Arnold, Gottfried – Vergiss mein nicht

1. Vergiß mein nicht, dass ich dein nicht vergesse
und meiner Pflicht, die ich, o Wurzel Jesse,
dir schuldig bin. Erinnre stets mein Herz
der unzählbaren Gunst und Lieblichkeiten,
die du mir ungesucht hast wollen zubereiten.
Du wirst, was mir hinfort gebricht,
vergessen nicht.

2. Verlier mich nicht, mein Hirt, aus deinen Armen,
aus deinem Schoß und herzlichen Erbarmen,
von deiner Weide honigsüßen Kost,
aus deinen Führen, Locken, Warnen, Sorgen,
das ich bei dir genieß vom Abend bis am Morgen.
Solang dein Stab sein Amt verricht,
verlier mich nicht.

3. Verlass mich nicht, mein Herr und bester Lehrer
bei der Gefahr so vieler Friedensstörer,
o wache selbst und lass dein Liebspanier
mich ringsherum mit tausend Schilden decken,
daß keines Feindes Macht und Heer mich kann erschrecken.
Dein Auge, das auf mich gericht‘,
verlass mich nicht.

4. Verstoß mich nicht, doch wie kannst du verstoßen?
Du weißt von lauter Liebe und Liebkosen,
von Gnad und Huld; denn dein mitleidig Herz
dich zwinget, meine Schwachheit stets zu tragen.
Wer wollt von solcher Treu an der Vollendung zagen?
Dein Herz, das dir so ofte bricht,
verstoß mich nicht.

5. Vergiß auch nicht, Herr, deine Reichsgenossen,
auf die dein Blut in voller Kraft geflossen,
o fasse sie in deiner Liebesbrust.
Gib, daß dein Zion sich bald deiner freue
und jedermann dir stift ein Denkmal deiner Treue
und keiner der so teuren Pflicht
vergesse nicht.

6. Vergiß mein nicht, und wer könnt dich vergessen?
Man kann ja das Geheimnis nicht ermessen,
daß du in mir und ich in dir soll sein.
Wie sollt ich nicht an dich, du an mich denken,
da du mich willst in dich und dich in mich versenken?
Du wirst mich ewiglich, mein Licht,
verlassen nicht.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen

So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen,
Ja selig und doch meistens wunderlich.
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu nicht kann verleugnen sich?
Die Wege sind oft krumm und doch gerad,
Darauf du läßt die Kinder zu dir gehn,
Da pflegt es wunderseltsam auszusehn,
Doch triumphiert zuletzt dein hoher Rat.

2. Dein Geist hängt nie an menschlichen Gesetzen,
So die Vernunft und gute Meinung stellt.
Den Zweifelsknoten kann dein Schwert verletzten
Und lösen auf, nach dem es dir gefällt.
Du reißest wohl die stärksten Band entzwei;
Was sich entgegensetzt, muß sinken hin;
Ein Wort bricht oft den allerhärtsten Sinn,
Dann geht dein Fuß auch durch Umwege frei.

3. Was unsre Klugheit will zusammenfügen,
Teilt dein Verstand in Ost und Westen aus;
Was mancher unter Joch und Last will biegen,
Setzt deine Hand frei an der Sternen Haus.
Die Welt zerreißt, und du verknüpfst in Kraft;
Sie bricht, du baust; sie baut, du reißest ein;
Ihr Glanz muß dir ein dunkler Schatten sein;
Dein Geist bei Toten Kraft und Leben schafft.

4. Will die Vernunft was fromm und selig preisen,
So hast du‘s schon aus deinem Buch gethan;
Wem aber niemand will dies Zeugnis weisen,
Den führst du in der Still selbst himmelan.
Den Tisch der Pharisäer läßt du stehn
Und speisest mit den Sündern, sprichst sie frei.
Wer weiß, was öfters deine Absicht sei?
Wer kann der tiefsten Weisheit Abgrund sehn?

