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Autor: Andreas

Gerhardt, Paul – Ich bin ein Gast auf Erden

Gerhardt, Paul – Ich bin ein Gast auf Erden

  1. Ich bin ein Gast auf Erden
    Und hab’ hier keinen Stand;
    Der Himmel soll mir werden,
    Da ist mein Vaterland.
    Hier reis’ ich aus und abe;
    Dort in der ew’gen Ruh’
    Ist Gottes Gnadengabe,
    Die schleusst all’ Arbeit zu.
  2. Was ist mein ganzes Wesen
    Von meiner Jugend an
    Als Müh’ und Not gewesen?
    Solang ich denken kann,
    Hab’ ich so manchen Morgen,
    So manche liebe Nacht
    Mit Kummer und mit Sorgen
    Des Herzens zugebracht.
  3. Mich hat auf meinen Wegen,
    Manch harter Sturm erschreckt,
    Blitz, Donner, Wind und Regen
    Hat mir manch Angst erweckt,
    Verfolgung, Haß und Neiden,
    Ob ichs gleich nicht verschuldt,
    Hab ich doch müssen leiden
    Und tragen mit Geduld.
  4. So ging’s den lieben Alten,
    An deren Fuß und Pfad
    Wir uns noch täglich halten,
    Wenn’s fehlt an gutem Rat.
    Wie musste sich doch schmiegen
    Der Vater Abraham,
    Bevor ihm sein Vergnügen
    Und rechte Wohnstatt kam!
  5. Wie manche schwere Bürde
    Trug Isaak, sein Sohn!
    Und Jakob, dessen Würde
    Stieg bis zum Himmelsthron,
    Wie musste der sich plagen!
    In was für Weh und Schmerz,
    In was für Furcht und Zagen
    Sank oft sein armes Herz!
  6. Die frommen heilgen Seelen,
    Die gingen fort und fort
    Und änderten mit Quälen
    Den erstbewohnten Ort;
    Sie zogen hin und wieder,
    Ihr Kreuz war immer groß,
    Bis daß der Tod sie nieder
    Legt in des Grabes Schoß.
  7. Ich habe mich ergeben
    In gleiches Glück und Leid:
    Was will ich besser leben
    Als solche großen Leut?
    Es muß ja durchgedrungen,
    Es muß gelitten sein;
    Wer nicht hat wohlgerungen,
    Geht nicht zur Freud hinein.
  8. So will ich zwar nun treiben
    Mein Leben durch die Welt,
    Doch denk’ ich nicht zu bleiben
    In diesem fremden Zelt.
    Ich wandre meine Straßen,
    Die zu der Heimat führt,
    Da mich ohn’ alle Maßen
    Mein Vater trösten wird.
  9. Mein Heimat ist dort droben,
    Da aller Engel Schar
    Den großen Herrscher loben,
    Der alles ganz und gar
    In seinen Händen träget
    Und für und für erhält,
    Auch alles hebt und leget,
    Nach dems ihm wohl gefällt.
  10. Zu dem steht mein Verlangen,
    Da wollt ich gerne hin;
    Die Welt bin ich durchgangen,
    Daß ichs fast müde bin.
    Je länger ich hier walle,
    Je wen’ger find ich Lust,
    Die meinem Geist gefalle;
    Das meist ist Stank und Wust.
  11. Die Herberg’ ist zu böse,
    Der Trübsal ist zu viel.
    Ach komm, mein Gott, und löse
    Mein Herz, wenn dein Herz will!
    Komm, mach ein sel’ges Ende
    An meiner Wanderschaft,
    Und was mich kränkt, das wende
    Durch deinen Arm und Kraft!
  12. Wo ich bisher gesessen,
    Ist nicht mein rechtes Haus;
    Wann mein Ziel ausgemessen,
    So tret ich dann hinaus,
    Und was ich hier gebrauchet,
    Das leg ich alles ab;
    Und wenn ich ausgehauchet,
    So scharrt man mich ins Grab.
  13. Du aber, meine Freude,
    Du meines Lebens Licht,
    Du zeuchst mich, wenn ich scheide,
    Hin vor dein Angesicht,
    Ins Haus der ewgen Wonne,
    Da ich stets freudenvoll
    Gleich als die helle Sonne
    Nebst andern leuchten soll.
  14. Da will ich immer wohnen,
    Und nicht nur als ein Gast,
    Bei denen, die mit Kronen
    Du ausgeschmücket hast.
    Da will ich herrlich singen
    Von deinem grossen Tun
    Und frei von schnöden Dingen
    In meinem Erbteil ruhn.
Gerhardt, Paul – Kommt, ihr traurigen Gemüter

