Gerhardt, Paul – Herr, dir trau ich all mein Tage

Gerhardt, Paul – Herr, dir trau ich all mein Tage

  1. HErr, dir trau ich all mein Tage,
    Laß mich nicht mit Schimpf bestehn.
    Wie ich von dir glaub und sage,
    Also laß mirs auch ergehn.
    Rette mich, laß deine Güte
    Mir erfrischen mein Gemüte,
    Neige deiner Ohren Treu
    Und vernimm mein Angstgeschrei!
  2. Sei mein Aufhalt, laß mich sitzen
    Bei dir, o mein starker Hort!
    Laß mich deinen Schutz beschützen
    Und erfülle mir dein Wort,
    Da du selbsten meinem Leben
    Dich zum Fels und Berg gegeben.
    Hilf mir aus des Heuchlers Band
    Und des Ungerechten Hand!
  3. Denn dich hab ich auserlesen
    Von der zarten Jugend an;
    Dein Arm ist mein Trost gewesen,
    HErr, so lang ich denken kann:
    Auf dich hab ich mich erwogen,
    Alsbald du mich der entzogen,
    Der ich, ehe Nacht und Tag
    Mich erblickt, im Liebe lag.
  4. Von dir ist mein Ruhm, mein Sagen,
    Dein erwähn ich immerzu:
    Viel, die spotten meiner Plagen,
    Höhnen, was ich red und tu.
    Aber du bist meine Stärke:
    Wann ich Angst und Trübsal merke,
    Lauf ich dich an. Gönne mir,
    Fröhlich stets zu sein in dir!
  5. Stoß mich nicht von deiner Seiten,
    Wenn mein hohes Alter kommt,
    Da die schwachen Tritte gleiten
    Und man Trost vom Strecken nimmt
    Aber du bist meine Stärke:
    Wann ich Angst und Trübsal merke,
    Lauf ich dich an. Gönne mir,
    Fröhlich stets zu sein in dir!
  6. Mach es nicht, wie mirs die gönnen,
    Die mein abgesagte Feind,
    Auch mir, wo sie immer können,
    Mit Gewalt zuwider seind;
    Sprechen: Auf, laßt uns ihn fassen,
    Sein GOtt hat ihn ganz verlassen,
    Jagd und schlagt ihn immerhin,
    Niemand schützt und rettet ihn!
  7. Ach, mein Helfer, sei nicht ferne,
    Komm und eile doch zu mir,
    Hilf mir, mein GOtt, bald und gerne,
    Zeuch mich aus der Not herfür,
    Daß sich meine Feinde schämen
    Und vor Hohn und Schande grämen,
    Ich hingegen lustig sei
    Über mir erwiesne Treu.
  8. Mein Herz soll dir allzeit bringen
    Deines Ruhms gebührlich Teil,
    Auch soll meine Zunge singen
    Täglich dein unzählig Heil.
    Ich bin stark, hereinzugehen,
    Unerschrocken dazustehen
    Durch des großen Herrschers Kraft,
    Der die Erd und alles schafft.
  9. HErr, ich preise deine Tugend,
    Wahrheit und Gerechtigkeit,
    Die mich schon in meiner Jugend
    Hoch ergetzet und erfreut;
    Hast mich als ein Kind ernähret,
    Deine Furcht dabei gelehret,
    Oftmals wunderlich bedeckt,
    Daß mein Feind mich nicht erschreckt.
  10. Fahre fort, o mein Erhalter,
    Fahre fort und laß mich nicht
    In dem hohen grauen Alter,
    Wenn mir Lebenskraft gebricht;
    Laß mein Leben in dir leben,
    Bis ich Unterricht gegeben
    Kindeskindern, daß dein Hand
    Ihnen gleichfalls sei bekannt.
  11. GOtt, du bist sehr hoch zu loben,
    Dir ist nirgend etwas gleich,
    Weder hier bei uns noch droben
    In dem Stern- und Engelreich.
    Dein Tun ist nicht auszusprechen,
    Deinen Rat kann niemand brechen,
    Alles liegt dir in dem Schoß,
    Und dein Werk ist alles groß.
  12. Du ergibst mich großen Nöten,
    Gibst auch wieder große Freud,
    Heute läßt du mich ertöten,
    Morgen ist die Lebenszeit,
    Da ermunterest du mich wieder
    Und erneuerst meine Glieder,
    Holst sie aus der Erdenkluft,
    Gibst dem Herzen wieder Luft.
  13. Such ich Trost und finde keinen?
    Balde werd ich wieder groß,
    Dein Trost trocknet mir mein Weinen,
    Das mir aus den Augen floß.
    Ich selbst werde wie ganz neue,
    Sing und klinge deine Treue,
    Meines Lebens einzges Ziel,
    Auf der Hort und Psalterspiel.
  14. Ich bin durch und durch entzündet,
    Fröhlich ist, was in mir ist,
    Alle mein Geblüt empfindet
    Dein Heil, das du selber bist.
    Ich steh im gewünschten Stande,
    Mein Feind ist voll Scham und Schande;
    Der mein Unglück hat gesucht,
    Leidet, was er mir geflucht.
Gerhardt, Paul – Herr, der du vormals hast dein Land