5. Was alles ist, gilt nichts in deinen Augen;
Was nichts ist, hast du, großer Herr, recht lieb.
Der Worte Pracht und Ruhm mag dir nicht taugen,
Du giebst die Kraft und Nachdruck durch den Trieb.
Die besten Werke bringen dir kein Lob,
Sie sind versteckt, der Blinde geht vorbei;
Wer Augen hat, sieht sie doch nie so frei;
Die Sachen sind zu klar, der Sinn zu groß.

6. O Herrscher, sei von uns gebenedeiet,
Der du uns rötest und lebendig machst.
Wenn uns dein Geist der Weisheit Schatz verleihet,
So sehn wir erst, wie wohl du für uns wachst.
Die Weisheit spielt bei uns, wir spielen mit.
Bei uns zu wohnen ist dir lauter Lust,
Die reget sich in deiner Vaterbrust
Und gängelt uns mit zartem Kinderschritt.

7. Bald scheinst du hart und streng uns anzugreifen,
Bald fährest du mit uns ganz säuberlich.
Geschiehts, daß unser Sinn sucht aus zuschweifen,
So weist die Zucht uns wieder hin auf dich.
Da gehn wir denn mit blöden Augen hin,
Du küßest uns, wir sagen Beßrung zu;
Drauf schenkst dein Geist dem Herzen wieder Ruh
Und hält im Zaum den ausgeschweiften Sinn.

8. Du kennst, o Vater, wohl das schwache Wesen,
Die Ohnmacht und der Sinnen Unverstand;
Man kann uns fast an unsrer Stirn ablesen,
Wie es um schwache Kinder sei bewandt.
Drum greifst du zu und hältst und trägest sie,
Brauchst Vaterrecht und zeigest Muttertreu;
Wo niemand meint, daß etwas deine sei,
Da hegst du selbst dein Schäflein je und je.

9. Also gehst du nicht die gemeinen Wege,
Dein Fuß wird selten öffentlich gesehn,
Damit du siehst, was sich im Herzen rege,
Wenn du in Dunkelheit mit uns willst gehn.
Das Widerspiel legt sich vor Augen dar von dem,
Was du in deinem Sinne hast; wer meint,
Er hab den Vorsatz recht gefaßt,
Der wird am End ein andres oft gewahr.

10. O Auge, das nicht Trug noch Heucheln leidet,
Gieb mir der Klugheit scharfen Unterscheid,
Dadurch Natur von Gnade wird entscheidet,
Das eigne Licht von deiner Heiterkeit.
Laß doch mein Herz dich niemals meistern nicht,
Brich ganz entzwei den Willen, der sich liebt,
Erweck die Lust, die sich nur dir ergiebt
Und tadelt nie dein heimliches Gericht.

11. Will etwa die Vernunft dir widersprechen
Und schüttelt ihren Kopf zu deinem Weg,
So wollst du die Befestung niederbrechen,
Daß ihre Höh sich nur bei Zeiten leg.
Kein fremdes Feuer sich in mir entzünd,
Das ich vor dich in Thorheit bringen möcht,
Und dir wohl gar so zu gefallen dächt.
O selig, wer dein Licht ergreift und findt.

12. So ziehe mich denn recht nach deinem Willen,
Und trag und heg und führ dein armes Kind.
Dein innres Zeugnis soll den Zweifel stillen,
Dein Geist die Furcht und Lüste überwind.
Du bist mein alles, denn dein Sohn ist mein;
Dein Geist reg sich ganz kräftiglich in mir,
Ich brenne nun nach dir in Liebsbegier,
Wie oft erquickt mich deiner Klarheit Schein!

13. Drum muß die Kreatur mir immer dienen,
Kein Engel schämt nun der Gemeinschaft sich:
Die Geister, die vor dir vollendet grünen,
Sind meine Brüder und erwarten mich.
Wie oft erquicket meinen Geist ein Herz,
Das dich und mich und alle Christen liebt!
Ists möglich, daß mich etwas noch betrübt?
Komm, Freudenquell, weich ewig aller Schmerz.

Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – O Durchbrecher aller Bande

O Durchbrecher aller Bande,
der du immer bei uns bist,
bei dem Schaden, Spott und Schande
lauter Lust und Himmel ist,
übe ferner dein Gerichte
wider unsern Adamssinn,
bis dein treues Angesichte
uns führt aus dem Kerker hin.

