Bengel, Johann Albrecht – Der sterbende Christ

Mittler, alle Kraft der Worte,
Die du in der hohen Pein
Vor der offnen Todespforte
Lassen deine Losung seyn,
Bleibt, indem ich auch abscheide
Meiner Seelen Füll und Weide,
Nun ich so gerüstet bin,
Sehnt michs dir nach, zu dir hin.

Wenig Wort‘ in langen Stunden
Redtest du vom Kreuze dar,
Bis du Alles überwunden,
Was dir in dem Wege war,
Zu dem Vater durchzudringen
Und auch uns zu ihm zu bringen,
Weil du die Versöhnungsmacht
Meist in stillem Kampf vollbracht.

Doch was deine Lippen sagen,
Macht zu Gott gewisse Bahn;
Aller, die dich lieben, Plagen,
Flehen nehmest du dich an.
Dies geschiehet, mich zu lehren,
Wo ich auch mich hin soll kehren,
Wenn der heimgerufne Geist
Alles richtig machen heißt.

Vater! sagtest du, laß Diesen
Ihren blinden Frevel nach!
Edle LAngmuth, sey gepriesen!
Nun, wie sollt ich eigne Rach‘
Wider meinen Nächsten hegen,
Und mir selbst den WEg verlegen?
Jesu, deine Fürbitthuld
Tilge mein‘ und seine Schuld.

Deine Mutter, deinen Jünger,
Welchen du, er dich geliebt,
Hast du, Eintrachts-Wiederbringer,
Gleich versorgt und gleich geübt.
Gieb, daß die, so ich verlasse,
Rechter Sinn zusammenfasse,
Und in deiner Lieb‘ und Treu‘
Eins des Andren Zuflucht sey.

Heute (unvergleichlichs Heute!)
Heute sollest du gewiß
(Glaube, rede, bete, streite!)
Seyn mit mir im Paradies.
Dieses lasse, wie dem Schächer,
So auch mir, o Todesrächer,
Wenn der Augen matter Schein
Bricht, den letzten Leitstern seyn.

Ach! warum bin ich verlassen,
O mein Gott, mein Gott, von dir?
Jesu, wie ist dieß zu fassen?
Klagst du so: wie gehts denn mir?
Ja, durch dieses scharfe Ringen
Wirst du deinen Flüchtling bringen,
Trotz der Sünden Scheidewand
Zum geheimen Priesterstand.

Aber welch bedenklich Dürsten
Klagt der ausgedörrte Mund,
Dein, des reichen Lebensfürsten,
In der Schrift Erfüllungsstund‘?
Für die lechzensvolle Kehle,
Ja die ächzendmatte Seele,
Bleibt, wenn Nichts den Stich mehr hält,
Mir zum Labsal dieß bestellt.

Nun, nun ist das Heil erworben,
Denn du sagst: Es ist vollbracht!
Jesu, eh‘ du noch gestorben,
Blicket schon die Siegesmacht.
Laß nun immerhin ergehen,
Was den Gliedern auszustehen:
Mein Vollender! du in mir,
Und ich, jetzt vollend’t in dir.

Vater, dir will ich befehlen
Meinen dir geweihten Geist!
Schreyest du mit ganzer Seelen
So vertritt mich allermeist
Wenn der letzte Zug vorhanden;
Lös mich aus des Todes Banden,
Nimme deines Pilgrims wahr,
Stelle mich dem Vater dar.

Diese sieben feste Siegel
Drück‘, o Lamm, auf meine Brust,
Daß ich zu dem Zionshügel,
Dessen Spur mir nun bewußt,
Unverweilt gezogen steige,
Und sonst alles Andre schweige,
Außer deiner Worte Chor;
Dieser hebet mich empor.

Wahrheit! prüfe; Licht! durchscheine
Noch einmal, was in mir ist,
Ob ich alles lauter meyne,
Daß dein Sinn, o Jesu Christ,
Mich enthalt‘ in Tod und Leben,
Laß den Geist das Zeugniß geben,
Daß ich Gnad- und Glaubensgab‘
Und sofort das Leben hab.

