Gryphius, Andreas – Dies irae

Gryphius, Andreas – Dies irae

 

Zorntag! Tag, der, was wir ehren,
Wird durch schnelle Glut zerstören,
Wie Sibyll und Petrus lehren.

Ach, welch Schrecken, welch Bewegen!
Wenn Gott selbst wird Richtbank hegen,
Und scharf Alle überlegen.

Die Posaun‘ wird Wunder klingen,
Durch Gruft, Grab und Marmel dringen,
Alle vor den Höchsten zwingen.

Die Vernunft, der Tod erschütteert,
Indem das Geschöpf sich wittert,
Und vor Christi Richtstuhl zittert.

Schau! das Buch wird aufgeschlagen,
In das Alles eingetragen,
Warum Welt und Fleisch zu fragen!

Wenn das Urtheil nun entdecket,
Wird man seh’n, was jetzt verstecket,
Hier verliert, was je beflecket.

Armer! ach, was werd‘ ich sagen?
Wen um Schutz und Beistand fragen,
Wenn Gerecht‘ auch selber zagen?

Fürst, um den viel Tausend wachen,
Der umsonst will selig machen,
Reiss mich aus der Höllen Rachen!

Süsser Jesu, nimm zu Herzen,
Dass du vor mich gingst in Schmerzen,
Lass mich nicht mein Heil verscherzen.

Du hast mich durch Kreuz und Wunden,
Müd‘ und seufzend, kaum gefunden;
Ist die Müh‘ in Nichts verschwunden?

Ernster Gott, ach Herr! entschlage
Mich der Bürden, die ich trage,
Ehe mich dein Grimm betage!

Ich erseufz‘, ich bin verklaget!
Ich erröth‘, ich steh‘ verzaget!
Herr, um den du dich gewaget.

Der Marien Gnad‘ ankündet,
Der des Schächers Band entbindet,
Hat mein Hoffen auch entzündet.

Viel zu schlecht ist meine Bitte,
Gütigster, hilf mir aus Güte!
Vor der Höllen Glut behüte!

Mit den Schafen mich erhöhe,
Dass ich von den Böcken gehe,
Und an deiner Rechten stehe!

Rufe, wenn von dir vertrieben,
Die der Höllen zugeschrieben,
Mich mit denen, die dich lieben!

Dass ich mich zu dir erhebe,
Bei den Auserwählten schwebe,
Und in Ewigkeit dir lebe!

Knieend heb‘ ich auf die Hände!
Mein Herz ist wie Asch‘ und Brände,
Jesu, sorge vor mein Ende!

Thränentag, vol Angst und Krachen!
In dem aus dem Staub erwachen
Soll ein Mensch, den Gott wird richten,
Jesu, hilf das Urtheil schlichten!

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