Gerhardt, Paul – Herr, der du vormals hast dein Land

  1. Herr, der du vormals hast dein Land
    mit Gnaden angeblicket
    und des gefangnen Volkes Band
    gelöst und es erquicket,
    der du die Sünd und Missetat,
    die es zuvor begangen hat,
    hast väterlich verziehen:
  2. Herr, der du deines Eifers Glut
    Zuvor oft abgewendet
    Und nach dem Zorn das süße Gut
    Der Lieb und Huld gesendet.
    Ach, frommes Herz, ach unser Heil,
    Nimm weg und heb auf in der Eil,
    Was uns betrübt und kränket!
  3. Lösch aus, Herr, deinen großen Grimm
    Im Brunnen deiner Gnaden,
    Erfreu und tröst uns wiederüm
    Nach ausgestandnem Schaden!
    Willst du denn zürnen ewiglich,
    Und sollen deine Fluten sich
    Ohn alles End ergießen?
  4. Willst du, o Vater, uns denn nicht
    nun einmal wieder laben?
    Und sollen wir an deinem Licht
    nicht wieder Freude haben?
    Ach gieß aus deines Himmels Haus,
    Herr, deine Güt und Segen aus
    auf uns und unsre Häuser.
  5. Ach, daß ich hören sollt das Wort
    erschallen bald auf Erden,
    daß Friede sollt an allem Ort,
    wo Christen wohnen, werden!
    Ach daß uns doch Gott sagte zu
    des Krieges Schluß, der Waffen Ruh
    und alles Unglücks Ende!
  6. Ach daß doch diese böse Zeit
    bald wiche guten Tagen,
    damit wir in dem großen Leid
    nicht möchten ganz verzagen.
    Doch ist ja Gottes Hilfe nah,
    und seine Gnade stehet da
    all denen, die ihn fürchten.
  7. Wenn wir nur fromm sind, wird sich Gott
    schon wieder zu uns wenden,
    den Krieg und alle andre Not
    nach Wunsch und also enden,
    daß seine Ehr in unserm Land
    und allenthalben werd erkannt,
    ja stetig bei uns wohne.
  8. Die Güt und Treue werden schön
    einander grüßen müssen;
    Gerechtigkeit wird einhergehn,
    und Friede wird sie küssen;
    die Treue wird mit Lust und Freud
    auf Erden blühn, Gerechtigkeit
    wird von dem Himmel schauen.
  9. Der Herr wird uns viel Gutes tun,
    das Land wird Früchte geben,
    und die in seinem Schoße ruhn,
    die werden davon leben;
    Gerechtigkeit wird dennoch stehn
    und stets in vollem Schwange gehn
    zur Ehre seines Namens.
Gerhardt, Paul – Herr, aller Weisheit Quell und Grund

Gerhardt, Paul – Herr, aller Weisheit Quell und Grund

  1. HErr, aller Weisheit Quell und Grund,
    dir ist mein Vermögen kund,
    Wo du nicht hilfst und deine Gunst,
    ist all mein Tun und Werk umsunst.
  2. Ich leider als ein Sündenkind
    bin von Natur zum Guten blind,
    Mein Herze, wann dirs dienen soll,
    ist ungeschickt und Torheit voll.
  3. Ja, HErr, ich bin gar viel zu schlecht,
    zu handeln dein Gesetz und Recht,
    Was meinem Nächsten nütz im Land,
    ist mir verdeckt und unbekannt.
  4. Mein Leben ist sehr kurz und schwach,
    ein Lüftlein, das bald lasset nach ;
    Was in der Welt zu prangen pflegt,
    das ist mir wenig beigelegt.
  5. Wann ich auch gleich vollkommen wär,
    hätt aller Gaben Ruhm und Ehr
    Und sollt entraten deines Lichts,
    so wär ich doch ein lauter Nichts.
  6. Was hilfts, wann einer gleich viel Weiß,
    und hat zuvörderst nicht mit Fleiß
    Gelernet deine Furcht und Dienst,
    Der hat mehr Schaden als Gewinnst.
  7. Das Wissen, das ein Mensche führt,
    wird leichtlich ihm selbst verirrt;
    Wann unsre Kunst am meisten kann,
    so stößt sie aller Enden an.
  8. Wie mancher stürzet seine Seel
    durch Klugheit, wie Ahitophel,
    Und nimmt, weil er dich nicht recht kennt,
    durch seinen Witz ein schlechtes End!
  9. O GOtt, mein Vater, kehre dich
    zu meiner Bitt und höre mich:
    Nimm solche Torheit von mir hin
    und gib mir einen bessern Sinn!
  10. Gib mir die Weisheit, die du liebst
    und denen, die dich lieben, gibst,
    Die Weisheit, die vor deinem Thron
    allstets erscheint in ihrer Kron.
  11. Ich lieb ihr liebes Angesicht,
    sie ist meins Herzensfreud und -Licht,
    Sie ist der hellen Sonnen gleich,
    an Tugend und an Gabenreich.

