Gellert, Christian Fürchtegott – Für alle Güte sei gepreist,

Für alle Güte sei gepreist,
Gott Vater, Sohn und heilger Geist!
Ihr bin ich zu geringe.
Vernimm den Dank,
Den Lobgesang,
Den ich dir kindlich singe.

Du nahmst dich meiner herzlich an,
Hast Großes heut an mir getan,
Mir mein Gebet gewähret;
Hast väterlich
Mein Haus und mich
Beschützet und genähret.

Herr, was ich bin, ist dein Geschenk;
Der Geist, mit dem ich dein gedenk,
Ein ruhiges Gemüte;
Was ich vermag
Bis diesen Tag,
Ist alles deine Güte.

Sei auch, nach deiner Lieb und Macht,
Mein Schutz und Schirm in dieser Nacht;
Vergib mir meine Sünden.
Und kömmt mein Tod,
Herr Zebaoth,
So laß mich Gnade finden.

Gellert, Christian Fürchtegott – Der Tag ist wieder hin, und diesen Teil des Lebens

Der Tag ist wieder hin, und diesen Teil des Lebens,
Wie hab ich ihn verbracht? Verstrich er mir vergebens?
Hab ich mit allem Ernst dem Guten nachgestrebt?
Hab ich vielleicht nur mir, nicht meiner Pflicht gelebt?

War’s in der Furcht des Herrn, daß ich ihn angefangen?
Mit Dank und mit Gebet, mit eifrigem Verlangen,
Als ein Geschöpf von Gott der Tugend mich zu weihn,
Und züchtig, und gerecht, und Gottes Freund zu sein?

Hab ich in dem Beruf, den Gott mir angewiesen,
Durch Eifer und durch Fleiß ihn, diesen Gott, gepriesen;
Mir und der Welt genützt, und jeden Dienst getan,
Weil ihn der Herr gebot, nicht weil mich Menschen sahn?

Wie hab ich diesen Tag mein eigen Herz regieret?
Hat mich im stillen oft ein Blick auf Gott gerühret?
Erfreut ich mich des Herrn, der unser Flehn bemerkt?
Und hab ich im Vertraun auf ihn mein Herz gestärkt?

Dacht ich bei dem Genuß der Güter dieser Erden
An den Allmächtigen, durch den sie sind und werden?
Verehrt ich ihn im Staub? Empfand ich seine Huld?
Trug ich das Glück mit Dank, den Unfall mit Geduld?

Und wie genoß mein Herz des Umgangs süße Stunden?
Fühlt ich der Freundschaft Glück, sprach ich, was ich empfunden?
War auch mein Ernst noch sanft, mein Scherz noch unschuldsvoll?
Und hab ich nichts geredt, das ich bereuen soll?

Hab ich die Meinigen durch Sorgfalt mir verpflichtet,
Sie durch mein Beispiel still zum Guten unterrichtet?
War zu des Mitleids Pflicht mein Herz nicht zu bequem?
Ein Glück, das andre traf, war dies mir angenehm?

War mir der Fehltritt leid, so bald ich ihn begangen?
Bestritt ich auch in mir ein unerlaubt Verlangen?
Und wenn in dieser Nacht Gott über mich gebeut,
Bin ich, vor ihm zu stehn, auch willig und bereit?

Gott, der du alles weißt, was könnt ich dir verhehlen?
Ich fühle täglich noch die Schwachheit meiner Seelen.
Vergib durch Christi Blut mir die verletzte Pflicht;
Vergib, und gehe du nicht mit mir ins Gericht.

Ja, du verzeihest dem, den seine Sünden kränken;
Du liebst Barmherzigkeit, und wirst auch mir sie schenken.
Auch diese Nacht bist du der Wächter über mir;
Leb ich, so leb ich dir, sterb ich, so sterb ich dir!

Unbekannter Dichter – Wo willst du hin, weil’s Abend ist?

1. Wo willst du hin, weil’s Abend ist,
o liebster Pilgrim Jesu Christ?
Komm, laß mich so glückselig sein
und kehr‘ in meinem Herzen ein!