Gerhardt, Paul – Kommt, ihr traurigen Gemüter

  1. Kommet, ihr traurigen Gemüter,
    Kommt, wir wollen wiederkehren
    Zu dem Herren, dessen Güter
    Kein Verderben kann verzehrn;
    Dessen Macht kein Unglück fällt,
    Dessen Gnade wieder stellt,
    Was sein Eifer umgestürzet:
    Seine Gnad bleibt unverkürzet.
  2. Zwar hat er uns ja zerrissen
    Mit ergrimmten Angesicht
    Und uns, da er uns geschmissen,
    Sehr erbärmlich zugericht´t.
    Doch deswegen unversagt!
    Eben der uns schlägt und plagt,
    Wird die Wunden unsrer Sünden
    Wieder heilen und verbinden.
  3. Alle Not, die uns umfangen,
    Springt vor seinem Arm entzwei;
    Wenn zwei Tage sind vergangen,
    Macht er uns vom Tods frei,
    Daß wir, wenn des dritten Licht
    Durch des Himmels Fenster bricht,
    Fröhlich auf erneuter Erden
    Vor ihm stehn und leben werden.
  4. Alsdann wird man acht drauf haben
    Und mit großem Fleiße sehn,
    Was für Wundergnad und Gaben
    Uns von obenher geschehn.
    Da wird dieses nur allein
    Unsres Herzens Sorge sein,
    Daß wir uns nennen,
    Mögen recht und wohl erkennen.
  5. Denn er wird sich zu uns machen
    Wie die schöne Morgenröt,
    Über welche Lust und Lachen
    Bei der ganzen Welt entsteht.
    Er wird kommen uns zur Freud
    Eben zu der rechten Zeit,
    Voller süßen Kraft und Segen,
    Wie die früh und spaten Regen.
  6. Ach, wie will ich dich ergehen,
    O mein hochgeliebtes Volk!
    Meine Gnade soll dich netzen
    Wie ein ausgespannte Wolk,
    Eine Wolke, die das Feld,
    Wann der Morgen weckt die Welt
    Und die Sonne noch nicht leuchtet,
    Mit dem frischen Tau beleuchtet.
Gerhardt, Paul – Johannes sahe durch Gesicht

Gerhardt, Paul – Johannes sahe durch Gesicht

  1. Johannes sahe durch Gesicht
    Ein edles Licht
    Und liebliches Gemälde:
    Er sah ein Haufen Völker stehen,
    Sehr hell und schön,
    Im güldnen Himmelsfelde.
    Ihr Herz und Mut
    Schwebt in dem Gut,
    Das hier kein Mann
    Bezahlen kann
    Mit allem Gut und Gelde.
  2. Sie trugen Palmen in der Hand;
    Ihr Ort und Stand
    War vor des Lammes Throne,
    Ihr Mund war voller Lob und Preis,
    Sie Kleider weiß,
    Ihr Leid, im höhren Tone,
    Klang süß und sang
    Des Höchsten Dank,
    Und dieser Stimm
    Half üm und üm
    Der Engel heilge Krone.
  3. Wer, sprach Johannes, sind doch die,
    Die ich allhier
    In weißem Schmuck seh halten?
    Es sind, antwortet aus der Schar,
    Die um ihn war,
    Der eine von den Alten:
    Es sind, mein Sohn,
    Dich sich den Hohn
    Und Spott der Welt
    Von Gottes Zelt
    Nicht lassen abehalten.
  4. Es sind die, so vor dieser Zeit
    In großem Leid
    Auf Erden sich befunden,
    Die bei des Herren Jesu Ehr
    Und seiner Lehr
    All Angst und Trübsalswunden,
    Zwar ohne Schuld,
    Doch mit Geduld,
    Durch Gott gekühlt,
    Recht wohl gefühlt
    Und fröhlich überwunden.
  5. Dieselben haben all ihr Kleid,
    Als treue Leute,
    Im Glaubensbad erkläret,
    Sie haben sich der Höllen List,
    So viel der ist,
    Mit starkem Mut erwehret
    Und nicht geacht
    Der Erden Pracht,
    Des Lammes Blut
    Zu ihrem Gut
    Erwählet und begehret.
  6. Darum so stehen sie auch nun
    Und all ihr Tun
    Wo Gottes Tempel stehet;
    Der Tempel, da man Tag und Nacht
    Dem Höchsten wacht
    Und seinen Ruhm erhöhet;
    Da leben sie
    Ohn alle Müh,
    Ohn alle Qual
    Im Freudensaal,
    Der nimmermehr vergehet.
  7. Daselbst sitzt Gott in seinem Haus
    Und breit aus
    Die Hütte seiner Güte
    Und deckt mit sanfter Wollust zu
    In stiller Ruh
    Manch trauriges Gemüte.
    Was Freude gibt,
    Dem Herzen liebt,
    Die Augen füllt,
    Das Sehnen stillt,
    Steht da in voller Blüte.
  8. Da ist kein Durst, kein Hungersnot,
    Das Himmelsbrot
    Läßt keinen Mangel leiden,
    Zu heiß und sehr,
    Ihr Glanz bringt lauter Freuden.
    Die Himmelssonn
    Und Herzenswonn
    Ist unser Hirt,
    Der große Wirt
    Und Herr der ewgen Weiden.
  9. Das Lamm wird weiden seine Herd,
    Als sies begehrt,
    Auf Auen, die schön prangen;
    Es wird sie leiten zu dem Quell,
    Der frisch und hell,
    Das Heil draus zu erlangen;
    Und wird gewiß
    Nicht ruhen, bis
    Er uns erfrischt
    Und abgewischt
    Die Tränen unsrer Wangen.
Gerhardt, Paul – Merkt auf, merkt, Himmel, Erde