12 Sie ist hochedel, auserkorn,
von dir, o Höchster, selbst geborn,
Sie ist der hellen Sonnen gleich,
an Tugend und an Gaben reich.

  1. Ihr Mund ist süß und tröstet schön,
    wenn uns die Augen übergehn;
    Wenn uns Kummer niederdrückt,
    So ist lies, die das Herz erquickt.
  2. Sie ist voll Ehr und Herrlichkeit,
    bewehrt vorm Tod und großem Leid,
    Wer fleißig um sie kämpft und wirbt,
    der bleibet lebend, wenn er stirbt.
  3. Sie ist des Schöpfers nächster Rat,
    von Worten mächtig und von Tat;
    Durch sie erfährt die blinde Welt,
    der bleibet lebend, wenn er sterbt.
  4. Denn welcher Mensch weiß Gottes Rat?
    Wer ists, der je erfunden hat
    den Schluß, den er im Himmel schleußt,
    den Weg, den er uns laufen heißt?
  5. Die Seele wohnet in der Erd
    und wird durch ihre Last beschwert,
    Die Sinnen, hin und her zerstreut,
    sind ja von Irrtum nicht befreit.
  6. Wer will erforschen, was GOtt setzt,
    und sagen, `Was sein Herz ergetzt?´
    Es sei denn, der du ewig lebst,
    Daß du uns deine Weisheit gebst.
  7. Drum sende sie von deinem Thron
    und gib sie deinem Kind und Sohn!
    Ach, schütt und geuß sie reichlich aus
    in meines Herzens armes Haus!
  8. Befiehl ihr, daß sie mit mir sei
    und, wo ich gehe, stehe bei;
    Bin ich in Arbeit, helfe sie
    Mir tragen meine schwere Müh!
  9. Gib mir durch ihre weise Hand
    die recht Erkenntnis und Verstand,
    Daß ich an dir alleine Kleb
    und nur nach deinem Willen leb!
  10. Gib mir durch sie Geschicklichkeit,
    zur Wahrheit laß mich sein bereit,
    Daß ich nicht mach aus sauer Fuß,
    noch aus dem Lichte Finsternis!
  11. Gib Lieb und Luft zu deinem Wort,
    hilf, daß ich bleib an meinem Ort
    Und mich zur frommen Schar gesell,
    in ihrem Rat mein Wesen stell!
  12. Gib auch, daß ich gern jedermann
    mit Rat und Tat, so gut ich kann,
    Aus rechter unverfälschter Treu
    zu helfen allzeit willig sei!
  13. Auf daß in allem, was ich tu,
    in deiner Lieb ich nehme zu;
    Denn wer sich nicht der Weisheit gibt,
    der bleibt von dir auch ungeliebt.
Gerhardt, Paul – Ich danke dir mit Freuden

Gerhardt, Paul – Ich danke dir mit Freuden

  1. Ich danke dir mit Freuden,
    Mein König und mein Heil,
    Daß du manch schweres Leiden,
    So mir zu meinem Teil
    Oft häufig zugedrungen,
    Durch deine Wunderhand
    Gewaltig hast bezwungen
    Und von mir abgewandt.
  2. Du hast in harten Zeiten
    Mir diese Gnad erteilt,
    Daß meiner Feinde Streiten
    Mein Leben nicht erteilt,
    Wenn sie an hohen Orten
    Mich, der ichs nicht gedacht,
    Mit bösen falschen Worten
    Sehr übel angebracht.
  3. Wenn sie wie wilde Leuen
    Die Zungen ausgestreckt
    Und mich mit ihrem Schreien
    Bis auf den Tod erschreckt,
    So hat denn dein Erbarmen,
    Das alles lindern kann,
    Gewaltet und mir Armen
    Den treusten Dienst getan.
  4. Sie haben oft zusammen
    Sich wider mich gelegt
    Und wie die Feuerflammen
    Gefahr und Brand erregt:
    Da hab ich denn gesessen
    Und Blut vor Angst geschwitzt,
    Als ob du mein vergessen,
    Und hast mich doch geschützt.
  5. Du hast mich aus dem Brande
    Und aus dem Feur gerückt,
    Und wenn der Höllen Bande
    Mich um und um bestrickt,
    So hast du auf mein Bitten
    Dich, Herr, zu mir gesellt
    Und aus des Unglücks Mitten
    Mich frei ins Feld gestellt.
  6. Den Kläffer, der mit Lügen
    Gleich als mit Waffen kämpft
    Und nichts kann als betrügen,
    Den hast du oft gedämpft;
    Wenn er, gleich einem Drachen,
    Das Maul hoch aufgezerrt,
    So hast du ihm den Rachen
    Durch deine Kraft gesperrt.
  7. Ich war nah am Verderben,
    Du nahmst mich in den Schoß;
    Es kam mit mir zum Sterben,
    Du aber sprachst mich los
    Und hieltest mich beim Leben
    Und gabst mir Rat und Tat,
    Die sanft kein Mensch zu geben
    In seinen Mächten hat.
  8. Es war in allen Landen,
    So weit die Wolken gehn,
    Kein einzger Freund vorhanden,
    Der bei mir wollte stehn:
    Da dacht ich an die Güte,
    Die du, Herr, täglich tust,
    Und hub Herz und Gemüte
    Zur Höhe, da du ruhst.
  9. Ich rief mit vollem Munde,
    Du nahmest alles an
    Uns halfst recht aus dem Grunde
    So, daß ichs nimmer kann
    Nach Würden gnugsam loben:
    Doch will ich Tag und Nacht
    Dich in dem Himmel droben
    Zu preisen sein bedacht.
Gerhardt, Paul – Ich singe dir mit Herz und Mund

Gerhardt, Paul – Ich singe dir mit Herz und Mund

Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewußt.