Ists doch deines Vaters Wille,
daß du endest dieses Werk;
hierzu wohnt in die die Fülle
aller Weisheit, Lieb und Stärk,
daß du nichts von dem verlierest,
was er dir geschenket hat,
und es aus dem Treiben führest
zu der süßen Ruhestatt.

Ach so mußt du uns vollenden,
willst und kannst ja anders nicht,
denn wir sind in deinen Händen,
dein Herz ist auf uns gericht‘,
ob wir wohl von allen Leuten
als gefangen sind geacht‘,
weil des Kreuzes Niedrigkeiten
uns veracht‘ und schnöd gemacht.

Schau doch aber unsre Ketten,
da wir mit der Kreatur
seufzen, ringen, schreien, beten,
um Erlösung von Natur,
von dem Dienst der Eitelkeiten,
der uns noch so hart bedrückt,
ob auch schon der Geist zu Zeiten
sich auf etwas Bessers schickt.

Ach erheb die matten Kräfte,
sich einmal zu reißen los
und durch alle Weltgeschäfte
durchzubrechen frei und bloß.
Weg mit Menschenfurcht und Zagen,
weich, Vernunftbedenklichkeit,
fort mit Scheu vor Schmach und Plagen,
weg des Fleisches Zärtlichkeit.

Herr, zermalme, brich, vernichte
alle Macht der Finsternis,
unterwirf sie dem Gerichte,
mach des Sieges uns gewiß,
heb uns aus dem Staub der Sünden,
wirf die Schlangenbrut hinaus,
laß uns wahre Freiheit finden
droben in des Vaters Haus.

Wir verlangen keine Ruhe
für das Fleisch in Ewigkeit;
wie du’s nötig findst, so tue
noch vor unsrer Abschiedszeit;
aber unser Geist, der bindet
dich im Glauben, läßt dich nicht,
bis er die Erlösung findet,
da ihm Zeit und Kraft gebricht.

Herrscher, herrsche, Sieger, siege!
König, brauch dein Regiment!
Führe deines Reiches Kriege,
mach der Sklaverei ein End!
Aus dem Kerker führ die Seelen
durch des neuen Bundes Blut,
laß uns länger nicht so quälen;
denn du meinsts mit uns ja gut.

Haben wir uns selbst gefangen
in der Lust und Eigenheit,
ach so laß uns nicht stets hangen
in dem Tod der Eitelkeit;
denn die Last treibt uns zu rufen,
alle flehen wir dich an:
zeig doch nur die ersten Stufen
der gebrochnen Freiheitsbahn.

Ach wie teur sind wir erworben,
nicht der Menschen Knecht zu sein!
Drum, so wahr du bist gestorben,
mußt du uns auch machen rein,
rein und frei und ganz vollkommen,
nach dem besten Bild gebildt;
der hat Gnad um Gnad genommen,
wer aus deiner Füll sich füllt.

Liebe, zeuch uns in dein Sterben;
laß mit dir gekreuzigt sein,
was dein Reich nicht kann ererben;
führ ins Paradies uns ein.
Doch wohlan, du wirst nicht säumen,
laß uns nur nicht lässig sein;
werden wir doch als wie träumen,
wenn die Freiheit bricht herein.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – Komm, beuge dich, mein Herz und Sinn

Komm, beuge dich, mein Herz und Sinn
Vor Christi Throne tief danieder.
Zu seinen Füßen sinke hin
Und bring‘ ihm deines Dankes Lieder.
Erkenne, wie du selbst aus dir nichts bist
Wie Gott in dir und allen alles ist.

Wo wär‘ in dir ein Funken Kraft,
Wenn du sie nicht erlangt von oben?
Wer hat dir Schutz und Ruh‘ geschafft
Vor deiner Feinde List und Toben?
Wer bändigte des Bösen finstre Macht?
Wer hat der Wahrheit Glanz ans Licht gebracht?

