Jochen Klepper – Erster März

Heute ist der milde Glanz erwacht.
Der Mond schien und ein klarer Stern.
Erfüllt von Ahnung schwieg die Nacht,
und nirgends war ein Hügel fern.

Der Baum – als wüsste er sein Blühn –
neigt sich zur Erde, atmet tief,
als wollte er sein Sommergrün
dort trinken, das im Acker schlief.

Wen gab es, der verlassen war?
Der Nacht vertraut sich jedes Ding.
Wie wenn die Sonne ihn gebar,
Schwebt morgens leicht ein Schmetterling.

Jochen Klepper – Kosakenjunge

Ich will kein Buch, ich will kein Spiel,
ich will nicht Schutz, ich will nicht Ziel,
nur Weite!

Ich brauche nur ein kleines Pferd,
und Freunde sind mir gar nichts wert,
ich reite!

Ich frage nicht, ob Zeit vergeht,
ich reite, wo der Wind hinweht,
ins Leere!

Ich bin nicht klug, ich bin nicht brav.
Das Reiten ist mir Kost und Schlaf
und Ehre!

Jochen Klepper – Altes Haus

Ich habe dich wie sonst getroffen
Nun hast du alles gut gefügt,
und wieder wird mein Herz so offen,
dass es sich nur mit dir begnügt.

Die anderen Städte, die ich kannte?
Vielleicht hat jede Glück gebracht.
Nur: Keine hatte das Verwandte,
und ihr Geschenk war kühl gedacht.

Und jedes Jahr, wie falsche Zeilen,
strich undankbar ich wieder aus,
als sei die Welt ein Kreis von Meilen,
nur um dies eine alte Haus.

Jochen Klepper – Der Eremit

Er ist den stillsten Weg gegangen,
der zu dem Grund des Lebens führt
und ohne Willen und Verlangen
nur noch den Sinn im Un-Sinn spürt.

Er fand das Ende aller Fragen
und ist von Stummheit ganz umhüllt,
er duldet weder Angst noch Klagen
und liebt, was ihm die Nähe füllt.

Sein Leben ist in sich geschlossen,
allein noch mit ihm selbst befasst.
In diesem Kreise, unverdrossen,
trägt er der anderen Menschen Last.

Jochen Klepper – Der Heilige

Man hat ihn mit lastenden Mänteln behängt,
mit bunten, befleckten und reinen.
Er trug sie geduldig, das Antlitz gesenkt,
und nahm sich von allen nicht einen.

Jetzt hat er den letzten beiseite gelegt:
den Ruhm – und nun ist er befreiter.
Er wartet, von nichts mehr berührt und bewegt,
wie Jakob an Fuß seiner Leiter.

Jochen Klepper – Der Prophet (2)

Kein Prophet sprach: „Mich Geweihten sende!“
Eingebrannt als Mal war es in allen:
Furchtbar ist dem Menschen, in die Hände
Gottes des Lebendigen zu fallen.

Kein Prophet sprach: „Mich Bereiten wähle!“
Jeder war von Gottes Zorn befehdet.
Gott stand dennoch jedem vor der Seele,
wie ein Mann mit seinem Freunde redet.

Kein Prophet sprach: „Gott, ich brenne!“
Jeder war von Gott verbrannt.
Kein Prophet sprach: „Ich erkenne!“
Jeder war von Gott erkannt.

Jochen Klepper – Der Prophet (1)

Weil sein Antlitz helle Angst entstellte,
er vergehe ganz vor Gottes Leben,
ward er Träger eines Angesichts,
das von nun an einer Menschheit gelte.

Weil sein Mund, wie jenseits der Gebärde
und an keinen Laut mehr hingegeben,
ohne Worte sagte: „Wir sind nichts“,
hieß er Stimme unserer armen Erde.