Ich weiß, daß du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.

Was sind wir doch? Was haben wir
auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben werd?

Wer hat das schöne Himmelszelt
hoch über uns gesetzt?
Wer ist es, der uns unser Feld
mit Tau und Regen netzt?

Wer wärmet uns in Kält und Frost
wer schützt uns vor dem Wind?
Wer macht es, daß man Öl und Most
zu seinen Zeiten findt?

Wer gibt uns Leben und Geblüt?
Wer hält mit seiner Hand
den güldnen, werten, edlen Fried
in unserm Vaterland?

Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir!
Du, du mußt alles tun,
du hältst die Wacht an unsrer Tür
und läßt uns sicher ruhn.

Du nährest uns von Jahr zu Jahr,
bleibst immer fromm und treu
und stehst uns, wenn wir in Gefahr
geraten, treulich bei.

Du strafst uns Sünder mit Geduld
und schlägst nicht allzusehr;
ja, endlich nimmst du unsre Schuld
und wirfst sie in das Meer.

Wann unser Herze seufzt und schreit,
wirst du gar leicht erweicht,
und gibst uns, was uns hoch erfreut
und dir zu Ehren reicht.

Du zählst, wie oft ein Christe wein
und was sein Kummer sei;
kein Zähr- und Tränlein ist so klein,
du hebst und legst es bei.

Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.

Wohlauf, mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.

Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil,
dein Glanz und Freudenlicht,
dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil,
schafft Rat und läßt dich nicht.

Was kränkst du dich in deinem Sinn
und grämst dich Tag und Nacht?
Nimm deine Sorg und wirf sie hin
auf den, der dich gemacht.

Hat er dich nicht von Jugend auf
versorget und ernährt?
Wie manchen schweren Unglückslauf
hat er zurückgekehrt?

Er hat noch niemals was versehn
in seinem Regiment;
Nein, was er tut und läßt geschehn,
das nimmt ein gutes End.

Ei nun, so laß ihn ferner tun
und red ihm nicht darein,
so wirst du hier in Frieden ruhn
und ewig fröhlich sein.

Gerhardt, Paul – Ich bin ein Gast auf Erden

Gerhardt, Paul – Ich bin ein Gast auf Erden

  1. Ich bin ein Gast auf Erden
    Und hab’ hier keinen Stand;
    Der Himmel soll mir werden,
    Da ist mein Vaterland.
    Hier reis’ ich aus und abe;
    Dort in der ew’gen Ruh’
    Ist Gottes Gnadengabe,
    Die schleusst all’ Arbeit zu.
  2. Was ist mein ganzes Wesen
    Von meiner Jugend an
    Als Müh’ und Not gewesen?
    Solang ich denken kann,
    Hab’ ich so manchen Morgen,
    So manche liebe Nacht
    Mit Kummer und mit Sorgen
    Des Herzens zugebracht.
  3. Mich hat auf meinen Wegen,
    Manch harter Sturm erschreckt,
    Blitz, Donner, Wind und Regen
    Hat mir manch Angst erweckt,
    Verfolgung, Haß und Neiden,
    Ob ichs gleich nicht verschuldt,
    Hab ich doch müssen leiden
    Und tragen mit Geduld.
  4. So ging’s den lieben Alten,
    An deren Fuß und Pfad
    Wir uns noch täglich halten,
    Wenn’s fehlt an gutem Rat.
    Wie musste sich doch schmiegen
    Der Vater Abraham,
    Bevor ihm sein Vergnügen
    Und rechte Wohnstatt kam!
  5. Wie manche schwere Bürde
    Trug Isaak, sein Sohn!
    Und Jakob, dessen Würde
    Stieg bis zum Himmelsthron,
    Wie musste der sich plagen!
    In was für Weh und Schmerz,
    In was für Furcht und Zagen
    Sank oft sein armes Herz!
  6. Die frommen heilgen Seelen,
    Die gingen fort und fort
    Und änderten mit Quälen
    Den erstbewohnten Ort;
    Sie zogen hin und wieder,
    Ihr Kreuz war immer groß,
    Bis daß der Tod sie nieder
    Legt in des Grabes Schoß.
  7. Ich habe mich ergeben
    In gleiches Glück und Leid:
    Was will ich besser leben
    Als solche großen Leut?
    Es muß ja durchgedrungen,
    Es muß gelitten sein;
    Wer nicht hat wohlgerungen,
    Geht nicht zur Freud hinein.
  8. So will ich zwar nun treiben
    Mein Leben durch die Welt,
    Doch denk’ ich nicht zu bleiben
    In diesem fremden Zelt.
    Ich wandre meine Straßen,
    Die zu der Heimat führt,
    Da mich ohn’ alle Maßen
    Mein Vater trösten wird.
  9. Mein Heimat ist dort droben,
    Da aller Engel Schar
    Den großen Herrscher loben,
    Der alles ganz und gar
    In seinen Händen träget
    Und für und für erhält,
    Auch alles hebt und leget,
    Nach dems ihm wohl gefällt.
  10. Zu dem steht mein Verlangen,
    Da wollt ich gerne hin;
    Die Welt bin ich durchgangen,
    Daß ichs fast müde bin.
    Je länger ich hier walle,
    Je wen’ger find ich Lust,
    Die meinem Geist gefalle;
    Das meist ist Stank und Wust.
  11. Die Herberg’ ist zu böse,
    Der Trübsal ist zu viel.
    Ach komm, mein Gott, und löse
    Mein Herz, wenn dein Herz will!
    Komm, mach ein sel’ges Ende
    An meiner Wanderschaft,
    Und was mich kränkt, das wende
    Durch deinen Arm und Kraft!
  12. Wo ich bisher gesessen,
    Ist nicht mein rechtes Haus;
    Wann mein Ziel ausgemessen,
    So tret ich dann hinaus,
    Und was ich hier gebrauchet,
    Das leg ich alles ab;
    Und wenn ich ausgehauchet,
    So scharrt man mich ins Grab.
  13. Du aber, meine Freude,
    Du meines Lebens Licht,
    Du zeuchst mich, wenn ich scheide,
    Hin vor dein Angesicht,
    Ins Haus der ewgen Wonne,
    Da ich stets freudenvoll
    Gleich als die helle Sonne
    Nebst andern leuchten soll.
  14. Da will ich immer wohnen,
    Und nicht nur als ein Gast,
    Bei denen, die mit Kronen
    Du ausgeschmücket hast.
    Da will ich herrlich singen
    Von deinem grossen Tun
    Und frei von schnöden Dingen
    In meinem Erbteil ruhn.
Gerhardt, Paul – Kommt, ihr traurigen Gemüter

