Aemilia Juliana, Gräfin zu Schwarzburg-Rudolstadt – Mein Vater, lehre mich

Mein Vater, lehre mich,
Stets meine Tage zählen,
So werd ich klug und fromm
Und scheue mich, zu fehlen!
Denn bringt nicht jeder Tag,
Bringt jede Stunde nicht
Mich näher, Gott, zu dir,
Mich näher zum Gericht?

Wie bald erschein ich da,
Von dem, was ich im Leben
Begehrte, sprach und tat,
Dir Rechenschaft zu geben!
Ach, darum will ich selbst
Mich prüfen und mit Fleiß
Mich richten über das,
Was doch mein Richter weiß.

Als ich erwachte, Gott, –
War denn am stillen Morgen
Ein frommer Dank zu dir
Die erste meiner Sorgen?
Du hattest mich bewahrt;
Erhob dich mein Gesang?
Und wenns die Lippe tat,
War auch das Herz voll Dank?

Entschloss ich mich mit Ernst,
Im Guten mich zu üben,
Dich, erstes, höchstes Gut,
Und was du liebst, zu lieben,
Dich über alles, Herr,
Den Nächsten so wie mich?
Lebt ich unsträflich, fromm?
War mild ich, brüderlich?

Hielt ich auch heute mich
Zu dir und deinen Kindern?
Floh ich die Welt? Mied ich
Den Umgang mit den Sündern?
Entweihte meinen Mund
Kein sündliches Geschwätz?
War meine Lust dein Wort?
Bewahrt‘ ich dein Gesetz?

Blieb ich im Glauben fest,
Und tat ich nie mit Wissen,
Was Sünder doch gar oft
So schwer bereuen müssen?
Sah ich nicht deinen Pfad
Für allzu mühsam an
Und wählte mir dafür
Des Leichtsinns breite Bahn?

Ich zittre, Herr, vor mir
Bei allen diesen Fragen!
Wie darf mein Aug‘ zu dir
Emporzusehen wagen?
Wollt ich mir schmeicheln, Herr,
Und dächt‘: ich tat genug,
Ach, wär es nicht für mich
Der schändlichste Betrug?

O lehre du mich tun
Nach deinem Wohlgefallen;
Lass mich nie wissentlich
In eine Sünde fallen!
Regier und leite mich,
Dass ich in Glück und Not
Dich nie verleugne, nie
Dein heiliges Gebot!

Im Schlafe sei mein Schutz,
Im Wachen meine Stärke;
Hinfort sei jeder Tag
Ein Tag voll guter Werke,
Ein Tag, der dir gefällt!
Wie selig bin ich dann
Wenn ich einst jedes Tags
Vor dir mich freuen kann!