Wer hat dich aus der Noth befreit,
Dein Leben dem Verderb entrissen?
Wer krönt dich mit Barmherzigkeit,
Wer läßt dich seine Rechte wissen?
Ist er es nicht, der unerschöpfte Quell,
Der täglich noch uns zuströmt rein und hell?

Ja, deine Hand hat uns gefaßt
Und über all‘ Verdienst und Hoffen
Hinweggethan der Sünden Last,
Daß nun der Himmel steht uns offen!
Du machst das Herz von Furcht und Zweifel leer,
Und sel’ger Friede waltet um uns her.

Was zwischen uns sich drängen will,
Hat deine Kraft gar bald vernichtet;
Du hältst den Tempel rein und still,
Den du dir selbst in uns errichtet.
Ja, fest bestehet deine Herrlichkeit,
Die dir in uns der Vater hat geweiht.

Du überschüttest uns mit Lieb‘
Und reinigst Herzen, Mund und Sinnen,
Daß wir aus deines Geistes Trieb
Dich stets in uns mehr liebgewinnen.
Du drückst dem Geist der Reinheit Siegel auf,
Daß unbefleckt wir enden unsern Lauf.

So nimm dafür zu Opfer hin
Uns selbst mit allem, was wir haben;
Nimm Leib und Seel‘, nimm Herz und Sinn
Zum Eigenthum statt andrer Gaben.
Bereite selbst dir aus der Schwachen Mund
Ein würdig Lob; mach‘ deinen Namen kund.

Hierzu gieb einen Sinn und Muth,
Halt deine Gläub’gen fest zusammen,
Daß unser Herz von heil’ger Gluth
Entbrenn‘ in deiner Liebe Flammen.
Zu deinem Thron steigt unser Dank empor,
Bis würd’ger er erschallt im höhern Chor.

Evangelisches Gesangbuch der Bremischen Gemeinden
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Arnold, Gottfried – Ein schönes Paßions-Lied

1. JESU! deine heilge Wunden,
deine Quaal und bittern Tod
laß mir geben alle stunden
Trost in leibs- und seelen-noht.
Wenn mir fälle was arges ein
laß mich denken deiner Pein,
daß ich deine Angst und Schmerzen
wohl erwäg in meinem herzen.

2. Will sich gern in wohllust weiden
mein verderbtes fleisch und blut,
laß mich denken, daß dein Leiden
löschen muß der höllen-glut;
dringt der Satan ein zu mir,
hilf, daß ich ihm halte für
deine Wunden, Maal und Zeichen,
daß er von mir müsse weichen.

3. Wenn die welt mich will verführen
auf die breite sünden-bahn,
wollst du mich also regieren,
daß ich alsdenn schaue an
deiner Marter centner-last,
die du ausgestanden hast,
daß ich könn in andacht beleiben,
alle böse lust vertreiben.

4. Gib für alles, was mich kränket
mir aus deinen Wunden Kraft!
Wenn mein herz hinein sich senket,
so gib neuen Lebens-saft,
daß mich stärk in allem Leid
deines Trostes Süßigkeit;
weil du mir dein Heil erworben,
da du bist für mich gestorben.

5. Laß auf deinen Tod mich trauen,
o mein Gott und Zuversicht!
laß mich veste darauf bauen,
daß den tod ich schmecke nicht!
deine Todes-angst laß mich
stets erquicken mächtiglich!
Herr! laß deinen Tod mir geben
Auferstehung, Heil und Leben.

6. JESU! deine heilge Wunden,
deine Quaal und bittern Tod,
laß mir geben alle stunden
Trost in leibs- und seelen-noht::
sonderlich am letzten End
hilf, daß ich mich zu dir wend,
Trost in deinen Wunden finde,
und denn frölich überwinde!