Gerhardt, Paul – Kommt, ihr traurigen Gemüter

  1. Kommet, ihr traurigen Gemüter,
    Kommt, wir wollen wiederkehren
    Zu dem Herren, dessen Güter
    Kein Verderben kann verzehrn;
    Dessen Macht kein Unglück fällt,
    Dessen Gnade wieder stellt,
    Was sein Eifer umgestürzet:
    Seine Gnad bleibt unverkürzet.
  2. Zwar hat er uns ja zerrissen
    Mit ergrimmten Angesicht
    Und uns, da er uns geschmissen,
    Sehr erbärmlich zugericht´t.
    Doch deswegen unversagt!
    Eben der uns schlägt und plagt,
    Wird die Wunden unsrer Sünden
    Wieder heilen und verbinden.
  3. Alle Not, die uns umfangen,
    Springt vor seinem Arm entzwei;
    Wenn zwei Tage sind vergangen,
    Macht er uns vom Tods frei,
    Daß wir, wenn des dritten Licht
    Durch des Himmels Fenster bricht,
    Fröhlich auf erneuter Erden
    Vor ihm stehn und leben werden.
  4. Alsdann wird man acht drauf haben
    Und mit großem Fleiße sehn,
    Was für Wundergnad und Gaben
    Uns von obenher geschehn.
    Da wird dieses nur allein
    Unsres Herzens Sorge sein,
    Daß wir uns nennen,
    Mögen recht und wohl erkennen.
  5. Denn er wird sich zu uns machen
    Wie die schöne Morgenröt,
    Über welche Lust und Lachen
    Bei der ganzen Welt entsteht.
    Er wird kommen uns zur Freud
    Eben zu der rechten Zeit,
    Voller süßen Kraft und Segen,
    Wie die früh und spaten Regen.
  6. Ach, wie will ich dich ergehen,
    O mein hochgeliebtes Volk!
    Meine Gnade soll dich netzen
    Wie ein ausgespannte Wolk,
    Eine Wolke, die das Feld,
    Wann der Morgen weckt die Welt
    Und die Sonne noch nicht leuchtet,
    Mit dem frischen Tau beleuchtet.
Gerhardt, Paul – Johannes sahe durch Gesicht

