Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Weil die Worte Wahrheit sind

Weil die Worte Wahrheit sind,
Daß man nichts bei Gott gewinnt,
Nichts durch des Gesetzes Werke,
Nichts durch eigne Kraft und Stärke,
Nichts durch Einsicht und Verstand,
Nichts durch eine milde Hand;

Nichts durch eignes Heiligsein,
Wenn’s gleich nicht nur Augenschein,
Sondern treu gemeinet wäre,
Auch nicht durch die reine Lehre,
Daß kein Tugendbild die Gnad
Näher als der Sünder hat;

So ist dies der leichtste Rath,
Es bestärkt ihn auch die That:
Man fällt Jesu zu den Füßen,
Und sagt nichts von Thun noch Büßen,
Sondern spricht zum Menschensohn:
Bin ich etwa nicht dein Lohn?

Hast du etwa mich allein
Nicht erkauft, um dein zu sein,
Da dir deine Müh‘ und Frohnen
Ein unzählbar Heer soll lohnen?
Würd’st du doch auch meiner so,
Und ich wieder dein recht froh!

Also, wie kömmt man dazu,
Daß man in der Gnade ruh‘;
Daß man nicht nur nicht verderbe,
Sondern auch den Segen erbe?
Das erfordert zweierlei:
Daß man arm und Sünder sei.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Vor seinen Augen schweben

1.) Vor seinen Augen schweben
Ist wahre Seligkeit.
Sich ihm zu eigen geben
Ist, was allein erfreut.
Nichts können und nichts wissen,
Nichts wollen und nichts tun,
Als Jesu folgen müssen:
Das heißt in Frieden ruhn.

2.) Der Christ steht aus dem Schlafe
In Christi Freundschaft auf.
Und fürchtet keine Strafe
Im ganzen Tageslauf.
Und ist der Tag vollendet,
So legt er sich zur Ruh‘,
Von Christo unverwendet,
Tun sich die Sinne zu.

3.) So geht er fest und stille
Dahin bei Tag und Nacht.
Auf Jesum ist sein Wille,
Nicht auf die Welt bedacht.
Er hört und sieht und fühlet,
Hört, sieht und fühlt doch nicht
Und weiß, von Schmerz durchwühlet,
Kaum, dass ihm Weh geschicht.

4.) Gewiss, wer erst die Sünde
Getilgt durch Christi Blut
Und gleich dem frommen Kinde
Auf ihn lenkt Sinn und Mut,
Kann auch gottselig handeln
Und kann bald anders nicht.
Herr Jesu, lehr uns wandeln
In deiner Augen Licht.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – So ist denn nun die Hütte

1.) So ist denn nun die Hütte,
Mein Freund, für dich erbaut!
Komm her! Ist meine Bitte,
Komm! Rufet deine Braut.
Komm, Auserwählter, komme,
Besuche deine Magd!
Erfreue deine Fromme,
Die fleißig nach dir fragt!

2.) Das Kreuz, die Schmach der Leiden,
Die deine Boten sind,
Empfange ich mit Freuden
Als liebes Angebind‘.
Wo Jesus herrscht und wohnet,
Da ist der Freiheit Haus.
Dort, wo die Liebe thronet,
Weicht Schmerz und Mühsal aus.

3.) Reist aus, entzückte Sinnen,
Steigt auf, die Lieb‘ ist nah!
Geht, geht von ihr von hinnen,
Der Bräutigam ist da!
Auf, eilet ihm entgegen
In dieser Mitternacht!
Mit Ruh’n und Schlafenlegen
Wird schlimm die Zeit verbracht.

4.) Er ist’s, der mich erworben,
Er, der gelitten hat,
Er, der für mich gestorben,
Der Herr von Rat und Tat,
Der mein Erlöser heißet,
Immanuel, der Mann,
Der Höll‘ und Tod zerschmeißet, –
Triumph, der zieht heran!

5.) Unendlich süße Wonne!
Wie überströmst du mich!
Du Licht der Gnadensonne,
Wie strahlst du süßiglich!
Ich bin’s nicht wert, ich Armer,
Die Lieb‘ ist allzu gut,
Zu gut ist mein Erbarmer,
Der also an mir tut!

