Gerhardt, Paul – Wie ist es möglich, höchstes Licht

Gerhardt, Paul – Wie ist es möglich, höchstes Licht

  1. Wie ist es möglich, höchstes Licht,
    Daß, weil vor deinem Angesicht
    Doch alles muß erblassen,
    Ich und armes Fleisch und Blut
    Dir zu entgegen einen Mut
    Und Herze sollten lassen!
  2. Was bin ich mehr als Erd und Staub?
    Was ist mein Leib als Gras und Laub?
    Was taugt mein ganzes Leben?
    Was kann ich, wenn ich alles kann?
    Was hab und trag ich um und an,
    Als was du mir gegeben?
  3. Ich bin ein arme Mad und Wurm,
    Ein Strohhalm, den ein kleiner Sturm
    Gar leichtlich hin kann treiben,
    Wenn deine Hand, die alles trägt,
    Mich nur ein wenig trifft und schlägt,
    So weiß ich nicht zu bleiben.
  4. Herr, ich bin nichts! Du aber bist
    Der Mann, der alles hat und ist,
    In dir steht all mein Weisen:
    Wo du mit dein er Hand mich schreckt,
    Und nicht mit Huld und Gnaden deckst,
    So mag ich nicht genesen.
  5. Du bist getreu, ich ungerecht,
    Du fromm, ich gar ein böser Knecht
    Und muß mich wahrlich schämen,
    Daß ich bei solchem schnöden Stand
    Aus deiner milden Vaterhand
    Ein einziges Gut sollt nehmen.
  6. Ich habe dir von Jugend an
    Nichts andres als Verdruß getan,
    Bin Sünden voll geboren;
    Und wo du nicht durch deine Treu
    Mich wieder machest los und frei,
    So wär ich gar verloren.
  7. Drum sei das Rühmen fern von mir,
    Was dir gebührt, das geb ich dir,
    Du bist allein zu ehren.
    Ach laß, Herr Jesu, meinen Geist
    Und was aus meinem Geiste fleußt,
    Zu dir sich allzeit kehren!
  8. Auch wenn ich gleich was wohl gemacht,
    So hab ichs doch nicht selbst verbracht,
    Aus dir ist es entsprungen;
    Dir sei auch dafür Ehr und Dank,
    Mein Heiland, all mein Leben lang
    Und Lob und Preis gesungen.
Gerhardt, Paul – O Tod, o Tod, du greulichs Bild

Gerhardt, Paul – O Tod, o Tod, du greulichs Bild

  1. O Tod, o Tod, du greulichs Bild
    Und Feind voll Zorns und Blitzen,
    Wie machst du dich so groß und wild
    Mit deiner Pfeile Spitzen?
    Hier ist ein Herz, das nicht acht
    Und spottet deiner schnöden Macht
    Und der zerbrochnen Pfeife.
  2. Komm nur mit deinem Bogen bald
    Und ziele mir zum Herzen;
    In deiner seltsamen Gestalt
    Versuchs mit Pein und Schmerzen:
    Was wirst du damit richten aus?
    Ich werde dir doch aus dem Haus
    Einmal gewiß entlaufen.
  3. Ich weiß, daß dir zerschlagen ist
    Dein Schloß und seine Riegel
    Durch meinen Heiland Jesum Christ;
    Der brach des Grabes Siegel
    Und führte dich zum Siegesschau,
    Auf daß uns nicht mehr von dir grau;
    Ein Spott ist aus dir worden.
  4. Besiehe deinen Palast wohl
    Und deines Reiches Wesen,
    Obs noch anitzo sei so voll
    Als es zuvor gewesen:
    Ist Moses nicht aus deiner Hand
    Entwischt und im gelobten Land
    Auf Tabor schön erschienen?
  5. Wo ist der alten Heilgen Zahl,
    Die auch daselbst begraben?
    Sie sind erhöht in Himmelssaal,
    Da sie sich ewig laben.
    Des starken Jesus Heldenhand
    Hat dir zersprengt all deine Band,
    Als er dein Kämpfer wurde.
  6. Was solls denn nun, o Jesu, sein,
    Daß mich der Tod so schrecket?
    Hat doch Elisa Totenbein,
    Was tot war, auferwecket:
    Viel mehr wirst du, den Trost hab ich,
    Zum Leben kräftig rüsten mich,
    Drum schlaf ich ein mit Freuden.
Gerhardt, Paul – Gott Vater, sende deinen Geist