Arnold, Gottfried – Zwo Lehr- und Trost-reiche Passionsbetrachtungen
Weitere Texte des Autors in der „Glaubensstimme“

Gottfried Arnold – Biographische Notizen

Den 30. May 1714 starb zu Perleberg im Brandenburgischen: Gottfried Arnold. Er war geboren den 5. Sept. 1666 zu Annaberg in Sachsen, wo sein Vater Präceptor war. Nachdem er schon im fünften Jahre seine Mutter Maria, geb. Lahlin, verloren hatte, mußte er schon in seinen Knabenjahren an mancherley Entbehrungen sich gewöhnen, und durch Lektionengeben seinen Unterhalt verdienen. Auf dem Gymnasium zu Gera und der Universität Wittenberg hielt ihn eine außerordentliche Lernbegierde von der Theilnahme an den Thorheiten und Ausschweifungen seiner Altersgenossen zurück, dagegen blieb er nicht frei von den Versuchungen des Ehrgeizes, die jedoch an der schon frühe an seinem Herzen arbeitenden und ihn zu öfterem Gebet im Verborgenen antreibenden Gnade Gottes einen kräftigen Widerstand fanden. Nach vollendeten Studien übernahm er eine Hofmeisterstelle zu Dresden, wo er Gelegenheit fand, Speners Predigten und erbauliche Vorlesungen zu benützen. Als er es sich aber angelegen seyn ließ, mit seiner religiösen Ueberzeugung unter allen Umständen auch sein Leben in Uebereinstimmung zu bringen, und mit Wort und Wandel die Sünden seiner Umgebung strafte, so wurde er unversehens von seiner Hofmeisterstelle entlassen, fand jedoch bald zu Quedlinburg bey Stiftshauptmann v. Stammen eine andere, die er vier Jahre lang beibehielt, da er hier ungehindert Christo nachfolgen, und in allem Guten wachsen konnte. In dieser Zeit gab er die Schrift heraus: „Von der ersten christlichen Lauterkeit der ersten Christen nach ihrem Glauben und Leben.“ Ueberhaupt legte er sich in dieser Zeit nach dem Rathe einiger Freunde vorzüglich auf das Studium der Kirchengeschichte, davon er die Früchte in mehreren viel gelesenen Schriften mittheilte, zugleich aber auch veranlaßt wurde, das Lehramt der Geschichte auf der Universität Gießen (1697) anzutreten.

Auf seine „Abbildung der ersten Christen“ ließ er 1698 in zwey starken Foliobänden seine „Kirchen- und Ketzergeschichte“ folgen, ein nicht allein durch Reichthum gelehrter Materialien, sondern vornehmlich durch Eigenthümlichkeit der Ansichten sich auszeichnendes Werk. Er hatte sich nämlich darin die Aufgabe gestellt, darauf hinzuweisen:

  1. daß sehr häufig gerade die gottseligsten und erleuchtetsten Männer unschuldig verketzert worden seyen;
  2. daß die Vorsteher der Kirchen, statt väterliche Hirten und Lehrer der wahrhaftigen Christen zu seyn, nicht selten sich als die ärgsten Verfolger derselben bewiesen haben, woraus viele Spaltungen und sogar Blutvergießen hervorgegangen;
  3. daß die Kirchenversammlungen und Synoden meistens aus zanksüchtigen Leuten bestanden seyen, die Gottes Geist nicht gehabt, und zeitlichen Gewinn mehr zu Herzen genommen haben als das Heil der Kirche;
  4. daß die Kirche unter dem Kreuze alle Mal am schönsten geblüht habe, und daß das wahre Christenthum nie bey dem großen Haufen und den Verfolgern, sondern stets bey der kleinen verfolgten Heerde sich gefunden habe; und
  5. daß die falsche Kirche jederzeit das Wesen der Religion in äußerliche Dinge, Ceremonien, Bilder u. dgl. gesetzt, und dagegen die lebendigen Christen, die nach dem Wesen getrachtet, gehaßt habe.

