Rambach, Johann Jakob – Gott, anbetungswürd’ges Wesen

1. Gott, anbetungswürd’ges Wesen,
Verklärte Kraft und Majestät,
Die mehr, als wir geschrieben lesen,
Sich endlos über uns erhöht:
Komm, flöße meiner armen Seele
Ein ehrfurchtsvolles Schauern ein;
Lass, wenn ich deinen Ruhm erzähle,
Mich tief vor Dir gebeuget sein!

2. Selbstselig, weißt Du nichts vom Leide,
Der du von Ewigkeiten bist,
In dem ein Meer vollkomm’ner Freude,
Gleich einem tiefen Abgrund ist.
Du konnt’st in süßer Stille schweben,
Eh‘ dich der Engel Schar geehrt;
Es war dein allgenugsam Leben
Von keiner Einsamkeit gestört.

3. Die Schöpfung Himmels und der Erden
Erhöhte nicht dein Seligsein;
Du konntest nicht unselig werden
Durch unsres Falles Sündenpein.
Doch stellt dein Sohn zu schwerer Mühe
Sich für mich schnöden Sünder ein,
Dass Er mich wieder zu Dir ziehe,
Als könnt’st Du sonst nicht selig sein.

4. Du kannst allein gewaltig heißen;
Dein Wille hält den Erdenball;
Mit Einem Winke kannst Du reißen,
HErr, aus den Fugen dieses All.
Es ist kein Ziel in deiner Stärke,
Dein Wort trägt diese schwere Welt;
Es ist das kleinste deiner Werke,
Was Jeder für unmöglich hält.

5. Du bist’s, den Erd‘ und Himmel scheuet,
Der König aller Erden-Herrn,
Der ihnen Kron‘ und Zepter leihet,
Und sie regieret nah und fern.
Dich fürchten alle Majestäten,
Dich bete jede Herrschaft an!
Denn Du kannst Leib und Seele töten,
Was kein zerbrechlich Zepter kann.

6. Du bist’s, der uns vor’m Tod beschützet,
Du, der von grauer Ewigkeit
Allein Unsterblichkeit besitzet,
Und überlebt den Sturz der Zeit.
Was die erschaff’nen Geister haben,
Das tragen sie von Dir zu Leh’n;
Du kannst sie in ihr Nichts begraben,
Du selber bleibest ewig steh’n!.

Zur Königs-Wohnung muss Dir dienen,
O HErr, ein unzugänglich Licht;
Ein Glanz, der hohen Seraphinen
Zu klar in’s Flammenauge bricht;
Ein Blitz, der selbst die Engel blendet,
Wenn er auf ihre Stirnen fällt,
Dass sich ihr blödes Antlitz wendet
Und ehrfurchtsvoll verhüllet hält.

8. Wer hat dein Wesen angeschauet,
Den eine Mutter je gebar?
Wer hat zu sehen sich getrauet,
Dich. HErr, so lang‘ er irdisch war?
Du siehst zwar, wie am hellen Morgen,
Was Nacht und Abgrund in sich schleußt;
Uns aber bleibst Du still verborgen,
Du unsichtbarer, großer Geist!

9. Was wir zu unsrem Heile wissen
Von deinem ewigmilden Rat,
Hast Du uns offenbaren müssen
Zuvor durch höchste Liebestat.
Der Sohn, den deine Seele liebet,
Und den dein Vaterschoß umschließt,
Er ist’s, der uns die Botschaft gibet,
Die unsrem Glauben nötig ist.

10. Doch hier sind wir noch unvollkommen
Im Schimmer deines Wiederscheins;
Wird aber vor uns weggenommen
Dein heil‘ger Vorhang dermaleins:
Dann werden wir erst unsre Blöße
Mit vieler Scham und Demut seh’n,
Und, reinster Geist, vor deiner Größe
In Ewigkeit entzücket steh’n!

11. In Schwachheit sei indes besungen,
O starker Gott, dein großer Ruhm!
Nimm an von unsern blöden Zungen
Das Kindeslob im Heiligtum!
Wirst Du einst unsern Mund verklären,
So soll er deine Majestät
Mit einem bessern Loblied ehren,
Das ewig deinen Ruhm erhöht!