Gerhardt, Paul – Gott Vater, sende deinen Geist

  1. Gott Vater, sende deinen Geist,
    den uns dein Sohn erbitten heißt,
    aus deines Himmels Höhen.
    Wir bitten, wie er uns gelehrt:
    Laß uns doch ja nicht unerhört
    von deinem Throne gehen!
  2. Kein Menschenkind hier auf Erd
    ist dieser edlen Gabe wert,
    bei uns ist kein Verdienen.
    Hier gilt gar nichts als Lieb und Gnad,
    die Christus uns verdienet hat
    mit Büßen und Versühnen.
  3. Es jammert deinen Vatersinn
    der große Jammer, da wie hin
    durch Adams Fall gefallen.
    Durch dieses Fallen ist die Macht
    des bösen Geistes leider bracht
    auf ihn und auf uns allen.
  4. Wir halten, HErr, an unserm Heil
    und sind gewiß, daß wir dein Teil
    in Christo werden bleiben,
    Die wir durch seinen Tod und Blut
    des Himmels Erb und höchstes Gut
    zu haben treulich Gaben.
  5. Und das ist auch ein Gnadenwerk
    und deines heil‘gen Geistes Stärk,
    in uns ist kein Vermögen.
    Wie bald würd unser Glaub und Treu,
    HErr, wo du uns nicht stündest bei,
    sich in die Aschen legen.
  6. Dein Geist hält unsres Glaubens Licht,
    wenn alle Welt dawider Sicht
    mit Sturm und vielen Waffen,
    Und wenn auch gleich der Fürst der Welt
    selbst wider uns sich legt ins Feld,
    so kann er doch nichts schaffen.
  7. Wo Gottes Geist ist, da ist Sieg,
    wo dieser hilft, da wird der Krieg
    gewißlich wohl ablaufen.
    Was ist doch Satans Reich und Stand?
    Wann Gottes Geist erhebt die Hand,
    fällt alles übern Haufen.
  8. Er reißt der Höllen Band entzwei,
    er tröst‘t und macht das Herze frei,
    von allem, was uns kränket;
    Wenn uns des Unglückswetter schreckt,
    so ist ers, der uns schützt und deckt
    viel besser, als man denket.
  9. Er macht das bittre Kreuze süß,
    ist unser Licht in Finsternis,
    führt uns als seine Schafe,
    Hält über uns sein Schild und Wacht,
    daß seine Herd in tiefer Nacht
    mit Ruh und Frieden schlafe.
  10. Der Geist, den GOtt vom Himmel gibt,
    der leitet alles, was ihn liebt,
    auf wohlgebahnten Wegen,
    Er setzt und richtet unsern Fuß,
    daß er nicht anders treten muß,
    als wo man findt den Segen.
  11. Er macht geschickt und rüstet aus
    die Diener, die des HErren Haus
    in diesem Leben bauen;
    Er ziert ihr Herz, Mund und Verstand,
    laßt Ihnen, was uns unbekannt,
    zu unserm Besten schauen.
  12. Er öffnet unsers Herzens Tor,
    wenn sie sein Wort in unser Ohr
    als edlen Samen streuen,
    Er gibet Kraft demselben Wort,
    und wenn es fället, bringt ers fort
    und lässets wohl gedeihen.
  13. Er lehret uns die Furcht des HErrn,
    liebt Reinigkeit und wohnet gern
    in frommen, keuschen Seelen.
    Was niedrig ist, was Tugend ehrt,
    was Buße tut und sich bekehrt,
    das pflegt er zu erwählen.
  14. Er ist und bleibt stets getreu,
    er steht uns auch im Tode bei,
    wenn alle Ding abstehen;
    Er lindert unsre letzte Qual,
    laßt uns hindurch in Himmels Saal
    getrost und fröhlich gehen.
  15. O selig, wer in dieser Welt läßt
    diesem Gaste Haus und Zelt
    in seiner Seel aufschlagen!
    Wer aufnimmt in dieser Zeit,
    den wird er dort zur ewgen Freud
    in Gottes Hütte tragen.
  16. Nun, HErr und Vater aller Güt,
    Hör unsern Wunsch: Geuß ins Gemüt
    uns allen deine Gabe!
    Gib deinen Geist, der uns allhier
    regiere und dort für
    im ewgen Leben lobe!
Gerhardt, Paul – Jesu, allerliebster Bruder