Gerhardt, Paul – Merkt auf, merkt, Himmel, Erde

  1. Merkt auf, merkt, Himmel, Erde,
    Und du, o Meeresgrund,
    Was ich jetzt singen werde
    Aus Gottes heilgem Mund!
    Es fließe meine Lehre,
    Wie Tau und Regen fleußt;
    Wer Ohren hat, der höre
    Des Höchsten Wort und Geist.
  2. Es läßt der Herr euch weisen
    Sein Ehr und Namenszier;
    Die soll und will ich preisen,
    Das tut auch ihr mit mir.
    Er ist ein Gott der Götter,
    Ein Tröster in der Not,
    Ein Fels, ein einzger Retter
    Und selbst des Todes Tod.
  3. Sein Tun ist lauter Güte,
    Sein Werk ist rein und klar,
    Treu ist er am Gemüte,
    Im Wort und Reden wahr,
    Viel heiliger als die Engel,
    Die doch nur recht getan,
    Frei aller Fehl und Mängel,
    Fern von Unrechtsbahn.
  4. Er ist gerecht. Wir alle
    Sind schändlich angesteckt
    Mit Adams Sünd und Falle,
    Der täglich in uns heckt
    Viel böse schwere Taten,
    Die unserm großen Gott,
    Des kein Mensch kann entraten,
    Geraten nur zum Spott.
  5. Die ungeratnen Kinder,
    Die fallen von ihm ab
    Und werden freche Sünder,
    Vergessen aller Gab
    Und so viel tausend Güter
    Und so viel süßer Gnad,
    Die Ihnen Gott, ihr Hüter,
    So oft erwiesen hat.
  6. Dankst du denn solchermaßen,
    Du toll und töricht Volk,
    Dem, der dir regnen lassen
    Dein Manna aus der Volk
    Und aus des Himmels Kammer
    Dir Speisen zugeschickt,
    Damit in deinem Jammer
    Dein Herze würd erquickt?
  7. Woher hast du dein Leben
    Und deines Liebes Bild?
    Wer hat das Blut gegeben,
    Das dir die Adern füllt?
    Ists nicht dein Herr, dein Schöpfer,
    Dein Vater und dein Licht,
    Der dich, gleich als ein Töpfer,
    Von Erde zugericht?
  8. Gedenk und geh zurücke
    In die vergangnen Jahr;
    Erwäge, was für Glücke
    Gott deiner Väter Schar
    Erzeigt in schweren Zeiten!
    Das ist den Alten kund,
    Die werden dir andeuten
    Den rechten wahren Grund.
  9. Er stieß die wilden Heiden
    Mit seiner starken Hand
    Aus ihrer fetten Weiden
    Und gab das schöne Land
    Des Israels Geschlechte
    Zu seines Namens Ruhm
    Und Jacob, seinem Knechte,
    Zum Erb und Eigentum.
  10. Er fand ihn, wo es heulet,
    In dürrer Wüstenei,
    Er fand ihn und erteilet
    Ihm alle Vatertreu;
    Er lehret ihn, was tauge
    Und er selbst Tugend heiß,
    Er hielt ihn wie ein Auge
    Und sparte keinen Fleiß.
  11. Gleichwie ein Adler sitze
    Auf seiner zarten Brut
    Und gar genau beschützet,
    Was ihm am Herzen ruht;
    Er dehnt die starken Flügel,
    Wenn er sich hoch erschwingt
    Und über Tal und Hügel
    Sein edle Jungen bringt
  12. So hat sich auch gebreitet
    Des Höchsten Lieb und Gnad
    Auf Jakob, den er leitet,
    Auf daß ihm ja kein Schad
    Hier oder da anstieße:
    Er hub, er trug mit Fleiß,
    Bewahrt ihm Gang und Füße
    Auf seiner ganzen Reif.
  13. Er, sein Gott, tats alleine
    Und sonst kein anderer Gott;
    Es gaben Feld und Steine
    Öl, Honig, Wasser, Brot
    Ohn alle seine Mühe;
    Er hatte guten Mut
    Beim Fett der Schaf und Kühe
    Und trank gut Traubenblut.
  14. Da er nun wohl gegessen,
    Vergaß er Gottes Heil,
    Und da er des vergessen,
    Da wird er frech und geil;
    Da seine Not gestillet,
