Gerhardt, Paul – O Jesu Christ, mein schönstes Licht

Gerhardt, Paul – O Jesu Christ, mein schönstes Licht

  1. O Jesu Christ, mein schönstes Licht,
    Der du in deiner Seelen
    So hoch mich liebst, daß ich es nicht
    Aussprechen kann noch zählen:
    Gib, daß mein Herz dich wiederum
    Mit Lieben und Verlangen
    Mög’ umfangen
    Und als dein Eigentum
    Nur einzig an dir hangen!
  2. Gib, daß sonst nichts in meiner Seel’
    Als deine Liebe wohne;
    Gib, daß ich deine Lieb’ erwähl’
    Als meinen Schatz und Krone!
    Stoß alles aus, nimm alles hin,
    Was dich und mich will trennen
    Und nicht gönnen,
    Daß all mein Mut und Sinn
    In deiner Liebe brennen!
  3. Wie freundlich, selig, süß und schön
    Ist, Jesu, deine Liebe!
    Wo diese steht, kann nichts bestehn,
    Das meinen Geist betrübe;
    Drum laß nicht andres denken mich,
    Nichts sehen, fühlen, hören,
    Lieben, ehren
    Als deine Lieb’ und dich,
    Der du sie kannst vermehren!
  4. O, daß ich dieses hohe Gut
    Möchte ewiglich besitzen!
    Gebet und christlichs Leben
    O, daß in mir dies‘ edle Glut
    Ohn Ende möchte hitzen!
    Ach, hilf mir wachen Tag und Nacht
    Und diesen Schatz bewahren
    Vor den Scharen,
    Die wider uns mit Macht
    Aus Satans Reiche fahren.
  5. Mein Heiland, du bist mir zulieb
    In Not und Tod gegangen
    Und hast am Kreuz als wie ein Dieb
    Und Mörder da gehangen,
    Verhöhnt, verspeit und sehr verwundt;
    Ach laß mich deine Wunden
    Alle Stunden
    Mit Lieb im Herzensgrund
    Auch ritzen und verwunden.
  6. Dein Blut, daß dir vergossen ward,
    ist köstlich, gut und reine,
    Mein Herz hingegen böser Art
    Und hart gleich einem Steine.
    O laß doch deines Blutes Kraft
    Mein hartes Herze zwingen,
    Wohl durchdringen
    Und diesen Lebenssaft
    Mir deine Liebe bringen!
  7. O daß mein Herze offen stünd
    Und fleißig möchte auffangen
    Die Tröpflein Bluts, die meine Sünd
    Im Garten dir abdrangen!
    Ach daß sich meiner Augen Brunn
    Auftät und mit Stöhnen
    Heiße Tränen
    Vergösse, wie die tun,
    Die sich in Liebe sehnen.
  8. O daß ich wie ein kleines Kind
    Mit Weinen dir nachginge
    So lange, bis dein Herz, entzünd’t,
    Mit Armen mich umfinge
    Und deine Seel’ in mein Gemüt
    In voller, süßer Liebe
    Sich erhübe
    Und also deiner Güt’
    Ich stets vereinigt bliebe!
  9. Ach zeuch, mein Liebster, mich nach dir,
    So lauf’ ich mit den Füssen,
    Ich lauf’ und will dich mit Begier
    In meinem Herzen küssen!
    Ich will aus deines Mundes Zier
    Den süßen Trost empfinden,
    Der die Sünden
    Und alles Unglück hier
    Kann leichtlich überwinden.
  10. Mein Trost, mein Schatz, mein Licht und Heil,
    Mein höchstes Gut und Leben,
    Ach nimm mich auf zu deinem Teil,
    Dir hab ich mich ergeben.
    Denn außer dir ist lauter Pein,
    Ich find hier überalle
    Nichts denn Galle;
    Nichts kann mir tröstlich sein,
    Nichts ist, das mir gefalle.
  11. Du aber bist die rechte Ruh,
    In dir ist Fried und Freude,
    Gib, Jesu, gib, daß immerzu,
    Mein Herz in dir sich weide!
    Sei meine Flamm und brenn in mir,
    Mein Balsam, wollest eilen,
    Lindern, heilen
    Den Schmerzen, der allhier
    Mich seufzen macht und heulen.
  12. Was ists, o Schönster, das ich nicht
    In deiner Liebe habe?
    Sie ist mein Stern, mein Sonnenlicht,
    Mein Quell, da ich mich labe,
    Mein süßer Wein, mein Himmelsbrot,
    Mein Kleid vor Gottes Throne
    Meine Krone,
    Mein Schutz in aller Not,
    Mein Haus, darin ich wohne.
  13. Ach, liebstes Lieb, wann du entweichst,
    Was hilft mir sein geboren?
    Wann du mir deine Lieb entzeuchst,
    Ist all mein Gut verloren.
    So gib, daß ich dich, meinen Gast,
    Wohl such und bester Maßen
    Möge fassen
    Und, wenn ich dich gefaßt,
    In Ewigkeit nicht lassen!
  14. Du hast mich je und je geliebt
    Und auch nach dir gezogen;
    Eh ich noch etwas Guts geübt,
    Warst du mir schon gewogen.
    Ach, laß doch ferner, edler Hort,
    Mich diese Liebe leiten
    Und begleiten,
    Daß sie mir immerfort
    Beisteh auf allen Seiten!
  15. Laß meinen Stand, darin ich steh’.
    Herr, deine Liebe zieren
    Und, wo ich etwa irregeh’,
    Alsbald zurechteführen;
    Laß sie mich allzeit guten Rat
    Und weise Werke lehren,
    Steuern, wehren
    Der Sünd’ und nach der Tat
    Bald wieder mich bekehren!
  16. Laß sie sein meine Freud’ in Leid,
    In Schwachheit mein Vermögen,
    Und wenn ich nach vollbrachter Zeit
    Mich soll zur Ruhe legen,
    Alsdann laß deine Liebestreu’,
    Herr Jesu, bei mir stehen,
    Luft zuwehen,
    Daß ich getrost und frei
    Mög’ in dein Reich eingehen!

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