass mich nicht.

4. Verstoß mich nicht, doch wie kannst du verstoßen?
Du weißt von lauter Liebe und Liebkosen,
von Gnad und Huld; denn dein mitleidig Herz
dich zwinget, meine Schwachheit stets zu tragen.
Wer wollt von solcher Treu an der Vollendung zagen?
Dein Herz, das dir so ofte bricht,
verstoß mich nicht.

5. Vergiß auch nicht, Herr, deine Reichsgenossen,
auf die dein Blut in voller Kraft geflossen,
o fasse sie in deiner Liebesbrust.
Gib, daß dein Zion sich bald deiner freue
und jedermann dir stift ein Denkmal deiner Treue
und keiner der so teuren Pflicht
vergesse nicht.

6. Vergiß mein nicht, und wer könnt dich vergessen?
Man kann ja das Geheimnis nicht ermessen,
daß du in mir und ich in dir soll sein.
Wie sollt ich nicht an dich, du an mich denken,
da du mich willst in dich und dich in mich versenken?
Du wirst mich ewiglich, mein Licht,
verlassen nicht.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen

So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen,
Ja selig und doch meistens wunderlich.
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu nicht kann verleugnen sich?
Die Wege sind oft krumm und doch gerad,
Darauf du läßt die Kinder zu dir gehn,
Da pflegt es wunderseltsam auszusehn,
Doch triumphiert zuletzt dein hoher Rat.

2. Dein Geist hängt nie an menschlichen Gesetzen,
So die Vernunft und gute Meinung stellt.
Den Zweifelsknoten kann dein Schwert verletzten
Und lösen auf, nach dem es dir gefällt.
Du reißest wohl die stärksten Band entzwei;
Was sich entgegensetzt, muß sinken hin;
Ein Wort bricht oft den allerhärtsten Sinn,
Dann geht dein Fuß auch durch Umwege frei.

3. Was unsre Klugheit will zusammenfügen,
Teilt dein Verstand in Ost und Westen aus;
Was mancher unter Joch und Last will biegen,
Setzt deine Hand frei an der Sternen Haus.
Die Welt zerreißt, und du verknüpfst in Kraft;
Sie bricht, du baust; sie baut, du reißest ein;
Ihr Glanz muß dir ein dunkler Schatten sein;
Dein Geist bei Toten Kraft und Leben schafft.

4. Will die Vernunft was fromm und selig preisen,
So hast du‘s schon aus deinem Buch gethan;
Wem aber niemand will dies Zeugnis weisen,
Den führst du in der Still selbst himmelan.
Den Tisch der Pharisäer läßt du stehn
Und speisest mit den Sündern, sprichst sie frei.
Wer weiß, was öfters deine Absicht sei?
Wer kann der tiefsten Weisheit Abgrund sehn?

5. Was alles ist, gilt nichts in deinen Augen;
Was nichts ist, hast du, großer Herr, recht lieb.
Der Worte Pracht und Ruhm mag dir nicht taugen,
Du giebst die Kraft und Nachdruck durch den Trieb.
Die besten Werke bringen dir kein Lob,
Sie sind versteckt, der Blinde geht vorbei;
Wer Augen hat, sieht sie doch nie so frei;
Die Sachen sind zu klar, der Sinn zu groß.

6. O Herrscher, sei von uns gebenedeiet,
Der du uns rötest und lebendig machst.
Wenn uns dein Geist der Weisheit Schatz verleihet,
So sehn wir erst, wie wohl du für uns wachst.
Die Weisheit spielt bei uns, wir spielen mit.
Bei uns zu wohnen ist dir lauter Lust,
Die reget sich in deiner Vaterbrust
Und gängelt uns mit zartem Kinderschritt.

7. Bald scheinst du hart und streng uns anzugreifen,
Bald fährest du mit uns ganz säuberlich.
Geschiehts, daß unser Sinn sucht aus zuschweifen,
So weist die Zucht uns wieder hin auf dich.
Da gehn wir denn mit blöden Augen hin,
Du küßest uns, wir sagen Beßrung zu;
Drauf schenkst dein Geist dem Herzen wieder Ruh
Und hält im Zaum den ausgeschweiften Sinn.

8. Du kennst, o Vater, wohl das schwache Wesen,
Die Ohnmacht und der Sinnen Unverstand;
Man kann uns fast an unsrer Stirn ablesen,
Wie es um schwache Kinder sei bewandt.
Drum greifst du zu und hältst und trägest sie,
Brauchst Vaterrecht und zeigest Muttertreu;
Wo niemand meint, daß etwas deine sei,
Da hegst du selbst dein Schäflein je und je.

9. Also gehst du nicht die gemeinen Wege,
Dein Fuß wird selten öffentlich gesehn,
Damit du siehst, was sich im Herzen rege,
Wenn du in Dunkelheit mit uns willst gehn.
Das Widerspiel legt sich vor Augen dar von dem,
Was du in deinem Sinne hast; wer meint,
Er hab den Vorsatz recht gefaßt,
Der wird am End ein andres oft gewahr.