Nun so darf ich mit dir rufen,
Nun so werd‘ ich auch erhört.
Nun so folg‘ ich durch die Stufen,
Wo der Eingang unverwehrt
Zu dir führet und zu Allen,
Die dir Hallelujah schallen,
Weil durch dich der Feind gedämpft,
Und es ewig ausgekämpft.

Rambach – Anthologie christlicher Gesänge aus der neueren Zeit
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Bengel, Johann Albrecht – Auf das Fest der Verklärung Mariä

Du Wort des Vaters, rede du,
Und stille meine Sinnen.
Sag an, ich höre willig zu;
Ja, lehre frei von Innen;
So schweigt Vernunft mit ihrem Tand
Und du bekommst die Oberhand
Nach deinem Recht und Willen.
Dir geb ich all mein Innres ein,
Das wollest du, ja du allein
Mit deinem Geist erfüllen.

Um eins, mein Jesu, bitt ich dich,
Um das laß dich erbitten:
Dein Herz, dein Herz, das gib in mich,
Ein Herz von guten Sitten;
Ein Herz, das, wie ein kleines Kind
Einfältig, gütig, rein, gelind,
Unschuldig, niederträchtig,
Ein Herz, das heimlich Leide trägt
Und sich in Staub und Asche legt,
Ein Herz in Liebe mächtig.

Ein Herz, das Gott in Lauterkeit
Und Gottes Kinder liebe,
Ein Herz, das sanfte Folgsamkeit
Und wahre Demuth übe,
Ein Herz, das mäßig, wachsam, klug,
Das ohne Murren und Betrug,
Mit dem wohl auszukommen,
Ein Herz, das allenthalben frei
Und ganz von nichts gefangen sei,
Die Liebe ausgenommen.

Nur dies bitt ich, o Herr, von dir,
Allein um deinetwegen.
Ach siehe, diese Bitt‘ ist mir
Vor allem angelegen.
Du bist mein Schöpfer, steh mir bei!
Du bist mein Heiland voller Treu,
Auf dich bin ich getaufet.
Du hast mich dir, o höchster Ruhm,
Zu deinem Erb und Eigenthum
Mit eignem Blut erkaufet.

Du bist mein Bürg und Bräutigam.
Zu deinem Mitgenossen
Bin ich gezählt aus deinem Stamm,
Aus dir bin ich entsprossen.
Ich bin zu deinem Bild gemacht
Und als ein Kind bei dir geacht‘,
Ein Werk, das ewig bleibet;
An dem du Wohlgefallen trägst,
Zu dem du zarte Neigung hegst,
Das sich vom Himmel schreibet.

Du bist, mein Jesu, mir zu gut
Vom Vater ausgegangen,
Und, wie man sonst den Mördern thut,
Für mich am Holz gehangen.
Nun dann, so überwind in mir
Des Satans Werk, der Welt Begier
Und meines Fleisches Pochen.
Vollführe deine Wunderschlacht
In mir durch deines Geistes Macht,
Du hast mirs ja versprochen.

O Leben, Arbeit, Leiden, Noth,
Des Heilands meiner Seelen!
O meines Jesu Angst und Tod!
Euch will ich mich befehlen.
Geht in mich ein, und laßt mich sehn
Das Leben aus dem Tod aufgehn
In allen meinen Kräften.
Hilf mir, o du erwürgtes Lamm,
An deines süßen Kreuzes Stamm
Den Leib des Todes heften.

Ach, präge deinen Tod in mich,
Der all mein böses Wesen
In mir ertödte kräftiglich,
So werd ich recht genesen.
Gieß aus dir selber in mich ein
Dein Leben, das so heilig, rein,
Holdselig, ohne Tadel:
Mach mich von aller Heuchelei,
Ja, allen Missethaten frei
Und schenk mir deinen Adel.

Alsdann wird deine Majestät
Mich ganz zum Tempel haben.
Darin sie ihren Ruhm erhöht
Durch ihre hohen Gaben.
Es wird an solchem stillen Ort
Die Weisheit ihr geheimes Wort
Nach ihrem Willen führen,
Und ihren Sitz je mehr und mehr
Mit ihren Wundern, Pracht und Ehr
Und großen Thaten zieren.