Gerhardt, Paul – Jesu, allerliebster Bruder

  1. Jesu, allerliebster Bruder,
    ders am besten mit mir meint,
    Du mein Anker, Mast und Ruder
    und mein treuster Herzensfreund;
    Der du, ehe was geboren,
    dir das Menschenvolk erkoren,
    Auch mich armen Erdengast
    dir zur Lieb ersehen hast:
  2. Du bist ohne Falsch und Tücke,
    dein Herz weiß von kleiner List,
    Aber wenn ich nur erblicke
    was hier auf der Erde ist,
    find ich alles voller Lügen:
    Wer am besten kann betrügen,
    Wer am schönsten heucheln kann,
    ist der allerbeste Mann.
  3. Ach, wie untreu und verlogen
    ist die Liebe dieser Welt;
    Ist sie jemand wohl gewogen,
    Währts nicht länger als sein Geld.
    Wenn das Glück uns fügt und grünet,
    sind wir schön und hübsch bedienet,
    kommt ein wenig Ungestüm,
    kehrt sich alle Freundschaft üm.
  4. Treib, Herr, von mir und verhüte
    solchen unbeständgen Sinn;
    hätt ich aber mein Gemüte,
    weil ich auch ein Mensche bin,
    Schon mit diesem Kot besprenget
    und der Falschheit nachgehänget,
    so erkenn ich meine Schuld,
    Bitt um Gnad und um Geduld.
  5. Laß mir ja nicht widerfahren,
    was du Herr zur Straf und Last
    denen, die mit falschen Waren
    Handeln, angedräuet hast,
    Da du sprichst, du wollest scheuen
    und als Unflat von dir speien
    aller Heuchler falschen Mut,
    der Guts fürgibt und nicht tut.
  6. Gib mir ein beständges Herze
    gegen alle meine Freund;
    Auch dann, wann mit Kreuz und Schmerze
    Sie von dir beleget seind,
    Daß ich mich nicht ihrer schäme,
    sondern mich nach dir bequeme,
    Der du, da wir arm und bloß,
    uns gesetzt in deinen Schoß.
  7. Gib mir auch nach deinem Willen
    einen Freund, in dessen Treu
    Ich mein Herze möge stillen,
    da mein Mund sich ohne Scheu
    Öffnen und erklären möge,
    Da ich alles abelege
    nach dem Maße, das mir gnügt,
    was mir auf dem Herzen liegt.
  8. Laß mich Davids Glück erleben:
    Gib mir einen Jonathan,
    der mir sein Herz möge geben,
    Der auch, wenn nun jedermann
    mir nichts Gutes mehr will gönnen,
    sich nicht lasse von mir trennen,
    Sondern fest in Wohl und Weh
    als ein Felsen bei mir steh.
  9. Herr, ich bitte dich, erwähle
    mir aus aller Menschenmeng
    eine fromme heilige Seele,
    Die an dir seine Kleb und Häng,
    Auch nach deinem Sinn und Geiste
    mir stets Trost und Hilfe leiste:
    Trost, der in der Not besteht,
    Hilfe, die von Herzen geht.
  10. Wenn die Zung und Mund nur liebet,
    ist die Liebe schlecht bestellt.
    Wer mir gute Worte gibet
    und den Haß im Herzen hält,
    Wer nur seinen Kuchen schmieret
    und, wanns Bienlein nicht mehr führet,
    Als dann geht er nach der Tür –
    Ei, der bleibe fern von mir.
  11. Hab ich Schwachheit und Gebrechen,
    Herr, so lenke meinen Freund,
    mich in Güte zu besprechen
    und nicht als ein Löw und Feind.
    Wer mich freundlich weiß zu schlagen,
    ist als der in Freudentagen
    reichlich auf mein Haupt mir geußt
    Balsam, der am Jordan fleußt
  12. O, wie groß ist meine Habe,
    O, wie köstlich ist mein Gut,
    Jesu, wenn mit dieser Gabe
    Dein Hand meinen Willen tut,
    Daß mich meines Freundes Treue
    und beständigs Herz erfreue!
    wer dich fürchtet, liebt und ehrt,
    dem ist solch ein Schatz beschert.
  13. Gute Freunde sind wie Stäbe,
    Da der Menschengang sich hält,
    Daß der schwache Fuß sich hebe,
    Wann der Leib zu Boden fällt.
    Wehe dem, der nicht zum Frommen
    solches Stabes weiß zu kommen!
    Der hat einen schweren Lauf,
    Wann er fällt, wer hilft ihm auf?
  14. Nun, Herr, laß dirs wohl gefallen,
    bleib mein Freund bis in mein Grab!
    Bleib mein Freund und unter allen
    mein getreuster, stärkster Stab!
    Wenn du dich mir wirst verbinden,
    wird sich schon ein Herze finden,
    das, durch deinen Geist gerührt,
    mir was Gutes gönnen wird.
Gerhardt, Paul – Nun geht frisch drauf, es geht nach Haus