    Beschimpft er Gottes Ehr,
    Und da der Lieb gefüllet,
    Da wird das Herze leer.
  15. Leer wird es an dem Guten,
    Des Bösen wird es voll,
    Ließ Götzenopfer bluten
    Und dient, als wär er toll,
    Des schändlichen Feldteufeln:
    Und den, an dessen Macht
    Die Teufel selbst nicht zweifeln,
    Den ließ er aus der Acht.
  16. Er ließ den ewgen Retter
    Und gab sich in den Schirm
    Der neuerdachten Götter,
    Hielt Bestien und Gewürm
    Und Bilder von Metallen,
    Von Holz, von Stein und Ton,
    Den Heiden zu gefallen,
    Für seiner Seelen Kron.
  17. Als das nun der erkannte,
    Der Herz und Nieren kennt,
    Da wuchs sein Zorn und brannte,
    Gleichwie ein Feuer brennt:
    Und die er vor so schöne
    Geliebt an seinem Teil
    Als Töchter und als Söhne,
    Die wurden ihm ein Greul.
  18. Ich will mich, sprach er, wenden
    Von dieser schnöden Art,
    Die so abscheulich schänden
    Mich, der ich nichts gespart
    An meiner Treu und Güte:
    Ich habe recht geliebt,
    Dafür wird mein Gemüte
    Gekränket und betrübt.
  19. Sie reizen mich mit Sünden:
    Was gilt, es soll einmal
    Sich wieder etwas finden
    Zu ihrem Zorn und Qual!
    Es werden Völker kommen,
    Die blind sind als ein Stein:
    Sie sollen meine Frommen
    Und liebten Kinder sein.
  20. Mein Feuer ist entstanden
    Und brennet lichterloh
    In meines Volkes Landen,
    Die sind ihm wie das Stroh.
    Es wird weit um sich greifen
    Bis zu der Höllengrund
    Und alle Frucht abstreiten,
    Die auf der Erdenrund.
  21. Ich will mit meinen Pfeilen
    Sie treiben in den Tod:
    Es soll sie übereilen
    Schwert, Pest und Hungersnot.
    Ich will viel Tiere schicken
    Und strenges Schlangengift,
    Das soll zermartern, drücken
    Und fressen, wen es trifft.
  22. Ich will sie recht belohnen,
    Mein Zorn soll gleich ergehn,
    Auch derer nicht verschonen,
    Die jung, gerad und schön;
    Ich will sie all zerstäuben
    Und fragen hier und dort:
    Wo ist dann nun ihr Bleiben?
    Welch ist ihr Sitz und Ort?
  23. Doch muß ich gleichwohl scheuen
    Den ungereimten Wahn
    Der Feinde, die sich freuen,
    Als hätten sies getan.
    Sie bleiben wie die Narren
    Bei ihrem Gaukelspiel
    Und ziehn am Torheitkarren,
    Ich tu auch, was ich will.
  24. O, daß mein Volk verstünde
    Das edle schöne Gut,
    Das, wenns nun seine Sünde
    Bereut und Buße tut,
    Ihm nachmals wird beginnen!
    Denn was ich wieder segnen,
    Sobald es Gnade sucht.
  25. Mein Volk kommt aus Weinen,
    Sein Feind kommt aus der Ruh,
    Ihr tausend flieht vor einem,
    Wie geht das immer zu?
    Ihr Herr, ihr Fels und Leben,
    Ist weg aus ihrem Zeit,
    Er hat sie übergeben
    Zur Flucht ins freie Feld.
  26. Seid froh, ihr treuen Knechte
    Des Gottes Israel,
    Des Arm und starke Rechte
    Euch schützt an Leib und Seel,
    Habt fröhliches Vertrauen
    Und Glauben, der da siegt:
    So wird Gott wieder bauen,
    Was jetzt darniederliegt.
  27. Er wird am Feinde rächen,
    Was uns zuviel geschehn,
    Uns wird er Trost zusprechen,
    Uns wieder lassen sehn
    Die Sonne seiner Gnaden:
    Die wird in kurzer Zeit
    Des Landes Klag und Schaden
    Verkehrn in Glück und Freud.
Gerhardt, Paul – Mein Gott, ich habe mir

