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Kinner von Scherffenstein, Martin – Es kommt nu leider her die Zeit

Es kommt nu leider her die Zeit
Da uns soll bange werden;
Denn gross und unaussprechlich Leid
Verkündigt Himml und Erden.
Wir sind der armen Wittwen gleich
Die herzlich ihres Sohnes Leich
Und ihr Elend beweinet:
Herr Jesu, unser Trost und Licht,
Komm, sprich uns auch zu Weine nicht!
Dein Wort uns alle meinet.

Wir fallen häufig ein und ab
Wie Blätter von den Bäumen;
Man traegt manch liebes Kind zu Grab,
Darob die Eltern weinen;
Und obs wol fällt in deine Hand
Und kömmt ins rechte Vaterland
Das du uns hast geschenket.
Doch allweg uns dein Trost gebricht:
Drum komm, sprich zu uns Weine nicht!
Denn unser Herz sich kränket.

Was aber mehr für Angst und Noth
Die Welt wird überfallen
Zeigt durch sein Wort und Wunder Gott
Gar schrecklich für uns allen.
Die Sünd nimmt mächtig Überhand:
Drum brennt sein Zorn übr alle Land
Und wird das Garaus spielen.
Ach Herr, geh nicht in dein Gericht:
Dein freundlich Trostwort Weine nicht!
Lass uns im Herzen fühlen.

Wir habns ja wol verdienet, Herr,
Dass uns dein Zorn verzehre;
Kein Strafe ist so hoch und schwer,
Der wir nicht würdig waeren:
Es reut uns aber unser Sünd,
Und bitten dich von Herzen Grund
„O Herr, komm nur mit Gnaden!“
Und ob die Welt dich nicht ansicht,
Doch sieh du uns und Weine nicht
Wie übr der Juden Schaden.

Ach komm mit deinem Tag behend
Und stell uns zu mit Freuden
Was Liebes wir vorher gesendt,
Und lass uns nicht mehr scheiden.
Wenn mein Stündlein herzu sich naht
Begegne du auch meinem Tod,
Lass mich nicht drinn verderben;
Mein traurig Herz mit Trost aufricht,
Bild mir dein Wort ein Weine nicht!
So will ich froehlich sterben.

Wackernagel – Deutsches Lesebuch