Gerhardt, Paul – Nun geht frisch drauf, es geht nach Haus

  1. Nun geht frisch drauf, es geht nach Haus,
    Ihr Röslein, regt die Bein;
    Ich will dem, der uns ein und aus
    Begleitet, dankbar sein.
  2. Ich will ihm singen Lob und Preis,
    So viel ich singen kann,
    Ich will sein Werk, so gut ichs weiß,
    Mit Freuden zeigen an.
  3. Es ist fürwahr nicht Menschenkunst,
    Auf sichern Wegen gehn,
    Führt uns nicht Gott und Gottes Gunst,
    Würds oftmals seltsam stehn.
  4. Wie manches Leid, wie manche Not,
    Wie manches Jammerheer
    Brächt uns in Angst, tät uns den Tod,
    Wo Gott nicht bei uns wär.
  5. Wie mancher Feind, wie mancher Dieb,
    Wo ihn nicht Gott gerührt,
    Hätt uns das Unsre, das uns lieb,
    Genommen und entführt.
  6. Wie mancher böser schwarzer Geist
    Hätt unser Leib und Seel,
    Wo uns der Herr nicht Gnad erweist,
    Erschreckt aus seiner Höhl.
  7. Es ist der alte große Drach
    Doch allzeit ohne Ruh,
    Wohin wir gehn, da geht er nach
    Und setzt uns heftig zu.
  8. Er sucht zu Haus, er sucht zu Feld,
    Er sucht zur See und Land,
    Er sucht uns in der ganzen Welt
    Mit unverdroßner Hand.
  9. Noch dennoch trifft er uns nicht an,
    Sein Anschlag geht zurück,
    Denn Gottes Schutz hegt unsre Bahn
    Für unsres Feindes Tück.
  10. Es zeucht der heilgen Engel Schar,
    Mit Waffen ausgerüst,
    Und wehren fleißig hier und dar
    Des Tausendkünstlers List.
  11. Es müssen ja noch immerfort
    Die Mahanaim gehn
    Und Gottes Volk auf Gottes Wort
    Zu Dienst und Willen stehn.
  12. Wenn Gott mir meiner Augen Licht
    Mit Licht erfüllen wollt,
    Als wie dem Jacob, der sich nicht
    Für Esau fürchten sollt:
  13. Ach, was für Wunder würd ich hier
    Auf meinen Reisen sehn,
    Wie schön, wie lieblich würde mir
    In falschem Sehn geschehn.
  14. Nun, was den Augen nicht vergunnt,
    Das sieht mein Herz und Geist,
    Dem Gott der heilgen Weisheit Grund
    In seinem Geiste weist.
  15. Es ist sein Wort, er hats gesagt:
    Sein Heervolk sei bereit,
    Uns zu umlagern, wenn uns plagt
    Des Satans Neid und Streit.
  16. Was Gott geredt, das ist vollbracht,
    Mein Herz, sei wohlgemut
    Und laß ja nimmer aus der Acht,
    Was dein Gott an dir tut.
  17. Du sieht und greifst, wie gut er sei
    Dem, der ihn ehrt und liebt,
    Er ziert mit Lieb, er ziert mit Treu
    Ein Herz, das ihm sich gibt.
  18. Er trägt uns, wie (wenn einher schlägt
    Blitz, Hagel, Sturm, und Wind)
    Ein treuer frommer Vater trägt
    Sein kleines zartes Kind.
  19. Er deckt uns zu mit seiner Hand,
    Wie eine Mutter tut,
    In deren Schoß das süße Pfand
    Der keuschen Liebe ruht.
  20. Er räumt aus unsern Wegen weg
    Des Unglücks scharfen Stein
    Und schafft, daß unsre Bahn und Steg
    Fein schlicht und eben sein.
  21. Er führt uns über Berg und Tal,
    Und wenns nun rechte Zeit,
    So führt er uns in seinen Saal
    Zur ewgen Himmelsfreud.
  22. Alsdann werd ich die letzte Reis
    Und schönste Heimfahrt tun
    Und nach dem sauren Erdenschweiß
    In süßer Stille ruhn.
Gerhardt, Paul – Weltskribenten und Poeten