10. O Auge, das nicht Trug noch Heucheln leidet,
Gieb mir der Klugheit scharfen Unterscheid,
Dadurch Natur von Gnade wird entscheidet,
Das eigne Licht von deiner Heiterkeit.
Laß doch mein Herz dich niemals meistern nicht,
Brich ganz entzwei den Willen, der sich liebt,
Erweck die Lust, die sich nur dir ergiebt
Und tadelt nie dein heimliches Gericht.

11. Will etwa die Vernunft dir widersprechen
Und schüttelt ihren Kopf zu deinem Weg,
So wollst du die Befestung niederbrechen,
Daß ihre Höh sich nur bei Zeiten leg.
Kein fremdes Feuer sich in mir entzünd,
Das ich vor dich in Thorheit bringen möcht,
Und dir wohl gar so zu gefallen dächt.
O selig, wer dein Licht ergreift und findt.

12. So ziehe mich denn recht nach deinem Willen,
Und trag und heg und führ dein armes Kind.
Dein innres Zeugnis soll den Zweifel stillen,
Dein Geist die Furcht und Lüste überwind.
Du bist mein alles, denn dein Sohn ist mein;
Dein Geist reg sich ganz kräftiglich in mir,
Ich brenne nun nach dir in Liebsbegier,
Wie oft erquickt mich deiner Klarheit Schein!

13. Drum muß die Kreatur mir immer dienen,
Kein Engel schämt nun der Gemeinschaft sich:
Die Geister, die vor dir vollendet grünen,
Sind meine Brüder und erwarten mich.
Wie oft erquicket meinen Geist ein Herz,
Das dich und mich und alle Christen liebt!
Ists möglich, daß mich etwas noch betrübt?
Komm, Freudenquell, weich ewig aller Schmerz.

Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – O Durchbrecher aller Bande

O Durchbrecher aller Bande,
der du immer bei uns bist,
bei dem Schaden, Spott und Schande
lauter Lust und Himmel ist,
übe ferner dein Gerichte
wider unsern Adamssinn,
bis dein treues Angesichte
uns führt aus dem Kerker hin.

Ists doch deines Vaters Wille,
daß du endest dieses Werk;
hierzu wohnt in die die Fülle
aller Weisheit, Lieb und Stärk,
daß du nichts von dem verlierest,
was er dir geschenket hat,
und es aus dem Treiben führest
zu der süßen Ruhestatt.

Ach so mußt du uns vollenden,
willst und kannst ja anders nicht,
denn wir sind in deinen Händen,
dein Herz ist auf uns gericht‘,
ob wir wohl von allen Leuten
als gefangen sind geacht‘,
weil des Kreuzes Niedrigkeiten
uns veracht‘ und schnöd gemacht.

Schau doch aber unsre Ketten,
da wir mit der Kreatur
seufzen, ringen, schreien, beten,
um Erlösung von Natur,
von dem Dienst der Eitelkeiten,
der uns noch so hart bedrückt,
ob auch schon der Geist zu Zeiten
sich auf etwas Bessers schickt.

Ach erheb die matten Kräfte,
sich einmal zu reißen los
und durch alle Weltgeschäfte
durchzubrechen frei und bloß.
Weg mit Menschenfurcht und Zagen,
weich, Vernunftbedenklichkeit,
fort mit Scheu vor Schmach und Plagen,
weg des Fleisches Zärtlichkeit.

Herr, zermalme, brich, vernichte
alle Macht der Finsternis,
unterwirf sie dem Gerichte,
mach des Sieges uns gewiß,
heb uns aus dem Staub der Sünden,
wirf die Schlangenbrut hinaus,
laß uns wahre Freiheit finden
droben in des Vaters Haus.

Wir verlangen keine Ruhe
für das Fleisch in Ewigkeit;
wie du’s nötig findst, so tue
noch vor unsrer Abschiedszeit;
aber unser Geist, der bindet
dich im Glauben, läßt dich nicht,
bis er die Erlösung findet,
da ihm Zeit und Kraft gebricht.

Herrscher, herrsche, Sieger, siege!
König, brauch dein Regiment!
Führe deines Reiches Kriege,
mach der Sklaverei ein End!
Aus dem Kerker führ die Seelen
durch des neuen Bundes Blut,
laß uns länger nicht so quälen;
denn du meinsts mit uns ja gut.

Haben wir uns selbst gefangen
in der Lust und Eigenheit,
ach so laß uns nicht stets hangen
in dem Tod der Eitelkeit;
denn die Last treibt uns zu rufen,
alle flehen wir dich an:
zeig doch nur die ersten Stufen
der gebrochnen Freiheitsbahn.

Ach wie teur sind wir erworben,
nicht der Menschen Knecht zu sein!
Drum, so wahr du bist gestorben,
mußt du uns auch machen rein,
rein und frei und ganz vollkommen,
nach dem besten Bild gebildt;
der hat Gnad um Gnad genommen,
wer aus deiner Füll sich füllt.

Liebe, zeuch uns in dein Sterben;
laß mit dir gekreuzigt sein,
was dein Reich nicht kann ererben;
führ ins Paradies uns ein.
Doch wohlan, du wirst nicht säumen,
laß uns nur nicht lässig sein;
werden wir doch als wie träumen,
wenn die Freiheit bricht herein.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“