Arndt, Ernst Moritz – Morgengebet

Die Nacht ist nun vergangen,
Der Morgen steht so herrlich da,
Und alle Blumen prangen
Und alle Bäume fern und nah;
Auf Feldern und auf Wiesen,
In Wald und Berg und Thal
Wird Gottes Macht gepriesen
Von Stimmen ohne Zahl.

Die frommen Nachtigallen
Sie klingen hellen Freudenklang,
Die Lerchen höchst vor allen
Zum Himmel tragen sie Gesang,
Der Kukuk auf den Zweigen
Und auch der Zeisig klein
Sie wollen sich dankbar zeigen,
’s will keiner hinten seyn.

Und ich? Ich sollte schweigen?
Ich, Gottes reiches Ebenbild?
Durch das mit Liebesneigen
Der Feuerstrom der Gottheit quillt,
Dem er die Sternenlichter
Zur Brüderschar geweiht
Und Engelangesichter
Verklärt in Herrlichkeit?

Das Wild im grünen Walde,
Der Vogel auf dem grünen Baum,
Sie priesen also balde
Den Vater überm Sternenraum?
Es sumsete die Imme,
Das Würmchgen seine Lust,
Und ich hätt‘ keine Stimme
Des Lobes in der Brust?

Nein, Vater aller Güte,
Du meiner Seele Freudenlicht,
Wie gern will mein Gemüthe!
Doch meine Worte können nicht.
Wer mag dich würdig preisen,
Durch den die Welten sind,
Von dem die tiefsten Weisen
Kaum lallen wie ein Kind?

O Herr, la0 mich auch heute
In deiner Liebe wandeln treu,
Daß ich der Sünden Beute,
Der Eitelkeiten Spiel nicht sey;
Laß mich nach deinem Bilde
Den Weg der Tugend gehn:
So wird der Tag mir milde,
So kommt der Abend schön.