Wohlan, so lebe Gott in mir!
Ich leb und web in ihme;
Damit mein Ich ihn für und für
Nach allen Würden rühme,
Und meine Liebe ganz allein
In Lieb und Leid, in Lust und Pein
An seiner Liebe hange,
Bis ich nach ausgestandner Prob
In vollem Licht, zu Gottes Lob,
Die Gottesschau erlange.

Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Becker, Cornelius – Der XXIV. Psalm.

Des Ehrenkönigs Einzug

1598

Die Erd und was sich auf ihr regt,
Ists Herren, der sie hält und trägt.
Er hat ihrs Bodens Grund gelegt,
An Wassern fest bereitet,
Das Meer und sie geleitet.

Wer wird, Herr, auf dem Berge dein
An heilger Stät dein Bürger sein?
Wer sein Herz hält von Sünden rein,
Kein trüglichn Eid nicht schwöret,
Folgt keinem, der falsch lehret.

Er wird den Segen erben schon,
Gerechtigkeit empfahn zu Lohn
Und Heil von Gott durch seinen Sohn.
Mit Fleiß der Frommen Gschlechte
Fragt nach des Herren Rechte.

Macht auf die Thor in aller Welt,
Zu Dienst und Ehr alls wol bestellt
Dem König, der sein Einzug hält.
Wer ist der König der Ehren?
Sein Lob wolln wir vermehren.

Es ist der Herr, mächtig im Streit,
Der für uns stets zu Felde leit,
Erhält den Sieg zu jeder Zeit,
Herr Zebaoth sein Name;
Wir sind sein heilger Same.

Macht auf die Thor in aller Welt,
Zu Dienst und Ehr alls wol bestellt
Dem König, der sein Einzug hält.
Es ist der Köng der Ehren;
Sein Lob laßt uns vermehren.

Mützell – Geistliche Lieder der evangelischen Kirche aus dem sechszehnten Jahrhundert

Becker, Cornelius – Ich heb meine Augen sehnlich auf (Ps. 121)

1) Ich heb mein Augen sehnlich auf
Und seh die Berge hoch hinauf,
Wann mir mein Gott vons Himmels Thron
Mit seiner Hilf zu statten komm.

2) Mein Hilfe kommt mir von dem Herrn,
Er hilft uns ja von Herzen gern.
Himmel und Erd hat er gemacht,
Er hält über uns Hut und Wacht.

3) Er führet dich auf rechter Bahn,
Wird deinen Fuß nicht gleiten lan,
Setz nur auf Gott dein Zuversicht,
Der dich behütet, schläfet nicht.

4) Der treue Hüter Israel
Bewachet dir dein Leib und Seel,
Er schläft nicht weder Tag noch Nacht,
Wird auch nicht müde von der Wacht.

5) Vor allem Unfall gnädiglich
Der fromme Gott behütet dich,
Unter dem Schatten seiner Gnad
Bist du gesichert früh und spat.

6) Der Sonne Hitz, des Mondes Schein
Dir sollen nicht beschwerlich sein,
Gott wendet alle Trübsal schwer
Zu deinem Nutz und seiner Ehr.

7) Kein Übel muß begegnen dir,
Des Herrn Schutz ist gut dafür,
In Gnad bewahrt er deine Seel
Vor allem Leid und Ungefäll.

8) Der Herr dein Ausgang stets bewahr,
Zu Weg und Steg gesund dich spar,
Bring dich zu Haus in seim Geleit
Von nun an bis in Ewigkeit

Hymns of the 1912 Lutheran Hymnal for Church, School and Home

Beck, Magdalene – Mag es denn je nicht anders gesein

Mag es denn je nicht anders gesein,
Ach Gott, lass dichs erbarmen thun!
Ist denn das unglück hewer mein?
Herr lass mich dir befohlen sein,
Und wend von mir
Durch dein Gottliche zier
Das Creutze mein,
Herr, du weist wol, was es mag sein.

Denn, wen du Herr thust greiffen an
Und wilt ihm deine hülff versagn,
Der mag vor dir gar nicht bestan;
Ich bitt du wolst mich nicht vorlan.
Wie offt hab ich gehort
Durch dein Göttlichs Wort,
Wer traut auf dich
Den wiltu HErr verlassen nicht.