Gerhardt, Paul – Johannes sahe durch Gesicht

  1. Johannes sahe durch Gesicht
    Ein edles Licht
    Und liebliches Gemälde:
    Er sah ein Haufen Völker stehen,
    Sehr hell und schön,
    Im güldnen Himmelsfelde.
    Ihr Herz und Mut
    Schwebt in dem Gut,
    Das hier kein Mann
    Bezahlen kann
    Mit allem Gut und Gelde.
  2. Sie trugen Palmen in der Hand;
    Ihr Ort und Stand
    War vor des Lammes Throne,
    Ihr Mund war voller Lob und Preis,
    Sie Kleider weiß,
    Ihr Leid, im höhren Tone,
    Klang süß und sang
    Des Höchsten Dank,
    Und dieser Stimm
    Half üm und üm
    Der Engel heilge Krone.
  3. Wer, sprach Johannes, sind doch die,
    Die ich allhier
    In weißem Schmuck seh halten?
    Es sind, antwortet aus der Schar,
    Die um ihn war,
    Der eine von den Alten:
    Es sind, mein Sohn,
    Dich sich den Hohn
    Und Spott der Welt
    Von Gottes Zelt
    Nicht lassen abehalten.
  4. Es sind die, so vor dieser Zeit
    In großem Leid
    Auf Erden sich befunden,
    Die bei des Herren Jesu Ehr
    Und seiner Lehr
    All Angst und Trübsalswunden,
    Zwar ohne Schuld,
    Doch mit Geduld,
    Durch Gott gekühlt,
    Recht wohl gefühlt
    Und fröhlich überwunden.
  5. Dieselben haben all ihr Kleid,
    Als treue Leute,
    Im Glaubensbad erkläret,
    Sie haben sich der Höllen List,
    So viel der ist,
    Mit starkem Mut erwehret
    Und nicht geacht
    Der Erden Pracht,
    Des Lammes Blut
    Zu ihrem Gut
    Erwählet und begehret.
  6. Darum so stehen sie auch nun
    Und all ihr Tun
    Wo Gottes Tempel stehet;
    Der Tempel, da man Tag und Nacht
    Dem Höchsten wacht
    Und seinen Ruhm erhöhet;
    Da leben sie
    Ohn alle Müh,
    Ohn alle Qual
    Im Freudensaal,
    Der nimmermehr vergehet.
  7. Daselbst sitzt Gott in seinem Haus
    Und breit aus
    Die Hütte seiner Güte
    Und deckt mit sanfter Wollust zu
    In stiller Ruh
    Manch trauriges Gemüte.
    Was Freude gibt,
    Dem Herzen liebt,
    Die Augen füllt,
    Das Sehnen stillt,
    Steht da in voller Blüte.
  8. Da ist kein Durst, kein Hungersnot,
    Das Himmelsbrot
    Läßt keinen Mangel leiden,
    Zu heiß und sehr,
    Ihr Glanz bringt lauter Freuden.
    Die Himmelssonn
    Und Herzenswonn
    Ist unser Hirt,
    Der große Wirt
    Und Herr der ewgen Weiden.
  9. Das Lamm wird weiden seine Herd,
    Als sies begehrt,
    Auf Auen, die schön prangen;
    Es wird sie leiten zu dem Quell,
    Der frisch und hell,
    Das Heil draus zu erlangen;
    Und wird gewiß
    Nicht ruhen, bis
    Er uns erfrischt
    Und abgewischt
    Die Tränen unsrer Wangen.
Gerhardt, Paul – Merkt auf, merkt, Himmel, Erde

