Tersteegen, Gerhard – Nun, wie steht es, meine Seele

Tersteegen, Gerhard – Nun, wie steht es, meine Seele

So jemand den HErrn JESUM CHristum nicht lieb hat, der sey Anathema Maran atha.
1. Cor. 16,22.

Mel. O du Liebe meiner Liebe! rc.

1. NUn, wie steht es, meine Seele!
Geht es übel oder gut?
Hast du was vom Glaubens-Oele?
Fühlest du der Liebe Glut?
Sollte man wohl JEsum kennen,
Und sein Glied und Jünger seyn,
Und nicht auch in Liebe brennen?
Nein, o Seele! warlich Nein.

2. Wer, was uns die Bibel lehret,
Nicht für eine Fabel acht:
Wer von Christi Leiden höret,
Und sein Mittler-Amt betracht,
Der bleibt nimmer unempfindlich:
(Hitz und Schein gehört zum Licht)
Seine Liebe wachset stündlich.
Wer nicht liebt, der glaubt auch nicht.

3. Welch Geheimnis! GOttes Sohne
Wird ein schwaches Menschen-Kind.
Er saß auf dem Königs-Throne,
Und Er wird, wie Knechte sind.
Mein warum? Daß Er uns Böse,
Seine Feinde, von dem Feind
Und vom Höllen-Pfuhl erlöse.
Welch ein theurer Menschen-Freund!

4. Er, der überselig ware,
Wird gebohren. Wo? Im Stall.
Er trägt über dreyßig Jahre
Creutz und Leiden ohne Zahl.
Armuth, Arbeit, Menschen-Plage,
Satans-Pfeile, Undank, Schmach,
Kampf und Sorgen-volle Tage
Gieng Ihm als ein Schatte nach.

5. Sieh Ihn dort zu Tische sitzen
Als das rechte Osterlamm!
Sieh Ihn in dem Gartenschwitzen!
O welch ein Blut-Bräutigam!
Der für uns sein Blut verdämpfet,
Und den Zorn-Kelch GOttes trinkt,
Zittert, zaget, schreyt und kämpfet,
Und gleich als zur Höllen sinkt!

6. Sieh, wie Ihn die Häscher fassen,
Als Ihn der Verräther küßt,
Wie die Jünger Ihn verlassen,
Wie Er nun gebunden ist,
Wie man Ihn verhört und fraget
Für dem falschen Juden-Rath,
Anklagt, hönt, verspeyt und schlaget!
Was war seine Missethat?

7. Sieh Ihn zu Pilatus schleppen!
O wie ruft die tolle Rott
An der Gaß und auf der Treppen:
Creutz’ge, Creutze! welch ein Spott!
Sieh: Man geisselt Ihn mit Riemen.
Jetzt wird Er hervorgebracht,
Braun und blau von Blut und Striemen.
Ecce Homo! Mensch, hab acht!

8. Sieh, wie rasen jene Heyden.
Alles spricht dem Heiland Hohn.
Da sie Ihn mit Purpur kleiden,
Sticht Ihn eine Dörner-Cron.
Da sie Ihne kniend grüssen,
Schläget Ihn das Zepter-Rohr.
O wie muß die Unschuld büssen,
Als ein Unmensch, als ein Thor!

9. Sieh, nun wird Er ausgeführet
Unter seiner Creutzes-Last.
Da der Pöbel jubiliret,
Seufzet und zergeht Er fast.
Sieh jetzt nimmt man Ihm das Kleide
Auf dem bangen Golgatha.
O betrübte Augen-Waide!
Nackend steht der Heiland da.

10. Sieh, wie man Ihn will ermorden,
Und durch Händ und Füsse sticht!
Mitten unterm Schächer-Orden
Wird sein Galgen aufgericht.
Nun da hängt Er voller Wunden,
Als ein Lamm, das nichts verschuldt,
Angebellt von frechen Hunden,
Doch voll Langmuth und Geduld.

11. Sieh, wie klopft die Brust für Schmerzen.
Ach! Er blutet sich zu todt.
Aller Trost weicht aus dem Herzen,
Es kommt neue Seelen-Noth,
Sieh, wie Er sich krümmt und windet!
Eli, Eli! ruft sein Mund,
Und der Sonne Schein verschwindet.
O wann kommt die neunte Stund?

12. Sieh, jetzt muß das Leben sterben,
Und Er spricht: Es ist vollbracht!
Er ist todt, und wir sind Erben.
Nun ist alles wohl gemacht.
Aber wie? Läßt man Ihn hangen?
Wir Er gar zum Raaben-Aas?
Nein. Es ist die Nacht vergangen
Und des Leidens Stunden-Glas.

13. Zwar man spießt Ihm in die Seite;
Doch drauf löset man Ihn ab.
Reiche Raths- und Ehren-Leute
Tragen Ihne selbst zu Grab.
Und hier bleibt Er unverriegelt.
Er erwacht am dritten Tag.
Da wird Erd und Gruft entsiegelt.
Satan, welch ein Donnerschlag?

14. Sieh Ihn hin und her erscheinen.
Jetzt ist Tod und Höll besiegt.
Sieh, Er wandelt mit den Seinen.
O wie sind sie so vergnügt!
Sieh Ihn auch gen Himmel fahren.
Jetzt regiert Er hier und dort,
Als ein Fürst der Engel-Schaaren.
Glaub und folge seinem Wort!

15. Seele! Soll es kraftlos bleiben?
Kann dich Christi Creutzes-Lehr
Nicht zur Liebes-Einbrunst treiben:
O so liebst du nimmermehr.
Seele! willst du nicht verschmachten,
O so werd in Liebe heiß.
Laß nicht ab, Ihn zu betrachten..
Er zerschmelzet alles Eiß.

16. Denk, Er ist uns nachgegangen,
Da wir Seiner nicht begeht.
Er hat gern das Creutz umfangen,
Und sich nimmermehr beschwert.
O wer will uns einst erretten,
Wann wir ein so theures Blut
Mit Verachtungs-Füssen tretten?
O wer hemmt des Satans Wuth!

17. Hat St. Paulus nicht geschrieben:
(Welch ein Bann und Schrecken-Spruch)
Wer den Heiland nicht will lieben,
Sey Anathema, ein Fluch.
O dabey wirds freylich bleiben!
Seele, Seele! Lasse dich
Von dem Geist der Liebe treiben!
Seele, liebe brünstiglich!

18. Liebe-Licht, der Gottheit Wesen,
Ist der Christen Element.
Liebe muß sich auserlesen,
Wer den Namen Christi nennt.
Laßt uns Augustinum hören,
Er war auch mit Lieb erfüllt.
Liebe, spricht er, GOtt den HErren,
Und denn thue was du willt.

19. HERR, diß Feuer anzuzünden,
Ist dein Werk und deine Kunst.
Ach, die Höllen-Glut der Sünden
Hindert noch die Himmels-Brunst.
HERR, Du willst uns nicht verdammen,
Du bist unsern Seelen hold;
Taufe denn mit Liebes-Flammen,
Schenke mir des Glaubens Gold.

20. Geist des Glaubens und der Liebe!
Ach! ergiesse Dich in mich!
Deine Zucht und Friedens-Triebe
Fördern uns gar seliglich.
O du reine GOttes-Daube!
Fliege doch mit Macht herbey,
Daß ich glaub, und daß mein Glaube
Durch die Liebe thätig sey.

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