Leb ab dein Zorn und sterck in mir
Den Glauben, HErr, ist mein begier.
Ich bitt durch dein Göttliche zier,
Mein Sünd wolstu vergeben mir,
Die ich so hart
In mancher Fahrt
Thet wider dich.
O HErr, biß mir gnediglich!

Noch wil ich, Herr, das Creutz gern tragn
Dieweil du mich nicht wilt verlan.
Ich bitt allein wolst mir beistan,
Das ich es mit gedult mag tragen.
Herr hochgeborn
Leg ab dein Zorn.
Verley mir gedult,
Für war ist meiner Sünden schuldt.

All mein hoffnung zu dir, mein Gott!
Ich lieg in Sünd biss in den Todt,
Darinn ich leid groß Angst und noth,
Darzu weist gut hülff und rath;
Darumb ich dirs klag:
Ich bitt, mir nicht versag
Die hülffe dein,
Sonst mus ich ewig trawrig sein.

Bekenn ich dir die Sünde mein
Und lass mirs leid von hertzen sein,
So mus es nach den worten dein
Vergeben und vergessen sein.
Dein wort ist war,
Rein lauter und klar
Als Sonnen schein,
Wer nur von hertzen trawt darein.

In Gott setz ich die freude mein,
Das schafft sein Göttlichs Wort allein.
HErr schick es nach dem willen dein,
Allein du mir gedult verley.
Du bist mein Trost,
Hast mich erlost
Mit deinem Todt,
Des sich ein Christ zu frewen hat.

Stromberger – Geistliche Lieder evangelischer Frauen

Baumann, Christoph – Klagelied der Täufer

Wo soll ich mich hinkehren,
ich dummes Brüderlein?
Allein zu Gott, meinem Herren,
Der wird mein Helfer sein.
In aller meiner Noth,
Vertrau ich dir, mein Gott:
Du wirst mich nicht verlassen,
Mir beistehn bis in Tod.

Ich hab mir auserkoren,
Mein Gott, dein theures Wort:
Darum hab ich verloren
Der Welt Huld an allem Ort.
Gotts Huld liebt mich fürbaß,
Drum ich die Welt verlaß:
Hab Urlaub, arge Welt,
Ich bleib auf Christi Straß.

Durch dich bin ich gezogen,
Du ungetreues Meer,
Hast mich lang gnug betrogen,
Aufg’halten mit deim Heer.
Ich war der Sünden Knecht
That wider Gott Unrecht,
Ward blieb und werth gehalten,
Jetzt bin ich gar verschmäht.

Ein Schauspiel in der Welte
Jetzund an allem Ort,
Thun mich ein‘ Ketzer schelten,
Daß ich lieb Gottes Wort.
Kein‘ bessern Schatz ich hab,
Laß mich nicht wenden ab
Von meinem Gott und Herren:
Darum bin ich schabab (verachtet).

Kein‘ Platz hab ich auf Erden:
Wo ich doch nur hinkomm,
Muß ich gepeinigt werden;
Armuth ist mein Reichthum,
Kreuz und Trübsal mein‘ Freud
Band und Gefängniß mein Kleid:
Solche Hoffart thut geben
Der König in Ewigkeit.

Mit Ruh mag ich nicht bleiben
Bei den Thieren im Wald,
Herfür thut man mich treiben,
Wo ich mich aufenthalt.
Darf nirgend in kein Haus,
Sonst jagt man mich doch draus;
Muß mich ducken und schweigen,
Unmerkbar wie ein‘ Maus.

Ich bin auch gar verlassen
Von allen Freunden mein,
Verlegt sind mir all‘ Straßen,
Ihr G’fangner muß ich sein:
Wo sie nur finden mich,
Da muß herhalten ich,
Thun mich raufen und schlagen,
Hassen unschuldiglich.

Sie thun mir nicht vergunnen
Vom Tisch die Brosamlein,
Das Wasser aus dem Brunnen,
Noch auch der Sonnen Schein:
Vor ihn‘ hab ich kein‘ Fried,
Ins Haus lan sie mich nit,
Sie thun sich mein auch schämen,
Daß ich Christo nachtritt.