2. Laß dich erbitten, liebster Freund,
dieweil es ist so gut gemeint!
Du weißt, daß du zu aller Frist
ein herzenslieber Gast mir bist.

3. Es hat der Tag sich sehr geneigt,
die Nacht sich schon von ferne zeigt;
drum wollest du, o wahres Licht,
mich Armen ja verlassen nicht!

4. Erleuchte mich, daß ich die Bahn
zum Himmel sicher finden kann,
damit die dunkle Sündenmacht
mich nicht verführt noch irremacht!

5. Vor allem aus der letzten Not
hilf mir durch einen sanften Tod!
Herr Jesu, bleib, ich halt‘ dich fest;
ich weiß, daß du mich nicht verläßt.

Text: Plönsches Gesangbuch, 1674
Melodie: Thorn 1601

Ziegenspeck, Michael – Walt’s Gott, mein Werk ich lasse

1. Walt’s Gott, mein Werk ich lasse;
die Sonn Fei’rabend meld’t.
Sie hat vollend’t ihr Straßen,
kehrt wieder in ihr Zelt.
So mögen auch mein‘ Sachen
ruhn bis zu ihrer Zeit.
Jetzt will ich Schichte machen
mit schuld’ger Dankbarkeit.

2. Mein‘ Augen, Herz und Hände,
o Jesu, Gottes Sohn,
zu dir ich nunmehr wende
zum schuld’gen Tageslohn;
denn du bist selbst getreten
an meine Werkstatt gut,
hast mir helfen arbeiten,
regiert mein Sinn und Mut.

3. Mein Haupt hast du gestärket,
mein’n Fingern geben Kraft,
hast deinen Seg’n vermerket,
der allein Frommen schaft.
Daher ist wohl geraten
mein‘ Arbeit und mein‘ Kunst;
ohn‘ dich geht nichts vonstatten,
ohn‘ dich ist all’s umsunst.

4. Drum ich vom Herzensgrunde
dich, Herr Gott, lob und preis
in dieser Abendstunde
und bitt mit ganzem Fleiß,
du wollest gnädig hören
mein arm Vespergebet,
das Gut‘ in mir vermehren
durch dein‘ Barmherzigkeit.

5. Gleich wie vor alten Zeiten
du hast viel Gut’s erzeigt
des Abends denen Leuten,
der’n Herz sich zu dir neigt
und fest auf dich gebauet,
so wollst du auch geruhn,
wie unser Herz dir trauet
uns Lieb’s und Gut’s zu tun.

6. Als Noah hat gelassen
ein Täublein aus sei’m Schiff,
kehrt‘ es wieder sein‘ Straßen
und bracht‘ ein‘ Freudenbrief:
Zur Vesperzeit im Munde
führt‘ es ein Ölblatt grün,
daran Noah verstunde,
des Herrn Zorn wär dahin.

7. Zwei heil’ge Engel kamen
des Abends zu dem Loth;
in ihren Schutz ihn nahmen
vor der gottlosen Rott,
erlösten den Propheten;
bald fiel ein Schwef’l und Feu’r,
macht den achtlosen Städten
ihr‘ Freud und Frevel teu’r.

8. Imgleichen wir auch lesen,
wie Eli, der Prophet,
im Hungerland gewesen.
Hört, was der Herre tät:
Vögel gedienet haben
zu Tisch dem Gottesmann;
abends und morgens Raben
Brot und Fleisch brachten an.

9. Auch wollst du, Herr, uns geben
Abend- und Morgenbrot
und was zu diesem Leben
uns allenthalb ist not.
Dein‘ Engel wollst du schicken,
auf daß er uns bewahr
vor Teufels List und Tücken,
so sind wir ohn‘ Gefahr.

10. Erhöre unser Bitten,
ach Herr, du treuer Gott:
Die Stadt wollst du behüten
vor Feu’r und aller Not;
und weil die Völker toben,
erregen Krieg und Streit,
so sende uns von oben
den Fried zu unsrer Zeit.