Gerhardt, Paul – Weltskribenten und Poeten

  1. Weltskribenten und Poeten
    Haben ihren Glanz und Schein,
    Mögen auch zu lesen sein,
    Wenn wir leben außer Nöten;
    In dein Unglück, Kreuz und Übel
    Ist nichts Bessers als die Bibel,
  2. Cato deuchte sich zu stellen
    In der Angst mit Plato Buch,
    Aber Gottes Zorn und Fluch
    Drückt ihn gleichwohl bis zur Höllen;
    Sein verirrter blinder Sinn
    Ging und wußte nicht wohin.
  3. Was Homerus hat gesungen
    Und des Maro hoher Geist,
    Wird gerühmet und gepreist
    Und hat alle Welt durchdrungen;
    Aber wenn der Tod uns trifft,
    Was hilft da Homerus´ Schrift?
  4. Gottes Wort, das ists vor allen,
    So uns, wenn das Herz erschrickt,
    wie ein kühler Tau erquickt,
    Daß wir nicht zu Boden fallen.
    wenn die ganze Welt verzagt,
    steht und siegt, was Gott gesagt.
  5. Wenn die Scharen aller Teufel
    Sich empören und bemühn,
    Dich von Christo abzuziehn
    Und zu stürzen in den Zweifel,
    Und du spricht nur: So spricht Gott!
    Werden sie zu Schand und Spott.
  6. Darum liebt, ihr lieben Herzen,
    Gottes Schriften, die gewiß
    In der Herzensfinsternis
    Besser sind als alle Kerzen;
    Hier sind Strahlen, hier ist Licht,
    Das durch alles Herzleid bricht.
  7. Unser Schirmer wirds euch lehren,
    Wenn ihr, was sein heilger Fleiß
    Ihm zum Trost und Gott zum Preis
    Hier gesetzet, werdet, hören.
    Lobt das Werk und liebt den Mann,
    Der das gute Werk getan.
Gerhardt, Paul – O Jesu Christ, mein schönstes Licht