Ich bin verkauft, verraten,
Von denen allermeist,
Den ich meine Wohlthaten
Mit Lob allzeit geleist‘,
Gelaufen Tag und NAcht,
Treulich für sie gewacht,
Darum thun sie mich führen
Wie ein Lämmlein zur Schlacht.

Ihr Heil, das thät ich suchen,
Sie habens nit erkannt,
Thun mich darum verfluchen,
Verjagen ins Elend.
Im Haus, Feld, Holz und Wald,
Wo ich mich aufenthalt,
Thun sie mich herführziehen,
Treiben mit mir Gewalt.

Gleichwie man pflegt zu hetzen
Ein Hirschlein in dem Wald
Also ist mir das Netze
Gestellt, suchen mich bald.
Wo mich dann Einer findt,
Darauf schlägt, sticht und bindt;
Muß alle Winkel ausschleifen
Im Regen und im Wind.

Es thun mich auf verdammen,
Die Christen wollen sein,
Von wegen Gottes Namen,
Schließen mich aus ihrer G’mein.
Die scheinheilige Rott‘
Treiben aus mir den Spott,
Sprechen: ich sei des Teufels
Und hab hie keinen Gott.

Darum, daß ich ihn hassen
Ihr Sekt und Gleißnerei,
Und flieh der Sünden Straßen,
Geht über mich dieß groß Geschrei:
Ketzer, hinweg mit dir!
Mein Sünd mir werfen für,
Sprechen: Es soll der Henker
Disputiren mit mir.

Thun mich necken und plagen,
Reißen die Glieder mein.
Mein Gott, ich thus dir klagen,
Du wirst sehen darein.
Wie man so härtiglich
Allhie peinigt mich.
Ich thu mich dir befehlen,
Verlaß mich ganz auf dich!

Mein Gott, ich bitt von Herzen,
Vergib ihn‘ ihre Sünd,
Die mir zufügen Schmerzen;
Und erhalt deine Kind‘,
Wo sie sind überall
In diesem Jammerthal,
Verzagt, geplagt, gefangen,
Leiden großen Trübsal.

Herzallerliebster Vater,
Führ uns ins gelobte Land,
Aus aller Pein und Marter,
Schmerzen, Ketten und Band,
Zu deiner heilgen Gemein,
Da du wirst preist allein
Durch deine lieben Kindlein,
Die dir gehorsam sein.

Arnold, Gottfried – Vergiss mein nicht

1. Vergiß mein nicht, dass ich dein nicht vergesse
und meiner Pflicht, die ich, o Wurzel Jesse,
dir schuldig bin. Erinnre stets mein Herz
der unzählbaren Gunst und Lieblichkeiten,
die du mir ungesucht hast wollen zubereiten.
Du wirst, was mir hinfort gebricht,
vergessen nicht.

2. Verlier mich nicht, mein Hirt, aus deinen Armen,
aus deinem Schoß und herzlichen Erbarmen,
von deiner Weide honigsüßen Kost,
aus deinen Führen, Locken, Warnen, Sorgen,
das ich bei dir genieß vom Abend bis am Morgen.
Solang dein Stab sein Amt verricht,
verlier mich nicht.

3. Verlass mich nicht, mein Herr und bester Lehrer
bei der Gefahr so vieler Friedensstörer,
o wache selbst und lass dein Liebspanier
mich ringsherum mit tausend Schilden decken,
daß keines Feindes Macht und Heer mich kann erschrecken.
Dein Auge, das auf mich gericht‘,
verlass mich nicht.

4. Verstoß mich nicht, doch wie kannst du verstoßen?
Du weißt von lauter Liebe und Liebkosen,
von Gnad und Huld; denn dein mitleidig Herz
dich zwinget, meine Schwachheit stets zu tragen.
Wer wollt von solcher Treu an der Vollendung zagen?
Dein Herz, das dir so ofte bricht,
verstoß mich nicht.