11. Ja, weil’s will finster werden
um’s Wort, der Gnaden Licht,
denn Satan auf der Erden
die Ketzerei anricht‘,
so bleib bei uns, Herr Christe
mit deinem Gnadenschein,
dein wertes Wort uns friste,
alsdann wir sicher sein.

12. Hiermit ich nun vollende
mein Tagsgeschäft und Sach
und bitt herzlich zu Ende:
Herr, Feierabend mach,
drauf der Sabbat angehet,
der währt viel tausend Jahr,
der ewiglich bestehet;
Amen, das werde wahr.

Text: Michael Ziegenspeck 1677
Melodie: Heinrich Schütz 1628
Quelle: EKB 1950, Nr. 492

Spitta, Philipp – Vollendet hat der Tag die Bahn

1. Vollendet hat der Tag die Bahn,
sein Licht der Abend ausgetan
und überall die dunkle Nacht
die Zeit der Ruhe hergebracht.
O reicher Gott, nun segne du
uns diese Nacht zu guter Ruh.

2. Was du uns Gutes hast beschert,
wie du uns heut versorgt, ernährt,
in aller Fährlichkeit beschützt,
uns zugewendet was uns nützt:
wir danken dafür inniglich,
und Herz und Lippen preisen dich.

3. Was aber Übles wir getan,
das rechne uns aus Gnad nicht an!
Wir klagen dir´s mit Reu und Schmerz
und zeichnen unser Haus und Herz
mit deines lieben Sohnes Blut
zu Glaubenstrost und Glaubensmut.

4. Nun gib uns Ruhe, die erquickt,
nach der das müde Auge blickt.
Des Wächters Hut und Wachsamkeit,
der Tor und Riegel Festigkeit,
das Lager, weich und warm und dicht:
das alles gibt die Ruhe nicht.

5. Hälst du nicht selbst im Herzen auf
der Sorge und Gedanken Lauf,
so fährt er aufgeregt einher
wie ein vom Sturm bewegtes Meer,
und manche Stunde stiller Nacht
wird Ruhe suchend hingebracht.

6. Drum bring du unser Herz in Ruh
und schließ uns bald die Augen zu;
mit deiner Güte decke uns,
zur rechten Zeit erwecke uns.
Dann sei dir unser Dank gebracht
für dein Geschenk, die gute Nacht!

Text: Philipp Spitta (1801–1859)
Melodie: Leipzig 1539  (Vater unser im Himmelreich)
Quelle: GB Württemberg 1912. Nr. 83

Franck, Johann – Unsre müden Augenlider

1. Unsre müden Augenlider schließen
sich jetzt schläfrig zu,
und des Leibes matte Glieder
grüßen schon die Abendruh;
denn die trüb und finstre Nacht
hat des hellen Tages Pracht
in der tiefen See verdecket
und die Sterne aufgestecket.

2. Ach bedenk, eh du gehst schlafen,
du, o meines Leibes Gast,
ob du den, der dich erschaffen,
heute nicht erzürnet hast?
Tu ach tu bei Zeiten Buß,
geh und fall ihm auch zu Fuß
und bitt ihn, daß er aus Gnaden
dich der Strafe woll entladen.

3. Sprich: Herr, dir ist unverhohlen,
daß ich diesen Tag vollbracht
anders, als du mir befohlen;
ja ich habe nicht betracht
meines Amtes Ziel und Zweck,
habe gleichfalls deinen Weg
schändlich, o mein Gott verlassen,
bin gefolgt der Sünde Straßen.

4. Ach Herr, laß mich Gnad erlangen,
gib mir nicht verdienten Lohn;
laß mich deine Huld umfangen,
sieh an deinen lieben Sohn,
der für mich genug getan;
Vater, nimm den Bürgen an!
Dieser hat für mich erduldet,
was mein Unart hat verschuldet.