Gerhardt, Paul – Merkt auf, merkt, Himmel, Erde

  1. Merkt auf, merkt, Himmel, Erde,
    Und du, o Meeresgrund,
    Was ich jetzt singen werde
    Aus Gottes heilgem Mund!
    Es fließe meine Lehre,
    Wie Tau und Regen fleußt;
    Wer Ohren hat, der höre
    Des Höchsten Wort und Geist.
  2. Es läßt der Herr euch weisen
    Sein Ehr und Namenszier;
    Die soll und will ich preisen,
    Das tut auch ihr mit mir.
    Er ist ein Gott der Götter,
    Ein Tröster in der Not,
    Ein Fels, ein einzger Retter
    Und selbst des Todes Tod.
  3. Sein Tun ist lauter Güte,
    Sein Werk ist rein und klar,
    Treu ist er am Gemüte,
    Im Wort und Reden wahr,
    Viel heiliger als die Engel,
    Die doch nur recht getan,
    Frei aller Fehl und Mängel,
    Fern von Unrechtsbahn.
  4. Er ist gerecht. Wir alle
    Sind schändlich angesteckt
    Mit Adams Sünd und Falle,
    Der täglich in uns heckt
    Viel böse schwere Taten,
    Die unserm großen Gott,
    Des kein Mensch kann entraten,
    Geraten nur zum Spott.
  5. Die ungeratnen Kinder,
    Die fallen von ihm ab
    Und werden freche Sünder,
    Vergessen aller Gab
    Und so viel tausend Güter
    Und so viel süßer Gnad,
    Die Ihnen Gott, ihr Hüter,
    So oft erwiesen hat.
  6. Dankst du denn solchermaßen,
    Du toll und töricht Volk,
    Dem, der dir regnen lassen
    Dein Manna aus der Volk
    Und aus des Himmels Kammer
    Dir Speisen zugeschickt,
    Damit in deinem Jammer
    Dein Herze würd erquickt?
  7. Woher hast du dein Leben
    Und deines Liebes Bild?
    Wer hat das Blut gegeben,
    Das dir die Adern füllt?
    Ists nicht dein Herr, dein Schöpfer,
    Dein Vater und dein Licht,
    Der dich, gleich als ein Töpfer,
    Von Erde zugericht?
  8. Gedenk und geh zurücke
    In die vergangnen Jahr;
    Erwäge, was für Glücke
    Gott deiner Väter Schar
    Erzeigt in schweren Zeiten!
    Das ist den Alten kund,
    Die werden dir andeuten
    Den rechten wahren Grund.
  9. Er stieß die wilden Heiden
    Mit seiner starken Hand
    Aus ihrer fetten Weiden
    Und gab das schöne Land
    Des Israels Geschlechte
    Zu seines Namens Ruhm
    Und Jacob, seinem Knechte,
    Zum Erb und Eigentum.
  10. Er fand ihn, wo es heulet,
    In dürrer Wüstenei,
    Er fand ihn und erteilet
    Ihm alle Vatertreu;
    Er lehret ihn, was tauge
    Und er selbst Tugend heiß,
    Er hielt ihn wie ein Auge
    Und sparte keinen Fleiß.
  11. Gleichwie ein Adler sitze
    Auf seiner zarten Brut
    Und gar genau beschützet,
    Was ihm am Herzen ruht;
    Er dehnt die starken Flügel,
    Wenn er sich hoch erschwingt
    Und über Tal und Hügel
    Sein edle Jungen bringt
  12. So hat sich auch gebreitet
    Des Höchsten Lieb und Gnad
    Auf Jakob, den er leitet,
    Auf daß ihm ja kein Schad
    Hier oder da anstieße:
    Er hub, er trug mit Fleiß,
    Bewahrt ihm Gang und Füße
    Auf seiner ganzen Reif.
  13. Er, sein Gott, tats alleine
    Und sonst kein anderer Gott;
    Es gaben Feld und Steine
    Öl, Honig, Wasser, Brot
    Ohn alle seine Mühe;
    Er hatte guten Mut
    Beim Fett der Schaf und Kühe
    Und trank gut Traubenblut.
  14. Da er nun wohl gegessen,
    Vergaß er Gottes Heil,
    Und da er des vergessen,
    Da wird er frech und geil;
    Da seine Not gestillet,
    Beschimpft er Gottes Ehr,
    Und da der Lieb gefüllet,
    Da wird das Herze leer.
  15. Leer wird es an dem Guten,
    Des Bösen wird es voll,
    Ließ Götzenopfer bluten
    Und dient, als wär er toll,
    Des schändlichen Feldteufeln:
    Und den, an dessen Macht
    Die Teufel selbst nicht zweifeln,
    Den ließ er aus der Acht.
  16. Er ließ den ewgen Retter
    Und gab sich in den Schirm
    Der neuerdachten Götter,
    Hielt Bestien und Gewürm
    Und Bilder von Metallen,
    Von Holz, von Stein und Ton,
    Den Heiden zu gefallen,
    Für seiner Seelen Kron.
  17. Als das nun der erkannte,
    Der Herz und Nieren kennt,
    Da wuchs sein Zorn und brannte,
    Gleichwie ein Feuer brennt:
    Und die er vor so schöne
    Geliebt an seinem Teil
    Als Töchter und als Söhne,
    Die wurden ihm ein Greul.
  18. Ich will mich, sprach er, wenden
    Von dieser schnöden Art,
    Die so abscheulich schänden
    Mich, der ich nichts gespart
    An meiner Treu und Güte:
    Ich habe recht geliebt,
    Dafür wird mein Gemüte
    Gekränket und betrübt.
  19. Sie reizen mich mit Sünden:
    Was gilt, es soll einmal
    Sich wieder etwas finden
    Zu ihrem Zorn und Qual!
    Es werden Völker kommen,
    Die blind sind als ein Stein:
    Sie sollen meine Frommen
    Und liebten Kinder sein.
  20. Mein Feuer ist entstanden
    Und brennet lichterloh
    In meines Volkes Landen,
    Die sind ihm wie das Stroh.
    Es wird weit um sich greifen
    Bis zu der Höllengrund
    Und alle Frucht abstreiten,
    Die auf der Erdenrund.
  21. Ich will mit meinen Pfeilen
    Sie treiben in den Tod:
    Es soll sie übereilen
    Schwert, Pest und Hungersnot.
    Ich will viel Tiere schicken
    Und strenges Schlangengift,
    Das soll zermartern, drücken
    Und fressen, wen es trifft.
  22. Ich will sie recht belohnen,
    Mein Zorn soll gleich ergehn,
    Auch derer nicht verschonen,
    Die jung, gerad und schön;
    Ich will sie all zerstäuben
    Und fragen hier und dort:
    Wo ist dann nun ihr Bleiben?
    Welch ist ihr Sitz und Ort?
  23. Doch muß ich gleichwohl scheuen
    Den ungereimten Wahn
    Der Feinde, die sich freuen,
    Als hätten sies getan.
    Sie bleiben wie die Narren
    Bei ihrem Gaukelspiel
    Und ziehn am Torheitkarren,
    Ich tu auch, was ich will.
  24. O, daß mein Volk verstünde
    Das edle schöne Gut,
    Das, wenns nun seine Sünde
    Bereut und Buße tut,
    Ihm nachmals wird beginnen!
    Denn was ich wieder segnen,
    Sobald es Gnade sucht.
  25. Mein Volk kommt aus Weinen,
    Sein Feind kommt aus der Ruh,
    Ihr tausend flieht vor einem,
    Wie geht das immer zu?
    Ihr Herr, ihr Fels und Leben,
    Ist weg aus ihrem Zeit,
    Er hat sie übergeben
    Zur Flucht ins freie Feld.
  26. Seid froh, ihr treuen Knechte
    Des Gottes Israel,
    Des Arm und starke Rechte
    Euch schützt an Leib und Seel,
    Habt fröhliches Vertrauen
    Und Glauben, der da siegt:
    So wird Gott wieder bauen,
    Was jetzt darniederliegt.
  27. Er wird am Feinde rächen,
    Was uns zuviel geschehn,
    Uns wird er Trost zusprechen,
    Uns wieder lassen sehn
    Die Sonne seiner Gnaden:
    Die wird in kurzer Zeit
    Des Landes Klag und Schaden
    Verkehrn in Glück und Freud.
Gerhardt, Paul – Mein Gott, ich habe mir