Gerhardt, Paul – O Jesu Christ, mein schönstes Licht

  1. O Jesu Christ, mein schönstes Licht,
    Der du in deiner Seelen
    So hoch mich liebst, daß ich es nicht
    Aussprechen kann noch zählen:
    Gib, daß mein Herz dich wiederum
    Mit Lieben und Verlangen
    Mög’ umfangen
    Und als dein Eigentum
    Nur einzig an dir hangen!
  2. Gib, daß sonst nichts in meiner Seel’
    Als deine Liebe wohne;
    Gib, daß ich deine Lieb’ erwähl’
    Als meinen Schatz und Krone!
    Stoß alles aus, nimm alles hin,
    Was dich und mich will trennen
    Und nicht gönnen,
    Daß all mein Mut und Sinn
    In deiner Liebe brennen!
  3. Wie freundlich, selig, süß und schön
    Ist, Jesu, deine Liebe!
    Wo diese steht, kann nichts bestehn,
    Das meinen Geist betrübe;
    Drum laß nicht andres denken mich,
    Nichts sehen, fühlen, hören,
    Lieben, ehren
    Als deine Lieb’ und dich,
    Der du sie kannst vermehren!
  4. O, daß ich dieses hohe Gut
    Möchte ewiglich besitzen!
    Gebet und christlichs Leben
    O, daß in mir dies‘ edle Glut
    Ohn Ende möchte hitzen!
    Ach, hilf mir wachen Tag und Nacht
    Und diesen Schatz bewahren
    Vor den Scharen,
    Die wider uns mit Macht
    Aus Satans Reiche fahren.
  5. Mein Heiland, du bist mir zulieb
    In Not und Tod gegangen
    Und hast am Kreuz als wie ein Dieb
    Und Mörder da gehangen,
    Verhöhnt, verspeit und sehr verwundt;
    Ach laß mich deine Wunden
    Alle Stunden
    Mit Lieb im Herzensgrund
    Auch ritzen und verwunden.
  6. Dein Blut, daß dir vergossen ward,
    ist köstlich, gut und reine,
    Mein Herz hingegen böser Art
    Und hart gleich einem Steine.
    O laß doch deines Blutes Kraft
    Mein hartes Herze zwingen,
    Wohl durchdringen
    Und diesen Lebenssaft
    Mir deine Liebe bringen!
  7. O daß mein Herze offen stünd
    Und fleißig möchte auffangen
    Die Tröpflein Bluts, die meine Sünd
    Im Garten dir abdrangen!
    Ach daß sich meiner Augen Brunn
    Auftät und mit Stöhnen
    Heiße Tränen
    Vergösse, wie die tun,
    Die sich in Liebe sehnen.
  8. O daß ich wie ein kleines Kind
    Mit Weinen dir nachginge
    So lange, bis dein Herz, entzünd’t,
    Mit Armen mich umfinge
    Und deine Seel’ in mein Gemüt
    In voller, süßer Liebe
    Sich erhübe
    Und also deiner Güt’
    Ich stets vereinigt bliebe!
  9. Ach zeuch, mein Liebster, mich nach dir,
    So lauf’ ich mit den Füssen,
    Ich lauf’ und will dich mit Begier
    In meinem Herzen küssen!
    Ich will aus deines Mundes Zier
    Den süßen Trost empfinden,
    Der die Sünden
    Und alles Unglück hier
    Kann leichtlich überwinden.
  10. Mein Trost, mein Schatz, mein Licht und Heil,
    Mein höchstes Gut und Leben,
    Ach nimm mich auf zu deinem Teil,
    Dir hab ich mich ergeben.
    Denn außer dir ist lauter Pein,
    Ich find hier überalle
    Nichts denn Galle;
    Nichts kann mir tröstlich sein,
    Nichts ist, das mir gefalle.
  11. Du aber bist die rechte Ruh,
    In dir ist Fried und Freude,
    Gib, Jesu, gib, daß immerzu,
    Mein Herz in dir sich weide!
    Sei meine Flamm und brenn in mir,
    Mein Balsam, wollest eilen,
    Lindern, heilen
    Den Schmerzen, der allhier
    Mich seufzen macht und heulen.
  12. Was ists, o Schönster, das ich nicht
    In deiner Liebe habe?
    Sie ist mein Stern, mein Sonnenlicht,
    Mein Quell, da ich mich labe,
    Mein süßer Wein, mein Himmelsbrot,
    Mein Kleid vor Gottes Throne
    Meine Krone,
    Mein Schutz in aller Not,
    Mein Haus, darin ich wohne.
  13. Ach, liebstes Lieb, wann du entweichst,
    Was hilft mir sein geboren?
    Wann du mir deine Lieb entzeuchst,
    Ist all mein Gut verloren.
    So gib, daß ich dich, meinen Gast,
    Wohl such und bester Maßen
    Möge fassen
    Und, wenn ich dich gefaßt,
    In Ewigkeit nicht lassen!
  14. Du hast mich je und je geliebt
    Und auch nach dir gezogen;
    Eh ich noch etwas Guts geübt,
    Warst du mir schon gewogen.
    Ach, laß doch ferner, edler Hort,
    Mich diese Liebe leiten
    Und begleiten,
    Daß sie mir immerfort
    Beisteh auf allen Seiten!
  15. Laß meinen Stand, darin ich steh’.
    Herr, deine Liebe zieren
    Und, wo ich etwa irregeh’,
    Alsbald zurechteführen;
    Laß sie mich allzeit guten Rat
    Und weise Werke lehren,
    Steuern, wehren
    Der Sünd’ und nach der Tat
    Bald wieder mich bekehren!
  16. Laß sie sein meine Freud’ in Leid,
    In Schwachheit mein Vermögen,
    Und wenn ich nach vollbrachter Zeit
    Mich soll zur Ruhe legen,
    Alsdann laß deine Liebestreu’,
    Herr Jesu, bei mir stehen,
    Luft zuwehen,
    Daß ich getrost und frei
    Mög’ in dein Reich eingehen!
Paul Gerhardt – O Gott, mein Schöpfer, edler Fürst