Gerhardt, Paul – Mein Gott, ich habe mir

  1. Mein Gott, ich habe mir
    Gar fest gesetzet für,
    Ich will mich fleißig hüten,
    Wenn meine Feinde wüten,
    Daß, wenn ich ja was spreche,
    Ich dein Gesetz nicht breche.
  2. Wenn mein Geblüt entbrennet,
    So hab ich mich gewöhnt,
    Vor deinen Stuhl zu treten,
    Laß Herz und Zunge beten;
    Herr, zeige deinem Knechte,
    Zu tun nach deinem Rechte.
  3. Herr, lehre mich doch wohl
    Bedenken, daß ich soll
    Einmal von dieser Erden
    Hinweg geraffet werden,
    Und daß mir deine Hände
    Gesetzet Zeit und Ende.
  4. Die Tage meiner Zeit
    Sind eine Hand nur breit,
    Und wenn man dies mein Bleiben
    Soll recht und wohl beschreiben,
    So ists ein Nichts und bleibet
    Ein Stäublein, das zerstäubet.
  5. Ach, wie so gar nichts wert
    Sind Menschen auf der Erd,
    Die doch so sicher leben
    Und gar nicht Acht drauf geben,
    Daß all ihr Tun und Glücke
    Verschwind im Augenblicke.
  6. sie gehen in der Welt
    Und suchen Gut und Geld,
    Der Schatten einen Schemen!
    Und können nichts mitnehmen,
    Wann nach der Menschen Weise
    Sie tun des Todes Reise.
  7. Sie schlafen ohne Ruh,
    Arbeiten immerzu,
    sind Tag und Nacht geflissen,
    Und können doch nicht wissen,
    Wer, wenn sie niederliegen,
    Ihr Erbe werde kriegen.
  8. Nun, Herr, wo soll ich hin?
    Wer tröstet meinen Sinn?
    Ich komm an deine Pforten,
    Der du mit Werk und Warten
    Erfreuest, die dich scheuen
    Und dein allein sich freuen.
  9. Wann sich mein Feind erregt
    Und mir viel Dampfs anlegt,
    So will ich stille schweigen,
    Mein Herz zur Ruhe neigen:
    Du Richter aller Sachen,
    Du kannst und wirsts wohl machen.
  10. Wenn du dein Hand ausstreckst,
    Des Menschen Herz erschreckst,
    Wenn du die Sünd heimsuchest,
    Den Sünder schiltst und fluchest:
    So geht in einer Stunde
    All Herrlichkeit zugrunde.
  11. Der schönen Jugend Kranz,
    Der roten Wangen Glanz
    Wird wie ein Kleid verzehret,
    So hier der Matten nähret.
    Ach, wie gar nichts im Leben
    Sind die auf Erden schweben!
  12. Du aber, du mein Hort,
    Du bleibet fort und fort
    Mein Helfer, sieht mein Sehnen,
    Mein Angst und heiße Tränen,
    Erhöret meine Bitte,
    Wenn ich mein Herz ausschütte.
  13. Drum ruhet mein Gemüt
    Allein auf deiner Güt;
    Ich laß dein Herze sorgen,
    Als deme nicht verborgen,
    Wie Meiner Feinde Tücke
    Du treiben sollst zurücke.
  14. Ich bin dein Knecht und Kind,
    Dein Erb und Hausgesind,
    Dein Pilgrim und dein Bürger,
    Der, wenn der Menschenwürger
    Mein Leben mir genommen,
    Zu dir gewiß wird kommen.
  15. Zur Weit muß ich hinaus,
    Der Himmel ist mein Haus,
    Da in den Engelscharen
    Mein Eltern und Vorfahren,
    Auch Schwestern, Freund und Brüder
    Jetzt singen ihre Lieder.
  16. Hie ist nur Qual und Pein,
    Dort, dort wird Freude sein!
    Dahin, wenn es dein Wille,
    Ich fröhlich, sanft und stille
    Aus diesen Jammerjahren
    Zur Ruhe will abfahren.
Gerhardt, Paul – Meine Seel ist in der Stille