5. Öffne deiner Güte Fenster,
sende deine Wach herab,
daß die schwarzen Nachtgespenster,
daß des Todes finstres Grab,
daß das Übel, so bei Nacht,
unsern Leib zu fällen tracht’t,
mich nicht mit dem Netz umdecke,
noch ein böser Traum mich schrecke.

6. Laß mich, Herr, von dir nicht wanken,
in dir schlaf ich sanft und wohl;
gib mir heilige Gedanken und,
bin ich gleich Schlafes voll,
so laß doch den Geist in mir
zu dir wachen für und für,
bis die Morgenröt angehet
und man von dem Bett aufstehet.

7. Vater droben in der Höhe,
dein Nam sei uns teur und wert;
dein Reich komm, dein Will geschehe;
wie im Himmel auf der Erd;
und vergib uns unsre Schuld,
schenk uns deine Gnad und Huld;
laß Versuchung uns nicht töten;
hilf uns, Herr, aus allen Nöten!

Text: Johann Franck (1618–1677)
Melodie: Genf 1551 (Freu dich sehr, o meine Seele)
Quelle: GB Bayern 1951, Nr. 467

Krieger, Adam, u.a. – Nun sich der Tag geendet hat

1. Nun sich der Tag geendet hat
und keine Sonn mehr scheint,
schläft alles, was sich abgematt‘
und was zuvor geweint.

2. Nur du, mein Gott, hast keine Rast,
du schläfst noch schlummerst nicht;
die Finsternis ist dir verhaßt,
weil du bist selbst das Licht.

3. Gedenke, Herr, doch auch an mich
in dieser schwarzen Nacht
und schenke du mir gnädiglich
den Schutz von deiner Macht.

4. Zwar fühl ich wohl der Sünde Schuld,
die mich bei dir klagt an;
ach, aber deines Sohnes Huld
hat gnug für mich getan.

5. Den setz ich dir zum Bürgen ein,
wenn ich muß vors Gericht;
ich kann ja nicht verloren sein
in solcher Zuversicht.

6. Weicht, nichtige Gedanken hin,
wo ihr habt euren Lauf,
ich baue jetzt in meinem Sinn
Gott einen Tempel auf.

7. Drauf tu ich meine Augen zu
und schlafe fröhlich ein;
mein Gott wacht jetzt in meiner Ruh
wer wollt‘ noch traurig sein?

8. Soll diese Nacht die letzte sein
in diesem Jammertal,
so führ mich, Herr, in‘ Himmel ein
zur auserwählten Zahl.

9. Und also leb und sterb ich dir,
du Herre Zebaoth;
im Tod und Leben hilfst du mir
aus aller Angst und Not.

Text: Strophe 1: Adam Krieger 1667,
Strophen 2-7 und 9: Johann Friedrich Herzog 1692, Strophe 8: Leipzig 1693.
(Noten siehe „Gegangen ist das Sonnenlicht“)
Melodie: Adam Krieger 1667
Quelle: FGB Nr. 478

Hensel, Luise – Müde bin ich, geh‘ zur Ruh

1. Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘,
schließe beide Äuglein zu.
Vater, laß die Augen dein
über meinem Bette sein.

2. Hab ich Unrecht heut getan,
sieh‘ es, lieber Gott, nicht an!
Deine Gnad‘ und Jesu Blut
machen allen Schaden gut.

3. Alle, die mir sind verwandt,
Gott, laß ruhn in deiner Hand.
Alle Menschen groß und klein,
sollen dir befohlen sein.

4. Kranken Herzen sende Ruh,
nasse Augen schließe zu,
laß den Mond am Himmel steh’n
und die stille Welt beseh’n.

Text: Luise Hensel (1798–1876)
Melodie: Böhmische Brüder, Nürnberg 1544
Quelle: EGB Nr. 484

Berger, Johann Wilhelm – Mein Auge wacht

1. Mein Auge wacht
noch in der stillen Nacht;
drum ist mein Herz bedacht,
dich, Herr, zu loben.
Ach schenk es mir,
froh zu lobsingen dir
mit deinen Kindern hier
und Engeln droben!

