Gerhardt, Paul – Die Zeit ist nunmehr da

Gerhardt, Paul – Die Zeit ist nunmehr da

Die Zeit ist nunmehr nah‘,
Herr Jesu! du bist da.
Die Zeichen, die den Leuten
Dein‘ Ankunft sollen deuten,
Die sind, wie wir gesehen,
In großer Zahl geschehen.

Was soll ich denn nun thun?
Ich soll auf dem beruhn,
Was du mir hast verheißen:
Daß du mich wollest reißen
Aus meines Grabes Kammer
Und allem andern Jammer.

Ach, Jesu! wie so schön
Wird mir’s alsdann ergeh’n?
Du wirst mit tausend Blichen
Mich durch und durch erquicken,
Wann ich hier von der Erde
Zu dir mich schwingen werde.

Ach! was wird doch dein Wort,
O süßer Seelenhort,
Was wird doch sein dein Sprechen,
Wenn dein Herz aus wird brechen,
Zu mir und meinen Brüdern,
Als deines Leibes Gliedern?

Werd‘ ich dann auch vor Freud‘
In solcher Gnadenzeit
Den Augen ihre Zähren
Und Thränen können wehren,
Daß sie mir nicht mit Haufen
Auf meine Wangen laufen?

Was für ein schönes Licht
Wird mir dein Angesicht,
Das ich in jenem Leben
Werd‘ erstmal sehen, geben?
Wie wird mir deine Güte
Entzücken mein Gemüthe!

Dein‘ Augen, deinen Mund,
Den Leib, der noch verwund’t,
Da wir so fest auf trauen,
Das werd‘ ich alles schauen;
Auch innig, herzlich grüßen
Die Mahl‘ an Händ‘ und Füßen.

Dir ist allein bewußt
Die ungefälschte Lust
Und edle Seelenspeise
In deinem Paradeise;
Die kannst du wohl beschreiben,
Ich kann nicht mehr als gläuben.

Doch, was ich hier gegläubt,
Das steht gewiß, und bleibt
Mein Theil, dem gar nicht gleichen
Die Güter aller Reichen:
All and’res Gut vergehet,
Mein Erbtheil, das bestehet.

Ach, Herr! mein schönstes Gut,
Wie wird sich all mein Blut
In allen Adern freuen,
Und auf das Neu‘ erneuen,
Wenn du mir wirst mit Lachen
Dein‘ Himmelsthür‘ aufmachen?

Komm her, komm und empfind‘,
O auserwähltes Kind!
Komm,. schmecke, was für Gaben
Ich und mein Vater haben!
Komm, wirst du sagen, weide
Dein Herz in ew’ger Freude!

Ach du so arme Welt!
Was ist dein Gold und Geld,
Hier gegen diesen Kronen
Und mehr als gold’nen Thronen,
Die Christus hingestellet
Dem Volk, das ihm gefället?

Hier ist der Engel Land,
Der sel’gen Seelen Stand,
Hier hör‘ ich nichts als singen,
Hier seh‘ ich nichts als springen,
Hier ist kein Kreuz, kein Leiden,
Kein Tod, kein bittres Scheiden.

Halt‘ ein, mein schwacher Sinn,
Halt‘ ein, wo denkst du hin?
Willst du, was grundlos, gründen?
Was unbegreiflich, finden?
Hier muß der Witz sich neigen
Und alle Redner schweigen.

Dich aber, meine Zier,
Dich laß ich nicht von mir,
Dein will ich stets gedenken,
Herr, der du mir wirst schenken
Mehr, als mit meiner Seelen
Ich wünschen kann und zählen.

Ach! wie ist mir so weh‘,
Eh‘ ich dich aus der Höh‘
Her sehe zu uns kommen:
Ach, daß zum Heil der Frommen,
Du meinen Wunsch und Willen
Noch möchtest heut‘ erfüllen!

Doch, du weißt deine Zeit;
Mir ziemt nur, stets bereit
Und fertig da zu stehen,
Und so einher zu gehen,
Daß alle Stund‘ und Tage
Mein Herz mich zu dir trage.

Dieß gib, Herr, und verleih‘,
Auf daß dein‘ Huld und Treu‘
Ohn‘ Unterlaß mich wecke;
Daß mich dein Tag nicht schrecke,
Da unser Schreck auf Erden
Soll Fried‘ und Freude werden.

Paul Gerhard’s
geistliche Lieder.
Herausgegeben von
C. F. Becker
Leipzig
Georg Wigand’s Verlag.
1851

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