Gerhardt, Paul – Meine Seel ist in der Stille

  1. Meine Seel ist in der Stille,
    Tröstet sich des Höchsten Kraft,
    Dessen Rat und heilger Wille
    Mir bald Rat und Hülfe schafft.
    Der kann mehr als alle Götter,
    Ist mein Hort, mein Heil, mein Retter.
    Daß kein Fall mich stürzen kann,
    Trät er noch so heftig an.
  2. Meine Nasser, hört! Wie lange
    Stellt ihr alle einem nach?
    Ihr macht meinem Herzen bange,
    Mir zur Ehr und euch zur Schmach.
    Hanget, wie zerrissne Mauern
    Und wie Wände, die nicht dauern,
    Uber mir, und seid bedacht,
    Wie ich werde tot gemacht.
  3. Ja fürwahr, daß einge denken,
    Die, so mir zuwider seind,
    Wie sie mir mein Leben senken
    Dahin, da kein Licht mehr scheint.
    Dann geht ihr Mund aufs Lügen
    Und das Herz auf lauter Trügen;
    Gute Wort und falsche Tück
    Ist ihr bestes Meisterstück.
  4. Dennoch bleib ich ungeschrecket,
    Und mein Geist ist unverzagt
    In dem Gotte, der mich decket,
    Wenn die arge Welt mich plagt.
    Auf den harret meine Seele;
    Da ist Trost, den ich erwähle,
    Da ist Schutz, der mir gefällt,
    Und Errettung, die mich hält.
  5. Nimmer, nimmer werd ich fallen,
    Nimmer werd ich untergehn,
    Denn hier ist, der mich vor allen,
    Die mich drücken, kann erhöhn.
    Bei dem ist mein Heil und Ehre,
    Meine Stärke, meine Wehre;
    Meine Freud und Zuversicht
    Ist nur stets auf Gott gericht’.
  6. Hoffet allzeit, lieben Leute,
    Hoffet allzeit stark auf ihn.
    Kommt die Hülfe nicht bald heute,
    Falle doch der Mut nicht hin.
    Sondern schüttet aus dem Herzen
    Eures Herzens Sorg und Schmerzen,
    Legt sie für sein Angesicht,
    Traut ihn fest und zweifelt nicht.
  7. Gott kann alles Unglück enden,
    Wird’s auch herzlich gerne tun
    Denen, die sich zu ihm wenden
    Und auf seine Güte ruhn.
    Aber Menschenhülf ist nichtig,
    Ihr Vermögen ist nicht tüchtig,
    Wär es gleich noch eins so groß,
    Uns zu machen frei und los.
  8. Große Leute, große Toren
    Prangen sehr und sind doch Kot,
    Füllen Sinnen, Aug und Ohren,
    Kommt’s zur Tat, so sind sie tot.
    Will man ihres Tuns und Sachen
    Eine Prob und Rechnung machen,
    Nach dem Ausschlag des Gewichts
    Sind sie weniger denn nichts.
  9. Laßt sie fahren, lieben Kinder,
    Da ist schlechter Vorteil bei.
    Habt für allem, was die Sünder
    Frechlich treiben, Furcht und Scheu.
    Laßt euch Eitelkeit nicht fangen,
    Nach, was nichts ist, nicht verlangen.
    Käm auch Gut und Reichtum an,
    Ei so hängt das Herz nicht dran.
  10. Wo das Herz am besten stehe,
    Lehrt am besten Gottes Wort
    Aus der güldnen Himmelshöhe;
    Denn da hör ich fort und fort,
    Daß er groß und reich von Kräften,
    Rein und heilig in Geschäften,
    Gütig dem, der Gutes tut.
    Nun! der sei mein schönstes Gut.
Gerhardt, Paul – Nun sei getrost und unbetrübt

Gerhardt, Paul – Nun sei getrost und unbetrübt

  1. Nun sei getrost und unbetrübt,
    du mein Geist und Gemüte!
    Dein Jesus lebt, der dich geliebt
    eh, als dir dein Geblüte
    und Fleisch und Haut werd zugericht;
    Der wird dich auch gewißlich nicht
    an deinem Ende hassen.
  2. Erschrecke nicht vor deinem End,
    es ist nichts Böses drinnen;
    Dein lieber Herr streckt seine Händ
    und fordert dich von hinnen
    aus soviel tausend Angst und Qual,
    die du in diesem Jammertal
    bisher hast ausstanden.
  3. Zwar heißts ja Tod und Sterbensnot,
    doch ist da gar kein Sterben;
    Denn Jesus ist des Todes Tod
    und nimmt ihm das Verderben,
    daß alle seine Stärk und Kraft
    mir, wenn ich jetzt werd hingerafft,
    nicht auf ein Härlein schade.
  4. Des Todes Kraft steht in der Sünd
    und schnöden Missetaten,
    darin ich armes Adamskind
    so oft und viel geraten;
    Nun ist die Sünd in Jesu Blut
    ersäuft, erstickt, getilgt und tut
    fort gar nichts mehr zur Sachen.
  5. Die Sünd ist hin und ich bin rein;
    trotz dem, der mir das nehme!
    Hinfüro ist das Leben mein,
    darf nicht, daß ich mich gräme
    um einger Sündenlohn und -Sold;
    Wer ausgesöhnt, dem ist man hold
    und tut ihm nichts zuwider.
  6. Ei nun, so nehm ich Gottes Gnad
    und alle seine Freude
    mit mir auf meinen letzten Pfad
    und weiß von keinem Leide.
    Der wilde Feind muß nun ein Schaf,
    sein Ungestüm ein süßer Schlaf
    und sanfte Ruhe werden.
  7. Du, Jesu, allerliebster Freund,
    bist selbst mein Licht und Leben:
    Du hältst mich fest, und kann kein Feind,
    Dich, wo du stehest, heben.
    In dir steh ich, und du in mir;
    und wie wir stehn, so bleiben wir
    hier und dort ungeschieden.
  8. Mein Leib, der legt sich hin zur Ruh,
    als der fast müde worden;
    Die Seele fährt dem Himmel zu
    und mischt sich in den Orden
    der auserwählten Gottesschar
    und hält das ewige Jubeljahr
    mit allen heilgen Engeln.
  9. Kommt dann der Tag, o höchster Fürst
    der Kleinen und der Großen,
    da du zum allerletzuten wirst
    In die Posaunen stoßen,
    So soll denn Seel und Leid zugleich
    mit dir in deines Vaters Reich
    zu deiner Freud eingehen.
  10. Ists nun dein Will, so stell dich ein,
    mich selig zu versetzen.
    Ach, ewig bei und mit dir sein,
    wie hoch muß das ergetzen!
    Eröffn dich, du Todespfort,
    auf daß an solchen schönen Ort
    ich durch möge fahren!
Gerhardt, Paul – Noch dennoch mußt du drum nicht ganz