5. Vergiß auch nicht, Herr, deine Reichsgenossen,
auf die dein Blut in voller Kraft geflossen,
o fasse sie in deiner Liebesbrust.
Gib, daß dein Zion sich bald deiner freue
und jedermann dir stift ein Denkmal deiner Treue
und keiner der so teuren Pflicht
vergesse nicht.

6. Vergiß mein nicht, und wer könnt dich vergessen?
Man kann ja das Geheimnis nicht ermessen,
daß du in mir und ich in dir soll sein.
Wie sollt ich nicht an dich, du an mich denken,
da du mich willst in dich und dich in mich versenken?
Du wirst mich ewiglich, mein Licht,
verlassen nicht.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen

So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen,
Ja selig und doch meistens wunderlich.
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu nicht kann verleugnen sich?
Die Wege sind oft krumm und doch gerad,
Darauf du läßt die Kinder zu dir gehn,
Da pflegt es wunderseltsam auszusehn,
Doch triumphiert zuletzt dein hoher Rat.

2. Dein Geist hängt nie an menschlichen Gesetzen,
So die Vernunft und gute Meinung stellt.
Den Zweifelsknoten kann dein Schwert verletzten
Und lösen auf, nach dem es dir gefällt.
Du reißest wohl die stärksten Band entzwei;
Was sich entgegensetzt, muß sinken hin;
Ein Wort bricht oft den allerhärtsten Sinn,
Dann geht dein Fuß auch durch Umwege frei.

3. Was unsre Klugheit will zusammenfügen,
Teilt dein Verstand in Ost und Westen aus;
Was mancher unter Joch und Last will biegen,
Setzt deine Hand frei an der Sternen Haus.
Die Welt zerreißt, und du verknüpfst in Kraft;
Sie bricht, du baust; sie baut, du reißest ein;
Ihr Glanz muß dir ein dunkler Schatten sein;
Dein Geist bei Toten Kraft und Leben schafft.

4. Will die Vernunft was fromm und selig preisen,
So hast du‘s schon aus deinem Buch gethan;
Wem aber niemand will dies Zeugnis weisen,
Den führst du in der Still selbst himmelan.
Den Tisch der Pharisäer läßt du stehn
Und speisest mit den Sündern, sprichst sie frei.
Wer weiß, was öfters deine Absicht sei?
Wer kann der tiefsten Weisheit Abgrund sehn?

5. Was alles ist, gilt nichts in deinen Augen;
Was nichts ist, hast du, großer Herr, recht lieb.
Der Worte Pracht und Ruhm mag dir nicht taugen,
Du giebst die Kraft und Nachdruck durch den Trieb.
Die besten Werke bringen dir kein Lob,
Sie sind versteckt, der Blinde geht vorbei;
Wer Augen hat, sieht sie doch nie so frei;
Die Sachen sind zu klar, der Sinn zu groß.

6. O Herrscher, sei von uns gebenedeiet,
Der du uns rötest und lebendig machst.
Wenn uns dein Geist der Weisheit Schatz verleihet,
So sehn wir erst, wie wohl du für uns wachst.
Die Weisheit spielt bei uns, wir spielen mit.
Bei uns zu wohnen ist dir lauter Lust,
Die reget sich in deiner Vaterbrust
Und gängelt uns mit zartem Kinderschritt.

7. Bald scheinst du hart und streng uns anzugreifen,
Bald fährest du mit uns ganz säuberlich.
Geschiehts, daß unser Sinn sucht aus zuschweifen,
So weist die Zucht uns wieder hin auf dich.
Da gehn wir denn mit blöden Augen hin,
Du küßest uns, wir sagen Beßrung zu;
Drauf schenkst dein Geist dem Herzen wieder Ruh
Und hält im Zaum den ausgeschweiften Sinn.

8. Du kennst, o Vater, wohl das schwache Wesen,
Die Ohnmacht und der Sinnen Unverstand;
Man kann uns fast an unsrer Stirn ablesen,
Wie es um schwache Kinder sei bewandt.
Drum greifst du zu und hältst und trägest sie,
Brauchst Vaterrecht und zeigest Muttertreu;
Wo niemand meint, daß etwas deine sei,
Da hegst du selbst dein Schäflein je und je.

