Gerhardt, Paul – Sei wohl gemut, o Christenseel (Psalm 73)

Gerhardt, Paul – Sei wohl gemut, o Christenseel (Psalm 73)

  1. Sei wohlgemut, o Christenseel,
    Im Hochmut deiner Feinde;
    Es hat das rechte Israel
    Noch dennoch Gott zum Freude,
    Wer glaubt und hofft, der wird geliebt
    Von dem, der unsern Herzen gibt
    Trost, Friede, Freund und Leben.
  2. Zwar tut es weh und ärgert sehr,
    Wenn man vor Augen siehet,
    Wie dieser Welt gottloses Heer
    So schön und herrlich blühet:
    Sie sind in keiner Todesfahr,
    Erleben hier so manches Jahr
    Und stehen wie Paläste.
  3. Sie haben Glück und wissen nicht,
    Wie Armen sei zu Mute:
    Gold ist ihr Gott, Geld ist ihr Licht.
    Sind stolz bei großem Gute:
    Sie reden hoch, und das gilt schlecht:
    Was andre sagen, ist nicht recht,
    Es ist Ihnen viel wenig.
  4. Des Pöbelvolks unweiser Hauf
    Ist auch auf ihrer Seite;
    Sie sperren Maul und Nasen auf
    Und sprechen: Das sind Leute!
    Das sind ohn alle Zweifel die,
    Die Gott vor allen andern hie
    Zu Kindern auserkoren.
  5. Was sollte doch der große Gott
    Nach jenen andern Fragen,
    Die sich mit Armut, Kreuz und Not
    Bis in die Gruben tragen?
    Wem hier des Glückes Gunst und Schein
    Nicht leuchtet, kann kein Christe sein,
    Er ist gewiß verstoßen.
  6. Solls denn, mein Gott, vergebens sein,
    Daß dich mein Herze liebet?
    Ich liebet dich und leide Pein,
    Bin dein und doch betrübet.
    Ich hätte bald auch so gedacht
    Wie jene Rotte, die nichts achtet
    Als was vor Augen pranget.
  7. Sieh aber, sieh, in solchem Sinn
    Wär ich zu weit gekommen,
    Ich hätte bloß verdammt dahin
    Die ganze Schar der Frommen:
    Denn hat auch je einmal gelebt
    Ein frommer Mensch, der leicht geschwebt
    In großem Kreuz und Leiden?
  8. Ich dachte hin, ich dachte her,
    Ob ich ist es möcht ergründen,
    Es war mir aber viel zu schwer,
    Den rechten Schluß zu finden,
    Bis daß ich ging ins Heiligtum
    Und merkte, wie du, unser Ruhm,
    Die Bösen führst zu Ende.
  9. Ihr Gang ist schlüpfrig, glatt ihr Pfad,
    Ihr Tritt ist ungewisse:
    Du suchst sie heim nach ihrer Tat
    Und stürzest ihre Füße.
    Im Hui ist alles umgewendt,
    Da nehmen sie ein plötzlich End
    Und fahren hin mit Schrecken.
  10. Heut grünen sie gleich wie ein Baum,
    Ihr Herz ist froh und lachet,
    Und morgen sind sie wie ein Traum,
    Von dem der Mensch aufwachet,
    Ein bloßer Schatt, ein totes Bild,
    Das weder Hand noch Augen füllt,
    Verschwindt im Augenblicke
  11. Es mag drum sein; es wäre gleich
    Mein Kreuz, so lang ich lebe,
    Ich habe gnug an Himmelreich,
    Dahin ich täglich sterbe.
    Hält mich die Welt gleich als ein Tier,
    Ei, lebst du, Gott doch über mir,
    Du bist mein Ehr und Krone.
  12. Du heilest meines Herzensstich
    Mit deiner süßer Liebe
    Und wehrest dem Unglück, daß es mich
    Nicht allzu hoch betrübe;
    Du leitest mich mit deiner Hand
    Und wirst mich endlich in den Stand
    Der rechten Ehren setzen.
  13. Wenn ich nur dich, o starker Held,
    Behalt in meinem Leide,
    So acht ichs nicht, wenn gleich zerfällt
    Das große Weltgebäude.
    Du bist mein Himmel, und dein Schoß
    Bleibt allezeit mein Burg und Schloß,
    Wann diese Erd entweichet.
  14. Wann mir gleich Leib und Seel verschmacht,
    So kann ich doch nicht sterben,
    Denn du bist meines Lebens Macht
    Und laßt mich nicht verderben.
    Was frag ich nach dem Erb und Teil
    Auf dieser Welt? du, du, mein Heil,
    Du bist mein Teil und Erbe.
  15. Das kann die gottvergeßne Rott
    Mit Wahrheit nimmer sagen:
    Sie weicht von dir und wird zu Spott,
    Verdirbt in Großen Plagen.
    Mir aber ists, wie dir bewußt,
    Die größte Freud und höchste Lust,
    Daß ich mich zu halte.
  16. So will ich nun die Zuversicht
    Auf dich beständig setzen,
    Es werde Zeit ergetzen.
    Indessen will ich stille ruhn
    Und deiner weisen Hände tun
    Mit meinem Munde preisen.
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