6.) Bin ich denn nun die Hütte
Und du bist selbst in mir,
So hab‘ ich meine Bitte,
Die Lieb‘ ist mein Panier.
So scheide Himmel, Erde,
Und was geschaffen heißt,
Wenn ich die Hütte werde
Für Gottes reinen Geist!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Seht, die Nacht vergehet

1.) Seht, die Nacht vergehet!
Geist und Herz, erstehet!
Seid der Sonne gleich!
Gottes Güt‘ und Treue
Leuchtet nun auf’s Neue,
Kräftig, voll und reich.
Was ihr wollt, kann euch erfreuen:
Gnade, Leben und Gedeihen.

2.) Seele, dass auch heute
Dir Gott sei zur Seite,
Darum bitte nun!
Bitt‘ um Heil und Segen
Heut‘ auf deinen Wegen
Und bei deinem Tun!
Vörderst, für die Macht der Sünden
Rat und Widerstand zu finden.

3.) Seufz‘ in heißem Geiste,
Dass er Hilfe leiste,
Und sei Rat und Kraft.
Dass dich nichts verleite
Auf die falsche Seite
Bei der Pilgerschaft,
Weil so viel Gefährlichkeiten
Dich an Seel‘ und Leib begleiten!

4.) Will die Welt dich haben,
Und mit ihren Gaben
Wieder zu sich ziehn:
Sei du unempfindlich
Und in Liebe kindlich,
Dass du kannst entfliehn.
Besser, sich auch töricht fassen,
Als von ihr gewinnen lassen.

5.) Hast du nun gesehen,
Wie es Gott lässt gehen,
Was er ausgeführt:
So fang an zu singen,
Und ihm Lob zu bringen,
Dem das Lob gebührt.
Such ihn auch in neuen Weisen
Jeden Tag zu preisen!

6.) Gottes Macht beschützen
Lass dich dazu nützen,
Dass du treuer wirst!
Such ihn auch dein Leben
Wirklich zu ergeben!
Er ist Lebensfürst.
Such es ja vor allen Dingen
Im Gehorsam weit zu bringen:

7.) Dass dir’s wohlgefället,
Wie dein Gott sich stellet,
Grausam oder gut, –
Wenn er straft und schläget,
Wenn er küsst und träget, –
Alles, was er tut.
Dank‘ und rühme bei der Freude!
Lieb‘ und lob ihn auch im Leide!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Mein unschätzbarstes Gut

1.) Mein unschätzbarstes Gut
Bis zum Vollendungssaale
Ist Jesu Leib und Blut
Im heilgen Abendmahle.
Weil aber diese Gnad‘
In einem Sakrament,
Das man nicht immer hat,
Allhier wird ausgespendt:

2.) So lass ich mir derweil,
Im Schlafen und im Wachen,
Auf andre Art sein Heil
Durch ihn genießbar machen.
Mein Glaube lebt davon,
So mit ihm umzugehn,
Als hätt ich in Person
Ihn vor den Augen stehn.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Jesu, geh voran auf der Lebensbahn

1. Jesu, geh voran
Auf der Lebensbahn!
Und wir wollen nicht verweilen,
Dir getreulich nachzueilen;
Führ‘ uns an der Hand
Bis ins Vaterland.

2. Sollt’s uns hart ergehn,
Lass uns feste stehn
Und auch in den schwersten Tagen
Niemals über Lasten klagen;
Denn durch Trübsal hier
Geht der Weg zu dir.

3. Rühret eigner Schmerz
Irgend unser Herz,
Kümmert uns ein fremdes Leiden,
O so gib Geduld zu beiden;
Richte unsern Sinn
Auf das Ende hin.

4. Ordne unsern Gang,
Jesu, lebenslang.
Führst du uns durch rauhe Wege,
Gib uns auch die nöt’ge Pflege;
Tu uns nach dem Lauf
Deine Türe auf.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Herr Jesu Christ, du heller Tag

1.) Herr Jesu Christ, du heller Tag,
Der einst für uns im Finstern lag, –
Den jeder Morgenstern gelobt,
Eh‘ Du Dich uns als Mensch erprobt:

2.) Willkommen, o du reine Seel‘
In dieser Welt, Immanuel!
Wär auch dein Leib ganz fein und rein:
Er muss Dir doch beschwerlich sein.