9. Also gehst du nicht die gemeinen Wege,
Dein Fuß wird selten öffentlich gesehn,
Damit du siehst, was sich im Herzen rege,
Wenn du in Dunkelheit mit uns willst gehn.
Das Widerspiel legt sich vor Augen dar von dem,
Was du in deinem Sinne hast; wer meint,
Er hab den Vorsatz recht gefaßt,
Der wird am End ein andres oft gewahr.

10. O Auge, das nicht Trug noch Heucheln leidet,
Gieb mir der Klugheit scharfen Unterscheid,
Dadurch Natur von Gnade wird entscheidet,
Das eigne Licht von deiner Heiterkeit.
Laß doch mein Herz dich niemals meistern nicht,
Brich ganz entzwei den Willen, der sich liebt,
Erweck die Lust, die sich nur dir ergiebt
Und tadelt nie dein heimliches Gericht.

11. Will etwa die Vernunft dir widersprechen
Und schüttelt ihren Kopf zu deinem Weg,
So wollst du die Befestung niederbrechen,
Daß ihre Höh sich nur bei Zeiten leg.
Kein fremdes Feuer sich in mir entzünd,
Das ich vor dich in Thorheit bringen möcht,
Und dir wohl gar so zu gefallen dächt.
O selig, wer dein Licht ergreift und findt.

12. So ziehe mich denn recht nach deinem Willen,
Und trag und heg und führ dein armes Kind.
Dein innres Zeugnis soll den Zweifel stillen,
Dein Geist die Furcht und Lüste überwind.
Du bist mein alles, denn dein Sohn ist mein;
Dein Geist reg sich ganz kräftiglich in mir,
Ich brenne nun nach dir in Liebsbegier,
Wie oft erquickt mich deiner Klarheit Schein!

13. Drum muß die Kreatur mir immer dienen,
Kein Engel schämt nun der Gemeinschaft sich:
Die Geister, die vor dir vollendet grünen,
Sind meine Brüder und erwarten mich.
Wie oft erquicket meinen Geist ein Herz,
Das dich und mich und alle Christen liebt!
Ists möglich, daß mich etwas noch betrübt?
Komm, Freudenquell, weich ewig aller Schmerz.

Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – O Durchbrecher aller Bande

O Durchbrecher aller Bande,
der du immer bei uns bist,
bei dem Schaden, Spott und Schande
lauter Lust und Himmel ist,
übe ferner dein Gerichte
wider unsern Adamssinn,
bis dein treues Angesichte
uns führt aus dem Kerker hin.

Ists doch deines Vaters Wille,
daß du endest dieses Werk;
hierzu wohnt in die die Fülle
aller Weisheit, Lieb und Stärk,
daß du nichts von dem verlierest,
was er dir geschenket hat,
und es aus dem Treiben führest
zu der süßen Ruhestatt.

Ach so mußt du uns vollenden,
willst und kannst ja anders nicht,
denn wir sind in deinen Händen,
dein Herz ist auf uns gericht‘,
ob wir wohl von allen Leuten
als gefangen sind geacht‘,
weil des Kreuzes Niedrigkeiten
uns veracht‘ und schnöd gemacht.

Schau doch aber unsre Ketten,
da wir mit der Kreatur
seufzen, ringen, schreien, beten,
um Erlösung von Natur,
von dem Dienst der Eitelkeiten,
der uns noch so hart bedrückt,
ob auch schon der Geist zu Zeiten
sich auf etwas Bessers schickt.

Ach erheb die matten Kräfte,
sich einmal zu reißen los
und durch alle Weltgeschäfte
durchzubrechen frei und bloß.
Weg mit Menschenfurcht und Zagen,
weich, Vernunftbedenklichkeit,
fort mit Scheu vor Schmach und Plagen,
weg des Fleisches Zärtlichkeit.

Herr, zermalme, brich, vernichte
alle Macht der Finsternis,
unterwirf sie dem Gerichte,
mach des Sieges uns gewiß,
heb uns aus dem Staub der Sünden,
wirf die Schlangenbrut hinaus,
laß uns wahre Freiheit finden
droben in des Vaters Haus.

