Gerhardt, Paul – Schwing dich auf zu deinem Gott

Gerhardt, Paul – Schwing dich auf zu deinem Gott

  1. Schwing dich auf zu deinem Gott,
    Du betrübte Seele!
    Warum liegst du, Gott zum Spott,
    In der Schwermutshöhle?
    Merkst du nicht des Satans List?
    Er will durch sein Kämpfen
    Deinen Trost, den Jesus Christ
    Dir erworben, dämpfen.
  2. Schüttle deinen Kopf und sprich:
    „Fleuch, du alte Schlange!
    Was erneurst du deinen Stich,
    Machst mir angst und bange?
    Ist dir doch der Kopf zerknickt,
    Und ich bin durchs Leiden
    Meines Heilands dir entzückt
    In den Saal der Freuden.“
  3. Wirfst du mir mein Sündgen für?
    Wo hat Gott befohlen,
    Daß mein Urteil über mir
    Ich bei dir soll holen?
    Wer hat dir die Macht geschenkt,
    Andre zu verdammen,
    Der du selbst doch liegst versenkt
    In der Höllen Flammen?
  4. Hab ich was nicht recht getan,
    Ist mir’s leid von Herzen;
    Dahingegen nehm ich an
    Christi Blut und Schmerzen.
    Dann das ist die Ranzion
    Meiner Missetaten;
    Bring ich dies vor Gottes Thron,
    Ist mir wohl geraten.
  5. Christi Unschuld ist mein Ruhm,
    Sein Recht meine Krone,
    Sein Verdienst mein Eigentum,
    Da ich frei in wohne
    Als in einem festen Schloß,
    Das kein Feind kann fällen,
    Brächt er gleich davor Geschoß
    Und Gewalt der Höllen.
  6. Stürme, Teufel und du Tod,
    Was könnt ihr mir schaden?
    Deckt mich doch in meiner Not
    Gott mit seiner Gnaden.
    Der Gott, der mir seinen Sohn
    Selbst verehrt aus Liebe,
    Daß der ew’ge Spott und Hohn
    Mich nicht dort betrübe.
  7. Schreie, tolle Welt, es sei
    Mir Gott nicht gewogen,
    Es ist lauter Täuscherei
    Und im Grund erlogen.
    Wäre mir Gott gram und feind,
    Würd er seine Gaben,
    Die mein eigen worden seind,
    Wohl behalten haben.
  8. Denn was ist im Himmelszelt,
    Was im tiefen Meere,
    Was ist Gutes in der Welt,
    Das nicht mir gut wäre?
    Weme brennt das Sternenlicht?
    Wozu ist gegeben
    Luft und Wasser? Dient es nicht
    Mir und meinem Leben?
  9. Weme wird das Erdreich naß
    Von dem Tau und Regen?
    Weme grünet Laub und Gras?
    Weme füllt der Segen
    Berg und Tale, Feld und Wald?
    Wahrlich, mir zur Freude,
    Daß ich meinen Aufenthalt
    Hab und Leibesweide.
  10. Meine Seele lebt in mir
    Durch die süßen Lehren,
    So die Christen mit Begier
    Alle Tage hören.
    Gott eröffnet früh und spat
    Meinen Geist und Sinnen,
    Daß sie seines Geistes Gnad
    In sich ziehen können.
  11. Was sind der Propheten Wort
    Und Apostel Schreiben
    Als ein Licht am dunkeln Ort,
    Fackeln, die vertreiben
    Meines Herzens Finsternis
    Und in Glaubenssachen
    Das Gewissen fein gewiß
    Und recht grundfest machen?
  12. Nun, auf diesen heilgen Grund
    Bau ich mein Gemüte,
    Sehe, wie der Höllenhund
    Zwar darwider wüte;
    Gleichwohl muß er lassen stehn,
    Was Gott aufgerichtet,
    Aber schändlich muß vergehn,
    Was er selbst dichtet.
  13. Ich bin Gottes, Gott ist mein;
    Wer ist, der uns scheide?
    Dringt das liebe Kreuz herein
    Mit dem bittern Leide,
    Laß es dringen, kommt es doch
    Von geliebten Händen,
    Bricht und kriegt geschwind ein Loch,
    Wann es Gott will wenden.
  14. Kinder, die der Vater soll
    Ziehn zu allem Guten,
    Die gedeihen selten wohl
    Ohne Zucht und Ruten.
    Bin ich dann nun Gottes Kind,
    Warum will ich fliehen,
    Wann er mich von meiner Sünd
    Auf was Guts will ziehen?
  15. Es ist herzlich gut gemeint
    Mit der Christen Plagen;
    Wer hier zeitlich wohl geweint,
    Darf nicht ewig klagen,
    Sondern hat vollkommne Lust
    Dort in Christi Garten,
    Dem er einig recht bewußt,
    Endlich zu gewarten.
  16. Gottes Kinder säen zwar
    Traurig und mit Tränen,
    Aber endlich bringt das Jahr,
    Wornach sie sich sehnen;
    Dann es kommt die Erntenzeit,
    Da sie Garben machen,
    Da wird all ihr Gram und Leid
    Lauter Freud und Lachen.
  17. Ei, so faß, o Christenherz,
    Alle deine Schmerzen,
    Wirf sie fröhlich hinterwärts;
    Laß des Trostes Kerzen
    Dich entzünden mehr und mehr!
    Gib dem großen Namen
    Deines Gottes Preis und Ehr!
    Er wird helfen. Amen.
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