3.) Willkommen mit dem Heilsgeruch
In unsrer Menschheit voller Fluch!
Sie ist fast unausstehlich noch, –
Dein Freuden-Öl versüßt sie doch.

4.) Vom hohen Himmel kamst Du her
Mit einer Botschaft segensschwer.
Man dacht‘, wir sehn um’s Bild des Herrn, –
Du aber dachtest: Das sei fern!

5.) Die Engel in dem Himmelslicht,
Die gaben jauchzenden Bericht.
Welch‘ ein unschätzbar Gnadenlos
Vom Himmel zu uns niederfloss.

6.) Kaum dass das Kind in Windeln stöhnt,
So singen sie: Ihr seid versöhnt!
Kaum reicht die Mutter ihm die Brust,
So singen sie von Gotteslust.

7.) Das Kind, es rührte sich allhie,
Es sagte nichts und weinte nie,
Was nicht dem menschlichen Geschlecht
Erbarmung, Trost und Leben brächt‘.

8.) Kommt aber lernbegierig her,
Ihr, denen Schweigen wird so schwer!
D e r Mensch verschwieg wohl dreißig Jahr‘
Die Sach‘, um die Er kommen war.

9.) Da sehet Ihn, den Jüngling, an,
Den Wagner und den Zimmermann!
Ach, Schade ist’s für Pflug und Egg‘, –
Darüber Ihm die Zeit geht weg!

10.) Die heilige Dreieinigkeit
Verliert wohl nichts an ihrer Zeit,
Den Engeln wird es auch nicht bang. –
Uns währen dreißig Jahre lang.

11.) Nun sitzt Er achtzehnhundert Jahr‘
Dort oben wieder, wo Er war.
Seitdem Er tot am Kreute hing
Und aus dem Grab zum Vater ging.

12.) Das ist schon sechzigmal so lang,
Als sein huldreicher Erdengang.
Die Zeit geht hin mit Lieb und Lob,
Doch sehnt gar manches sich darob.

13.) Wir bitten, Herr, Dich insgemein,
komm wieder, wenn es Zeit wird sein!
Du aber rufst uns feierlich:
Seid ihr denn auch bereit für mich? –

14.) Ja, wenn schon alles recht getan
Und wenn Du fändst nach deinem Plan
Und deinem Wunsch dein Haus gemacht,
Du kämst vielleicht die nächste Nacht!

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Eh der Mensch sich wie erstorben

1.) Eh‘ der Mensch sich, wie erstorben,
Voller Elend liegen sieht
Und zu dem, der ihn erworben
Durch sein Blut, im Glauben flieht,
Hilft ihm nichts zum Seligwerden,
Was er auch je Gutes tut:
Denn im Himmel und auf Erden
Gilt allein des Lammes Blut.

2.) In des Lammes Blut alleine
Stehet die Gerechtigkeit.
Diese heißt der Glaube seine.
Dann erfüllt uns Fried‘ und Freud‘,
Und wir haben sel’ge Stunden,
Seel‘ und Leib und Geist erfährt
Solchen Trost aus Jesu Wunden,
Welcher unaufhörlich währt.

Zinzendorf, Nikolaus Ludwig Graf von – Der du noch in der letzten Nacht

1.) Der du noch in der letzten Nacht,

Eh‘ du für uns erblasst,
Den Deinen von der Liebe Macht
So schön gepredigt hast:

2.) Erinnre deine kleine Schar,
Die sich so leicht entzweit,
Was deine letzte Sorge war:
Der Glieder Einigkeit.

3.) Der du um unsre Seligkeit
Mit blutgem Schweiße rangst
Und durch der Tränen bangen Streit
Des Feindes Macht bezwangst.

4.) Erschüttre doch den trägen Sinn,
Der nichts von Arbeit weiß,
Und reiß ihn aus der Faulheit hin
Zu deinem Kampf und Schweiß!

5.) War zu der Herrlichkeit die Schmach
Dein ordentlicher Weg,
So geht dir deine Herde nach
Auch über diesen Steg.

6.) Drum leit auf deiner Leidensbahn
Uns selber bei der Hand,
Weil dort nur mitregieren kann,
Wer hier mit überwand.