Wir verlangen keine Ruhe
für das Fleisch in Ewigkeit;
wie du’s nötig findst, so tue
noch vor unsrer Abschiedszeit;
aber unser Geist, der bindet
dich im Glauben, läßt dich nicht,
bis er die Erlösung findet,
da ihm Zeit und Kraft gebricht.

Herrscher, herrsche, Sieger, siege!
König, brauch dein Regiment!
Führe deines Reiches Kriege,
mach der Sklaverei ein End!
Aus dem Kerker führ die Seelen
durch des neuen Bundes Blut,
laß uns länger nicht so quälen;
denn du meinsts mit uns ja gut.

Haben wir uns selbst gefangen
in der Lust und Eigenheit,
ach so laß uns nicht stets hangen
in dem Tod der Eitelkeit;
denn die Last treibt uns zu rufen,
alle flehen wir dich an:
zeig doch nur die ersten Stufen
der gebrochnen Freiheitsbahn.

Ach wie teur sind wir erworben,
nicht der Menschen Knecht zu sein!
Drum, so wahr du bist gestorben,
mußt du uns auch machen rein,
rein und frei und ganz vollkommen,
nach dem besten Bild gebildt;
der hat Gnad um Gnad genommen,
wer aus deiner Füll sich füllt.

Liebe, zeuch uns in dein Sterben;
laß mit dir gekreuzigt sein,
was dein Reich nicht kann ererben;
führ ins Paradies uns ein.
Doch wohlan, du wirst nicht säumen,
laß uns nur nicht lässig sein;
werden wir doch als wie träumen,
wenn die Freiheit bricht herein.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – Komm, beuge dich, mein Herz und Sinn

Komm, beuge dich, mein Herz und Sinn
Vor Christi Throne tief danieder.
Zu seinen Füßen sinke hin
Und bring‘ ihm deines Dankes Lieder.
Erkenne, wie du selbst aus dir nichts bist
Wie Gott in dir und allen alles ist.

Wo wär‘ in dir ein Funken Kraft,
Wenn du sie nicht erlangt von oben?
Wer hat dir Schutz und Ruh‘ geschafft
Vor deiner Feinde List und Toben?
Wer bändigte des Bösen finstre Macht?
Wer hat der Wahrheit Glanz ans Licht gebracht?

Wer hat dich aus der Noth befreit,
Dein Leben dem Verderb entrissen?
Wer krönt dich mit Barmherzigkeit,
Wer läßt dich seine Rechte wissen?
Ist er es nicht, der unerschöpfte Quell,
Der täglich noch uns zuströmt rein und hell?

Ja, deine Hand hat uns gefaßt
Und über all‘ Verdienst und Hoffen
Hinweggethan der Sünden Last,
Daß nun der Himmel steht uns offen!
Du machst das Herz von Furcht und Zweifel leer,
Und sel’ger Friede waltet um uns her.

Was zwischen uns sich drängen will,
Hat deine Kraft gar bald vernichtet;
Du hältst den Tempel rein und still,
Den du dir selbst in uns errichtet.
Ja, fest bestehet deine Herrlichkeit,
Die dir in uns der Vater hat geweiht.

Du überschüttest uns mit Lieb‘
Und reinigst Herzen, Mund und Sinnen,
Daß wir aus deines Geistes Trieb
Dich stets in uns mehr liebgewinnen.
Du drückst dem Geist der Reinheit Siegel auf,
Daß unbefleckt wir enden unsern Lauf.

So nimm dafür zu Opfer hin
Uns selbst mit allem, was wir haben;
Nimm Leib und Seel‘, nimm Herz und Sinn
Zum Eigenthum statt andrer Gaben.
Bereite selbst dir aus der Schwachen Mund
Ein würdig Lob; mach‘ deinen Namen kund.

Hierzu gieb einen Sinn und Muth,
Halt deine Gläub’gen fest zusammen,
Daß unser Herz von heil’ger Gluth
Entbrenn‘ in deiner Liebe Flammen.
Zu deinem Thron steigt unser Dank empor,
Bis würd’ger er erschallt im höhern Chor.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“