Gerhardt, Paul – Mein Gott, ich habe mir

  1. Mein Gott, ich habe mir
    Gar fest gesetzet für,
    Ich will mich fleißig hüten,
    Wenn meine Feinde wüten,
    Daß, wenn ich ja was spreche,
    Ich dein Gesetz nicht breche.
  2. Wenn mein Geblüt entbrennet,
    So hab ich mich gewöhnt,
    Vor deinen Stuhl zu treten,
    Laß Herz und Zunge beten;
    Herr, zeige deinem Knechte,
    Zu tun nach deinem Rechte.
  3. Herr, lehre mich doch wohl
    Bedenken, daß ich soll
    Einmal von dieser Erden
    Hinweg geraffet werden,
    Und daß mir deine Hände
    Gesetzet Zeit und Ende.
  4. Die Tage meiner Zeit
    Sind eine Hand nur breit,
    Und wenn man dies mein Bleiben
    Soll recht und wohl beschreiben,
    So ists ein Nichts und bleibet
    Ein Stäublein, das zerstäubet.
  5. Ach, wie so gar nichts wert
    Sind Menschen auf der Erd,
    Die doch so sicher leben
    Und gar nicht Acht drauf geben,
    Daß all ihr Tun und Glücke
    Verschwind im Augenblicke.
  6. sie gehen in der Welt
    Und suchen Gut und Geld,
    Der Schatten einen Schemen!
    Und können nichts mitnehmen,
    Wann nach der Menschen Weise
    Sie tun des Todes Reise.
  7. Sie schlafen ohne Ruh,
    Arbeiten immerzu,
    sind Tag und Nacht geflissen,
    Und können doch nicht wissen,
    Wer, wenn sie niederliegen,
    Ihr Erbe werde kriegen.
  8. Nun, Herr, wo soll ich hin?
    Wer tröstet meinen Sinn?
    Ich komm an deine Pforten,
    Der du mit Werk und Warten
    Erfreuest, die dich scheuen
    Und dein allein sich freuen.
  9. Wann sich mein Feind erregt
    Und mir viel Dampfs anlegt,
    So will ich stille schweigen,
    Mein Herz zur Ruhe neigen:
    Du Richter aller Sachen,
    Du kannst und wirsts wohl machen.
  10. Wenn du dein Hand ausstreckst,
    Des Menschen Herz erschreckst,
    Wenn du die Sünd heimsuchest,
    Den Sünder schiltst und fluchest:
    So geht in einer Stunde
    All Herrlichkeit zugrunde.
  11. Der schönen Jugend Kranz,
    Der roten Wangen Glanz
    Wird wie ein Kleid verzehret,
    So hier der Matten nähret.
    Ach, wie gar nichts im Leben
    Sind die auf Erden schweben!
  12. Du aber, du mein Hort,
    Du bleibet fort und fort
    Mein Helfer, sieht mein Sehnen,
    Mein Angst und heiße Tränen,
    Erhöret meine Bitte,
    Wenn ich mein Herz ausschütte.
  13. Drum ruhet mein Gemüt
    Allein auf deiner Güt;
    Ich laß dein Herze sorgen,
    Als deme nicht verborgen,
    Wie Meiner Feinde Tücke
    Du treiben sollst zurücke.
  14. Ich bin dein Knecht und Kind,
    Dein Erb und Hausgesind,
    Dein Pilgrim und dein Bürger,
    Der, wenn der Menschenwürger
    Mein Leben mir genommen,
    Zu dir gewiß wird kommen.
  15. Zur Weit muß ich hinaus,
    Der Himmel ist mein Haus,
    Da in den Engelscharen
    Mein Eltern und Vorfahren,
    Auch Schwestern, Freund und Brüder
    Jetzt singen ihre Lieder.
  16. Hie ist nur Qual und Pein,
    Dort, dort wird Freude sein!
    Dahin, wenn es dein Wille,
    Ich fröhlich, sanft und stille
    Aus diesen Jammerjahren
    Zur Ruhe will abfahren.