2. Die stille Zeit
sei, Jesu, dir geweiht!
Nichts soll die Einsamkeit
mit dir entweihen.
Schließ selber du
mein Herz vor allem zu,
damit es sich in Ruh
mag in dir freuen.

3. Wie preis ich dich,
mein Jesu, dass du mich
aus Gnaden kräftiglich
zu dir gezogen!
Ach hätte doch
mit größrer Treue noch
sich deinem sanften Joch
mein Herz gebogen!

4. Es schmerzt mich tief,
daß, seit dein Geist mich rief,
ich dir noch erst entlief
durch Reiz der Sünden.
Mein treuer Hirt,
wie war ich oft verwirrt
und konnte, wie verirrt,
die Ruh nicht finden.

5. Doch deine Hand
war nicht von mir gewandt,
sie zog mich durch das Band
der Liebe wieder.
Dein Gnadenlicht
verließ den Sünder nicht,
dein holdes Angesicht
sah auf mich nieder.

6. Du riefst – ich kam,
gebeugt und voller Scham;
dein Vaterherze nahm
mich auf voll Liebe.
Da schmolz mein Herz
in reuevollem Schmerz;
du zogst es himmelwärts
im Liebestriebe.

7. O Gott voll Huld,
du trägst mich mit Geduld,
vergabst so oft die Schuld,
als ich dich flehte;
und dann sprachst du
mir wieder freundlich zu
und schenktest süße Ruh
mir im Gebete.

8. Herr, ich bin dein
und will es ewig sein;
ach zieh mich ganz hinein,
dass ich nicht wanke!
Wann kommt die Zeit,
dass ich dir ganz geweiht,
in heilgem Schmuck bereit,
als Sieger danke?

9. Doch deine Gnad,
die angefangen hat,
wird auch nach deinem Rat
das Werk vollenden.
Ich trau es dir.
Ach stärk den Glauben mir;
dann laß ich für und für
mich deinen Händen.

10. Mein einzig Gut,
in dem mein Sehnen ruht,
du machst mich wohlgemut
in deiner Liebe.
O fache dann
das Fünklein stärker an,
daß ich dich lieben kann
mit vollem Triebe!

11. Im Sturm der Welt
sei du mein heimlich Zelt,
der Anker, der mich hält,
wenn alles zaget.
In Not und Pein
nimm mich, o Liebe, ein;
so harr ich kindlich dein,
bis dass es taget.

12. Preis, Lob und Ehr
sei dir je mehr und mehr,
Jehova hoch und hehr,
in Jesu Namen,
im Staube hie,
oft unter Streit und Müh,
und einst in Harmonie
der Engel. Amen.

Text: Johann Wilhelm Berger (1747–1829)
Melodie: Nun schläfet man (1669)
Quelle; GB Württemberg 1912, Nr. 78

Grimmelshausen, Hans Christoffel v. – Komm Trost der Nacht, o Nachtigall

1. Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freudenschall
aufs lieblichste erklingen!
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
weil andre Vögel schlafen seyn,
und nicht mehr mögen singen;
Laß dein Stimmlein laut erschallen
denn vor allen kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

2. Obschon ist hin der Sonnenschein,
und wir im Finstern müssen seyn,
so können wir doch singen
von Gottes Güt und seiner Macht,
weil uns kann hindern keine Nacht,
sein Lob zu vollebringen.
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
denn vor allen kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

3. Die Sterne, so am Himmel stehn,
sich lassen zum Lob Gottes sehn,
und Ehre ihm beweisen;
die Eul‘ auch, die nicht singen kann,
zeigt doch mit ihrem Heulen an,
daß sie auch Gott tut preisen.
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
denn vor allen kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

4. Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die Fäulsten seyn,
und schlafend liegen bleiben,
Vielmehr bis daß die Morgenröth
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein laut erschallen
denn vor allen kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Text: Hans Christoffel von Grimmelshausen
Quelle: „Der abenteuerliche Simplizissimus Teutsch“, 1668