Paul Gerhardt – O Gott, mein Schöpfer, edler Fürst

  1. O Gott, mein Schöpfer, edler Fürst
    und Vater meines Lebens,
    Wo du mein Leben nicht regierst,
    so leb ich hier vergebens.
    Ja lebendig bin ich auch tot,
    der Sünden ganz ergeben,
    Wer sich wälzt im Sündenkot,
    der hat das rechte Leben
    noch niemals recht gesehen.
  2. Darum so wende deine Gnad
    zu deinem armen Kinde
    und gib mir allzeit guten Rat:
    Behüte meines Mundes Tür,
    Daß mir ja nicht entfahre
    ein solches Wort, dadurch ich dir
    und deiner frommen Schare
    verdrießlich sei und schade.
  3. Bewahr, o Vater mein Gehör
    auf dieser schönen Erde
    vor allem, dadurch deine Ehr
    und Reich beschimpfet werde;
    Laß mich der Lästrer Gall und Gift
    ja nimmermehr berühren,
    Denn wen ein solcher Unflat trifft,
    den pflegt er zu verführen,
    auch wohl gar umzukehren.
  4. Regier meiner Augenlicht,
    daß sie nichts Arges treiben,
    ein unverschämtes Angesicht
    laß ferne von mir bleiben:
    Was ehrbar ist, was Zucht erhält,
    Wonach die Englein trachten,
    was dir beliebt und wohlgefällt,
    das laß auch mich hochachten,
    all Üppigkeit verlachen.
  5. Gib, daß ich mich nicht lasse ein
    zum Schlemmen und zum Prassen,
    laß deine Lust mein eigen sein,
    die andere fliehn und hassen.
    Die Lust, die unser Fleisch ergetzt,
    Die zeucht uns nach der Höllen,
    und was die Welt für Freude schätzt,
    pflegt Seel und Geist zu fällen
    und ewiglich zu quälen.
  6. O selig ist, der stets sich nährt
    mit Himmels Speis und Tränken,
    Der nichts mehr schmeckt, nichts sieht und hört,
    auch nichts begehrt zu denken,
    Als nur was zu dem Leben bringt,
    da man bei Gotte lebet
    Und bei der Schar, die fröhlich singt
    und in der Wollust schwebet,
    die keine Zeit aufhebet.
Gerhardt, Paul – O Herrscher in dem Himmelszelt