Gerhardt, Paul – Noch dennoch mußt du drum nicht ganz

  1. Noch dennoch mußt du drum nicht ganz
    in Traurigkeit versinken,
    Gott wird des süßen Trostes Glanz
    schon wieder lassen blinken.
    Steh in Geduld, wart in der Still
    und laß Gott machen, wie er will,
    Er kanns nicht böse machen.
  2. Ist denn dies unser erstes Mal,
    daß wir betrübet werden?
    Was haben wir als Angst und Qual
    bisher gehabt auf Erden?
    Wir sind wohl mehr so hoch gekränkt,
    und hat doch Gott uns drauf geschenkt
    ein Stündlein voller Freuden.
  3. So ist auch Gottes Meinung nicht,
    wenn er uns Unglück sendet,
    als dass sein Angesicht
    ganz von uns sei gewendet;
    Nein, sondern dieses ist sein Rat,
    daß der, so ihn verlassen hat,
    durchs Unglück wiederkehren.
  4. Denn das ist unsers Fleisches Mut,
    wenn wir in Freuden leben,
    Daß wir dann unserm höchsten Gut
    am ersten Urlaub geben,
    Wir sind von Erd und Halten Wert
    viel mehr, was hier ist auf der Erd
    als was im Himmel wohnet.
  5. Drum fährt uns Gott durch unsern Sinn
    und läßt uns Weh geschehen:
    Er nimmt oft, was uns lieb, dahin,
    damit wir aufwärts sehen
    und uns zu seiner Güt und Macht,
    Die wir bisher nicht groß geacht,
    als Kinder wiederfinden.
  6. Tun wir nun das, ist er bereit,
    uns wieder anzunehmen,
    Macht aus dem Leide lauter Freud
    und Lachen aus dem Grämen,
    und ist ihm das gar schlechte Kunst;
    Dem ist geschwind geholfen.
  7. Drum falle, du betrübtes Heer,
    in Demut vor ihm nieder;
    spricht; Herr, wir geben dir die Ehr,
    Ach, nimm uns Sünder wieder
    in deine Gnade! Reiß die Last,
    die du uns aufgeleget hast,
    hinweg, heil unsern Schaden!
  8. Denn Gnade geht doch vor Recht,
    Zorn muß der Liebe weichen,
    wenn wir erliegen, muß uns schlecht
    Gott sein Erbarmen reichen
    Dies ist die Hand, die uns erhält,
    wo wir die lassen, bricht und fällt
    all unser Tun in Haufen.
  9. Auf Gottes Liebe mußt du stehn
    und dich nicht lassen fällen,
    wenn auch der Himmel ein wollt gehn
    und alle Welt zerschellen;
    Gott hat uns Gnade zugesagt,
    sein Wort ist klar, wer sich drauf wagt,
    dem kann es nimmer fehlen.
  10. So darfst du auch an seiner Kraft
    gar keinen Zweifel haben.
    Wer ists, der alle Dinge schafft?
    Wer teilt aus alle Gaben?
    Gott tuts! Und das ist auch der Mann,
    der Rat und Tat erfinden kann,
    wann jedermann verzaget.
  11. Deucht dir die Hilf unmöglich sein,
    so sollst du gleichwohl wissen:
    Gott räumt uns dieses nimmer ein,
    daß er sich laß einschließen
    in unsers Sinnes engen Stall;
    sein Arm ist frei tut überall
    viel mehr als wir verstehen.
  12. Was ist sein ganzes wertes Reich
    als lauter Wundersachen?
    Er hilf und baut, wann wir uns gleich
    Des gar kein Hoffnung machen,
    und das ist seines Namens Ruhm,
    den du, wann du sein Heiligtum
    willst sehen, ihm mußt geben.
Gerhardt, Paul – Warum sollte ich mich grämen?