Es war zwar nicht zu verwundern, daß er bey der Lösung dieser neuen, eigenthümlichen Aufgabe hie und da auf Einseitigkeiten gerieth, und ungerecht gegen die äußere Kirche wurde, auch hin und wieder auch Andere zu gleichen Ungerechtigkeiten verleitete; nichtsdestoweniger muß man gestehen, daß er noch viel mehrere von ältern Geschichtsforschern begangene Ungerechtigkeiten wieder gut machte, und entschiedener als irgend ein Anderer auf das hinwieß, was das Schönste und Wichtigste in der Geschichte des Reiches Gottes auf Erden ist. Daß er übrigens mit seinem Buche vielfältigen Anstoß erregen werde, fühlte er selbst, und legte daher gleich bey Herausgabe desselben sein Professorat nieder, indem er sich hierüber auf folgende Art erklärte: Es laufe gegen sein Gewissen, dieses Amt so zu verwalten, wie es die nun einmal hergebrachte Sitte erfordere. Er würde auch das Amt gar nicht angenommen haben, wenn er zum Voraus gewußt hätte, wie groß das Verderben der Universitäten sey, und genau gekannt hätte die mancherley damit verbundenen, von christlichem Ernste ganz und gar ableitenden Eitelkeiten, namentlich seyen ihm die häufigen Schmausereien ein Gräuel, und er könne es nicht vertragen, daß er durch allerley zu nicht frommende Zusammenkünfte um die Zeit komme, die er gerne auf’s Gebet verwenden möchte. Endlich finde er, daß er nicht aus reiner Liebe für’s Amt dasselbe gesucht, sondern daß allerley Nebenabsichten mit untergelaufen seyen, insbesondere Ehrgeiz, Nahrungssorgen und Kreuzesflucht. Nach dieser Erklärung begab er sich wieder nach Quedlinburg, um in zurückgezogener Stille dort zu leben, allein die Geistlichkeit erregte einen gewaltigen Federkrieg gegen ihn, den endlich eine Königl. Preussische Untersuchung niederschlug.

Nicht lange darnach – den 5. Sept. 1700 – verheirathete er sich mit einer gottesfürchtigen Jungfrau, Anna Maria Spebgel, die ihm zwey Kinder gebar, die jedoch bald starben; er ließ sich durch die verwittwete Herzogin von Sachsen-Eisenach zum öftern Predigen in Allstädt bewegen, wo er auch die Erklärung der Sonn- und Fest-Evangelien verfaßte, endlich übernahm er sogar 1705 die Superintendentur Werden, und 1707 die zu Perleburg. Sowohl in seiner Verheirathung als in der Annahme dieser Aemter wollten Manche einen Widerspruch mit seinen frühern Schriften, sogar einen Abfall vom ächten Christenthum finden; allein er erklärte durch Wort und that, daß hierdurch seine treue Anhänglichkeit an Christum nicht gestört, und der Grund seiner Geburt aus Gott nicht erschüttert worden sey. Sey er auch früher anderer Meinung gewesen, so gehöre solche Veränderung nicht zu dem Wesentlichen des Christenthums, und rühre nicht von einem Abfall von Christo, sondern vielmehr von der ununterbrochenen Fortsetzung der immer weiter führenden Gnadenleitung Christi her.

In seinem göttlichen „Liebesfunken“ und „dem Geheimniß der göttlichen Sophie“ bewährte er auf eine nicht minder verdienstliche Weise seine christliche Dichtergabe als in andern seine gesegnete Geschichtsforschung. Namentlich verdankt man ihm die schönen Lieder: „Herzog unserer Seligkeiten etc.“ „Heiligster Jesu, Heiligungsquelle etc.“ „O Durchbrecher aller Bande etc“ „So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen etc.“

Im Jahre 1713 wurde er von einer scorbutischen Krankheit befallen, die das Karlsbad nicht ganz zu heilen vermochte; als am Pfingstfest 1714 Soldaten in seine Kirche stürzten, und gewaltsam einige junge Leute zu Rekruten wegnahmen, erschrack er so sehr, daß er auf’s Neue erkrankte, und die nähe seines Todes fühlte. Die neun Tage seines Krankenlagers waren reich an tiefen, geistlichen Erfahrungen; nach einigen, schweren Kämpfen drang er aber zu so großer Freudigkeit durch, daß er einmal rief: „Frisch auf, frisch auf, die Wage her, und fort“; dann wurde er wieder still, und entschlief sanft unter den Gesängen seiner Freunde.

Quelle: Reli. Historie der Wiedergebornen, 4. Thl.