Gerhardt, Paul – O Herrscher in dem Himmelszelt

  1. O Herrscher in dem Himmelzelt,
    Was ist es doch, das unser Feld
    Und was es uns hervorgebracht,
    So ungestalt und traurig macht!
  2. Nichts anders, traun, als daß die Schar
    Der Menschen sich so ganz und gar
    Bis in den tiefsten Grund verkehrt
    Und täglich ihre Schuld vermehrt.
  3. Die, so, als Gottes Eigentum,
    Stets preisen sollten Gottes Ruhm
    Und lieben seines Wortes Kraft,
    Sind gleich der blinden Heidenschaft.
  4. Drum wird uns auch der Himmel blind,
    Des Firmamentes Glanz verschwind´t,
    Wir warten, wenn der Tag anbricht,
    Aufs Tageslicht und kommt doch nicht.
  5. Man zankt noch immer fort und fort,
    Es bleibet Krieg an allem Ort,
    In allen Winkeln Haß und Neid,
    In allen Ständen Streitigkeit.
  6. Drum strecken auch all Element
    Hier wider uns aus ihre Händ,
    Angst kommt uns aus der Tief und See,
    Angst kommt uns aus der Luft und Höh.
  7. Es ist ein hochbetrübte Zeit;
    Man plagt und jagt die armen Leut,
    Eh als es Zeit, zur Grube zu
    Und gönnet Ihnen keine Ruh.
  8. Drum trauert auch der Freudenquell,
    Die Sonn, und scheint uns nicht so hell;
    Die Wolken gießen allzumal
    Die Tränen ohne Maß und Zahl.
  9. Ach, wein auch du, o Menschenkind,
    Und traure über deine Sünd ;
    Halt doch von deinen Lastern ein
    Und mache dich durch Buße rein.
  10. Fall auf die Knie, fall in die Arm
    Des Herrn, daß sich sein Herz erbarm
    Und der so wohl verdienten Rach
    In Gnaden bald ein Ende mach!
  11. Er ist ja fromm und bleibet fromm,
    Begehret nichts mehr, als daß man komm
    Und mit geneigter Furcht und Scheu
    Ihn bitt um Gnad und Vatertreu.
  12. Ach Vater, Vater, höre doch
    Und lös uns aus dem Sündenjoch
    Und zeuch uns aus der Welt herfür
    Und kehr uns selbsten du zu dir!
  13. Erweiche unsern harten Mut
    Und mach uns Böse fromm und gut;
    Wen du bekehrst, der wird bekehrt,
    Und wer dich hört, der wird erhört.
  14. Laß deine Augen freundlich sein
    Und nimm mit gnädigen Ohren ein
    Das Angstgeschrei, das von der Erd
    Aus unserm Herzen zu dir fährt.
  15. Reiß weg das schwarze Zorngewand,
    Erquicke uns und unser Land
    Und der so schönen Früchte Kranz
    Mit süßem warmen Sonnenglanz.
  16. Verleih uns bis in unsern Tod
    Alltäglich unser liebes Brot
    Und dermaleinst nach dieser Zeit
    Das süße Brot der Ewigkeit!
Gerhardt, Paul – Sei mir tausendmal gegrüßet

Gerhardt, Paul – Sei mir tausendmal gegrüßet

Sei mir tausendmal gegrüßet,
der mich je und je geliebt,
Jesus, der du selbst gebüßet
das, womit ich dich betrübt;
ach, wie ist mir doch so wohl,
wenn ich knien und liegen soll
an dem Kreuze, da du stirbest
und um meine Seele wirbest.

Ich umfange, herz und küsse
der gekränkten Wunden Zahl
und die purpurroten Flüsse,
deine Füß‘ und Nägelmal.
O, wer kann doch, schönster Fürst,
den so hoch nach uns gedürst’t,
deinen Durst und Liebsverlangen
völlig fassen und umfangen?

Heile mich, o Heil der Seelen,
der ich krank und traurig bin;
nimm die Schmerzen, die mich quälen,
und den ganzen Schaden hin,
den mir Adams Fall gebracht,
und ich selber mir gemacht;
wird, o Arzt, dein Blut mich netzen,
wird sich all mein Jammer setzen.

Schreibe deine blutgen Wunden
mir, Herr, in das Herz hinein,
daß sie mögen alle Stunden
bei mir unvergessen sein;
du bist doch mein schönstes Gut,
da mein ganzes Herze ruht.
Laß mich hier zu deinen Füßen
deiner Lieb und Gunst genießen.

Diese Füße will ich halten,
Herr, so fest ich immer kann.
Schau, o schau mein Händefalten
und mich selber freundlich an
von des hohen Kreuzes Baum
und gib meiner Bitte Raum,
sprich: Laß all dein Trauern schwinden;
ich, ich tilg all deine Sünden.