Gerhardt, Paul – Warum sollte ich mich grämen?

  1. Warum sollte ich mich grämen?
    Hab’ ich doch
    Christum noch,
    Wer will mir den nehmen?
    Wer will mir den Himmel rauben,
    Den mir schon
    Gottes Sohn
    Beigelegt im Glauben?
  2. Nackend lag ich auf dem Boden,
    Da ich kam,
    Da ich nahm
    Meinen ersten Odem;
    Nackend wird ich auch hinziehen,
    Wann ich wird
    Von der Erd
    Als ein Schatten fliehen.
  3. Gut und Blut, Leib, Seel und Leben
    Ist nicht mein;
    Gott allein
    Ist es, ders gegeben.
    Will ers wieder zu sich kehren,
    Nehm ers hin!
    Ich will ihn
    Dennoch fröhlich ehren.
  4. Schickt er mir ein Kreuz zu tragen,
    Dringt herein
    Angst und Pein,
    Sollt’ ich drum verzagen?
    Der es schickt, der wird es wenden!
    Er weiß wohl,
    Wie er soll
    All mein Unglück enden.
  5. Gott hat mich bei guten Tagen
    Oft ergötzt:
    Sollt’ ich jetzt
    Nicht auch etwas tragen?
    Fromm ist Gott und schärft mit Massen
    Sein Gericht,
    Kann mich nicht
    Ganz und gar verlassen.
  6. Satan, Welt und ihre Rotten
    Können mir
    Nichts mehr hier
    Tun, als meiner spotten.
    Laß sie spotten, laß sie lachen!
    Gott, mein Heil,
    Wird in Eil
    Sie zu Schanden machen.
  7. Unverzagt und ohne Grauen
    Soll ein Christ,
    Wo er ist,
    Stets sich lassen schauen.
    Wollt’ ihn auch der Tod aufreiben,
    Soll der Mut
    Dennoch gut
    Und fein stille bleiben.
  8. Kann uns doch kein Tod nicht töten,
    Sondern reißt
    Unsern Geist
    Aus viel tausend Nöten,
    Schleusst das Tor der bittern Leiden
    Und macht Bahn,
    Da man kann
    Gehn zu Himmelsfreuden.
  9. Allda will in süßen Schätzen
    Ich mein Herz
    Auf den Schmerz
    Ewiglich ergötzen.
    Hier ist kein recht Gut zu finden.
    Was die Welt
    In sich hält,
    Muß im Hui verschwinden.
  10. Was sind dieses Lebens Güter?
    Eine Hand
    Voller Sand,
    Kummer der Gemüter.
    Dort, dort sind die edlen Gaben,
    Da mein Hirt,
    Christus, wird
    Mich ohn’ Ende laben.
  11. Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden,
    Du bist mein,
    Ich bin dein,
    Niemand kann uns scheiden:
    Ich bin dein, weil du dein Leben
    Und dein Blut
    Mir zugut
    In den Tod gegeben.
  12. Du bist mein, weil ich dich fasse
    Und dich nicht,
    O mein Licht,
    Aus dem Herzen lasse.
    Laß mich, laß mich hingelangen,
    Da du mich
    Und ich dich
    Leiblich werd’ umfangen!
Gerhardt, Paul – So geht der alte liebe Herr nun auch dahin

Gerhardt, Paul – So geht der alte liebe Herr nun auch dahin

  1. So geht der alte liebe Herr nun auch dahin:
    Nach dem er achtzig und drüber ist gelebet.
    Er geht zu Gott: Und legt und schlägt aus seinem Sinn
    Das, was noch, wies Gott weiß, uns überm Haupte schwebet.
  2. Die Kinder klagen ihn, ach Vater, unser Schutz!
    Die Ehgenossin läßt die Tränen häufig fließen.
    Was Kindeskinder sind, bedenken, was für Nutz
    Sie hiebevor gehabt und nun nicht mehr genießen.
  3. Und weinen bitterlich. Die werte Bürgerschaft
    Folgt ihrem Haupte nach und gibt ihm das Geleite
    Zu seinem Schlafgemach, dahin der Tod ihn rafft
    Gleich wie uns allzumal. Ich aber seh ihm heute
  4. Zu Ehren diese Schrift: Ein Mann von alter Treu
    Und deutscher Redlichkeit, ein Mann von vielen Gaben
    Und großer Wissenschaft, ein Mann, der frisch und frei
    Das Recht geschützt, die Stadt regiert, wird jetzt begraben.